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„Die neue Kohl“: Die Medienstimmen zur Merkel-Kandidatur

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Weniger Jubel war selten. Angela Merkel verkündet ihren Willen, zum vierten Mal für das Amt des Bundeskanzlers zu kandidieren und die Medien zeigen sich wenig euphorisch. Trotzdem halten sie diesen Schritt für alternativlos. Immerhin sei die CDU-Frontfrau die "Führerin der freien Welt" (Zeit), "die neue Kohl" (taz), die aber endlich "mehr Inhalte wagen" müsse (Tagesspiegel).

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Geradezu kämpferisch geht die Zeit das Thema an. In seinem Kommentar schreibt Robert Misik: „Angela Merkel ist eine der Hauptverantwortlichen für die globale ökonomische Krise und die wachsende Zukunftsangst. Gerade deshalb hat sie jetzt eine historische Aufgabe.“

Auch der stellvertretende Chefredakteur des Spiegels, Dirk Kurbjuweit ist wenig begeistert. „Hat jemand verstanden, warum Angela Merkel noch einmal antreten und was sie in vier weiteren Regierungsjahren machen will?“, fragt er im Morning-Briefing der Hamburger. Natürlich liefert er auch gleich eine Antwort: „Ich nicht“. Kurbjuweit kommt zu dem Schluss: „Die Frau, von der in den Donaldistischen Zeiten so viel erwartet wird, hat enttäuscht“.

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Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegels, ist ebenfalls davon überzeugt, dass Merkel künftig „mehr Inhalte wagen“ müsse. Er beschäftigt sich aber auch mit dem Zustand der Kanzlerinnen-Partei: „Zunächst einmal: Es wäre ein Witz gewesen, hätte Merkel hingeworfen. So wäre es nämlich in ihrer eigenen Partei empfunden worden. Die CDU ist doch auf sie ausgerichtet wie nie eine Partei zuvor auf irgendjemanden. Sie ist inhaltlich gewendet, politisch durchgewalkt, personell ausgezehrt. Oder anders: Diejenigen, die nach Merkel kommen könnten, sind noch zu jung. Die Älteren haben ihre Chance hinter sich.“

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Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart ist froh, dass Merkel am Tisch sitzt, wenn sich Erdogan, Putin, Trump, die Chinesen oder die Ajatollahs daran machen würden, die Welt neu zu sortieren. „Die anderen peitschen auf, sie beruhigt. Sie ist unter den Mächtigen die letzte Moderate. In einer Welt, in der düstere Wolken aus aller Herren Länder den Himmel verdunkelt haben, bietet ihr Temperament keine Garantie, aber Trost. Merkel weiß um ihre Ohnmacht, wenn es zu den letzten Entscheidungen von Krieg oder Frieden kommt. Das helle Licht der Hoffnung kann ein deutscher Kanzler nicht sein. Aber Merkel ist zumindest die Kerze, die Zuversicht spendet.“
Weiter schreibt er: „Insofern ist sie die richtige Frau zur richtigen Zeit. Alle anderen großen Gefühle – die Sehnsucht nach Aufbruch, nach Reform im Inneren und nach mehr Demokratie und ökonomischer Effizienz in Europa – müssen jetzt warten, wissend, dass diese unterdrückten Sehnsüchte später umso heftiger auf das Land zurückwirken werden. Unser Sicherheitsgefühl von heute bezahlen wir mit der gesellschaftlichen Unruhe von morgen.“

FAZ-Herausgeber Holger Stelzner beschäftigt sich mit den strategischen Überlegungen hinter der erneuten Kandidatur. Im nächsten Bundestag dürften mehr Parteien vertreten sein als jemals zuvor. Ob es da für eine schwarz-grüne Mehrheit reicht? Doch bis dahin dürfte Merkel die CDU noch grüner machen. In der Flüchtlings- und in der Energiepolitik ist man sich schon ganz nah. Manche in der SPD sehen in der eigenen Vergrünung den Grund für die Schrumpfung der ehemals großen Arbeiterpartei. Eine Kopie dieser Strategie könnte Merkel zwar den Machterhalt sichern, aber was folgt auf eine Vergrünung der CDU?”

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Die taz witzelt dagegen erst einmal über den Fakt, dass sich Merkel anschickt, mit der Regierungszeit von Helmut Kohl gleichzuziehen. Unter einer Fotomontage, die einen Mix aus Kohl und Merkel zeigt, heißt es: „Mohl oder Kerkel oder Kohkel“. In ihrem Kommentar schreibt Anja Maier dann: „Es wird, so viel ist schon heute klar, der anstrengendste Wahlkampf, den das Land je erlebt hat. Aber diese Auseinandersetzung ist überfällig. Zur Demokratie gehört der offen ausgetragene Wettstreit der Ideen. Die BürgerInnen dieses Landes werden sich darüber, jeder und jede für sich, verständigen müssen, was ihnen der Parlamentarismus wert ist. Nach vielen Jahren der – übrigens maßgeblich von Merkel selbst verantworteten – politischen Agonie wird es hoffentlich endlich wieder einen echten Austausch geben. Keine politische Figur verkörpert so deutlich wie Merkel den Wandel von der stillen Verwalterin zu jener Akteurin, die gezwungen wird, ihr Tun zu erklären.”

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Alle Kommentare

  1. Am aller”lustigsten” war in den letzten Tagen, dass “die Medien” (Bild am Sonntag mit Emnid und 55 % wollen Merkel) aber vor allem auch die öffentlich-rechtlichen erneut mit “Umfragen” daher kamen. KÖNNT IHR NICHT ANDERS, möchte man denen zurufen. Wir haben doch eben noch gesehen und gehört, dass die Wähler bei diesen permanenten “repräsentativen” Telefonumfragen (hahahaaaaa…. tausend Mal wird man angerufen, tausend Mal erzählt man denen irgendwas, gibt ein Alter an, das man nicht hat usw.) nicht die Wahrheit sagen. Es war beim Brexit so, bei der Trump-Wahl und bei allem, was hier gefragt wird, ist es auch so. Wie kann es sein, dass erneut mit “über 55 %” rumgelabert wird, wenn es um die Beliebtheit von Merkel geht. Was wollt Ihr uns damit sagen? Dass IHR Frau Merkel massiv unterstützt oder was?

  2. Merkel ist eine Kanzlerin in bester deutscher Tradition!

    Freiwillig ist von denen noch keiner abgetreten

    Wollen hoffen das nicht wieder erst “der Iwan” in der Tür stehen muss

  3. In diesem Meedia-Artikel fehlen die “100 Hass-Mails” von Focus-online. Titel:

    “100 Kommentare blanker Hass – warum tun Sie sich das an, Frau Merkel?”

    Zwar distanziert sich Focus scheinheilig von den Kommentaren aus Social Media. Trotzdem “dokumentiert” die Redaktion die “bedenkliche” Stimmung (Zitat) durch vollständigen Abdruck aller Hass-Mails und schreckt auch nicht von mehreren Dutzend wörtlichen Mordaufrufen und Erschießungs-Ankündigungen zurück. “Wenn die Kanzlerin wird, snipe ich sie weg” (Zitat Hass-Mail Nr. 100).

    Focus heizt den Hass schlimmer an als es je Trump gewagt hat. Das intolerante Trump-Gift ist in Burda’s Polit-Magazin Focus 1 : 1 angekommen.
    Wenn das keinen Meedia-Erwähnung verdient…!

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