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Andere Ansichten zulassen: Sandra Maischbergers gelungene Publikums-Debatte zum Reiz-Thema Islam

Sandra Maischberger ließ in ihrer aktuellen Sendung vor allem Zuschauer zu Wort kommen

Sandra Maischberger veranstaltete in der gestrigen Ausgabe ihrer Talkshow „Maischberger“ erstmals eine so genannte „Publikums-Debatte“. Zum Reiz-Thema Islam waren nicht nur Politiker und einige Experten-Gäste geladen, sondern auch viele Zuschauer. Was leicht in einem Durcheinander hätte enden können, wurde zu einem gelungenen Experiment, bei dem tatsächlich viele unterschiedliche Ansichten zugelassen wurden.

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Man muss vor allem der Redaktion der Maischberger-Sendung ein großes Lob aussprechen. Die Gäste-Auswahl und -Akquisition ist ohnehin einer der wichtigsten und schwierigsten Jobs bei der Vorbereitung einer Talkshow. Und während man bei einer normalen Ausgabe zur Not immer noch Alice Schwarzer oder Wolfgang Bosbach anrufen kann, mussten diesmal ganz viele Normalos „beschafft“ werden.

Das ist nicht ganz ungefährlich für so eine Sendung, denn man weiß vorher ja nicht, wie die unerfahrenen Leute vor einer Kamera in einer Live-Situation reagieren. Will am Ende doch keiner reden? Werden nur Phrasen oder politische Korrektheiten abgesondert? Bügeln die anwesenden Politiker (neben CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer war die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz von der SPD da) die Zuschauer-Meinungen weg? Reden alle durcheinander?

Nichts von alldem. Sandra Maischberger hatte die große Runde gut im Griff. Das Publikum war zwar handverlesen, es war aber gut handverlesen. Gläubige Muslimas waren ebenso vertreten wie Leute, die dem Islam sehr kritisch gegenüberstanden. Der Vorsitzende einer islamischen Gemeinde, die bei Erfurt eine Moschee bauen will, saß neben einem Mann, der gegen den Bau eben dieser Moschee ist. Beide waren unterschiedlicher Meinung und diskutierten zivilisiert. So soll das sein.

Sandra Maischberger war bemüht, die Sendung zu strukturieren, was in den meisten Fällen gelang. Natürlich können in einem solchen Format nicht alle zu Wort kommen. Die Moderatorin fand eine gute Balance, neue Stimmen zu hören, und Leuten für eine Replik kurz erneut das Wort zu erteilen. Auch die beiden Politiker warteten (weitgehend) brav, bis sie an der Reihe waren.

Es wäre zu viel erwartet, dass sich am Ende einer solchen Sendung alle in den Armen liegen. Aber es wurde miteinander geredet, ohne dass es in Hass ausartete. Das ist der erste Schritt zum gegenseitigen Verständnis. Dass in der Sendung auch sehr Islam-kritische Stimmen zu Wort kamen, macht es Zuschauern, die selbst Vorbehalte gegenüber dem Islam haben, vielleicht einfacher, auch die Perspektive der Muslime zu hören. Und umgekehrt.

Es ist generell zu begrüßen, dass eine der Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens den Mut hat, einmal komplett aus dem gelernten Ritual der „Runde“ mit Profi-Talkern auszubrechen und ein neues Format zu probieren. Versuche, das Publikum stärker einzubeziehen gab es schon viele. Oft sind sie gescheitert. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, dass eine Redaktion eine gewisse Vorauswahl an Personen und unterschiedlichen Meinungen treffen muss (wie das zum Beispiel auch „Hart aber fair“ mit seiner Zuschauer-Redakteurin Brigitte Büscher gut hinbekommt). Würde man die Publikums-Meinungen ungefiltert in eine solche Sendung lassen, etwa via Social Media, ist die Gefahr zu groß, dass Schreihälse das Wort an sich reißen. Ein Filter durch die Redaktion ist also notwendig, zumal wenn er so verantwortungsbewusst eingesetzt wird, wie bei „Maischberger“.

Vermutlich würde eine solche Publikums-Debatte auch zu einer wesentlich früheren Sendezeit auf Interesse stoßen. Die ARD darf sich da ruhig mehr trauen. Ein Anfang ist immerhin gemacht.

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