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Warum die Behauptung, 60% der Twitter-Follower deutscher Politiker wären „Bots“, nicht stimmt

Christian Ströbele, Katrin Göring-Eckardt und Peter Tauber: Haben sie 60% Bots und "Fake-Profile" unter ihren Followern? Nein.

Eine Analyse des Vice-Magazins Motherboard macht am Freitag die Runde: Sie behauptet, deutsche Politiker hätten bis zu 60% „Bots“ und „Fake-Follower“ unter ihren Twitter-Fans. Doch die Behauptung, bei den vielen inaktiven Accounts würde es sich um „Bots“ handeln, ist falsch. Die Erklärung ist viel einfacher und unspektakulärer.

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Es sind gigantische Zahlen: 55% bis 60% der Twitter-Follower von Politikern wie Christian Ströbele, Katrin Göring-Eckardt, Peter Tauber, Heiko Maas und Peter Altmaier seien „Bots“ und „Fake-Follower“. Behauptet wird das in einer aktuellen Analyse des Vice-Magazins Motherboard. Zwar schreibt der Autor selbst: „Die Datenerhebung ist dabei ausschließlich quantitativ vergleichender Art und stellt keine qualitative Bewertung der analysierten Twitter-Profile dar“, doch er behauptet dennoch, es handele sich um „Fake-Profile“ und „Bots“. Er zieht Parallelen zum US-Wahlkampf und schließt seine Analyse mit der These ab: „Social Bots werden wohl auch in Deutschland weit über die Bundestagswahl 2017 hinaus eine der größten Herausforderungen sein, die wir neben Fake-News und Hass im Netz meistern müssen.“

Doch die These, bis zu 60% der Politiker-Follower seien Bots und Fake-Follower, die den Bundestagswahlkampf beeinflussen wollen, ist gelinde gesagt eine steile These. Man könnte auch sagen, sie ist Quatsch. Um auf die Zahlen zu kommen, hat der Vice-Autor das Tool Twitonomy genutzt, um an die jeweils 15.000 aktuellsten Twitter-Follower von 18 deutschen Politiker zu kommen. Anschließend wurde das Verhältnis zwischen Followern und Followings der Accounts ausgerechnet. Ein Verhältnis z.B. von einem Follower, den man hat, aber 30 Accounts, denen man selbst folgt, wäre ein klares Indiz dafür, dass man ein Bot oder ein Fake-Profil sei. Das würden „renommierte wissenschaftliche Studien“ auch so sagen. Doch diese Behauptung greift viel viel zu kurz. Und zwar darum:

Wenn man sich bei Twitter neu anmeldet, seinen Namen und eine E-Mail-Adresse angegeben hat, schnell noch einen Twitter-Namen, gelangt man direkt auf eine Seite, auf der Twitter nach den Interessen fragt. Derzeit hat man die Auswahl aus „Fußball, News, Sport, Web Stars, Unterhaltung, Fernsehen, Musik, Fashion & Lifestyle, Politik & Staat, Radio, Umwelt & Soziales und Städte“.

Klickt man nun auf Politik & Staat und wählt „Mitglieder des Bundestages“ und „Bundesregierung & Behörden“ aus, so öffnet sich eine weitere Seite, auf der bestimmte Politiker und Institutionen empfohlen werden, denen man doch folgen könnte. Mit einem Klick folgt man allen 30. Die Empfehlungen zum Thema „Mitglieder des Bundestages“ sehen z.B. so aus:

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Fällt Ihnen etwas auf? Die angeblichen „Bot“- und „Fake Follower“-Könige Christian Ströbele, Peter Tauber und Katrin Göring-Eckardt sind allesamt oben dabei, Heiko Maas steht zudem an zweiter Stelle der Kategorie „Bundesregierung &-behörden“.

Wer sich regelmäßig mit Twitter-Zahlen beschäftigt und sie analysiert, weiß, dass diese offiziellen Empfehlungen massiv die Follower-Zahlen der empfohlenen Accounts beeinflussen. So haben z.B. bei der Fußball-WM 2014 Accounts von Fußball-Medien und -Experten in kurzer Zeit zigtausende Follower hinzu gewonnen. Und das deutsche Account von Chip Online hat durch eine falsche Empfehlung ebenfalls zigtausende Follower aus der Türkei gewonnen.

Da die Hürde, ein neues Twitter-Account anzumelden so gering ist – es reicht ein Name, eine E-Mail-Adresse und ein Accountname -, werden eben auch viele Accounts angemeldet, die dann nicht genutzt werden. Sie folgen dann 30 oder mehr anderen Accounts, twittern aber nicht selbst. Wie viele dieser Accounts tatsächlich genutzt werden, um zu lesen, was die Gefolgten auf Twitter von sich geben – und wie viele darunter sind, die Twitter einfach mal ausprobieren wollten, dann aber schnell die Lust verloren haben, ist schwer zu sagen. Dass diese „ganz besondere Art von Fake-Profil“, wie der Motherboard-Autor sie nennt, aber tatsächlich „Fake-Profile“ oder gar „Bots“ sind, ist sehr sehr unwahrscheinlich. Und die These des befragten „Hamburger Politikberaters und Bloggers“ Martin Fuchs, es handele sich gar um „Bot-Netzwerke, die wahrscheinlich für einen späteren Einsatz vorbereitet werden“ ebenfalls.

Sicher: Im Bundestagswahlkampf 2017 werden alle Seiten versuchen, die sozialen Netzwerke für ihre Zwecke zu nutzen, vielleicht sogar zu missbrauchen. Doch mit den 60% inaktiven Accounts der Politiker wird das nicht geschehen. Hierbei handelt es sich ganz einfach überwiegend um Karteileichen oder inaktive Twitterer, die nur lesen – so wie auch bei anderen – nicht politischen – Twitter-Accounts. Und nicht um geheimnisvolle Bots.

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