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“Am Anfang interessierte sich kaum einer für den ‘Tatort'”: Krimi-Erfinder Gunther Witte zur 1.000 Folge im MEEDIA-Interview

Er hat den “Tatort” erfunden – und freut sich natürlich auch auf die 1.000 Folge am 13. November (ARD, 20.15 Uhr): Gunther Witte (Foto)
Er hat den "Tatort" erfunden – und freut sich natürlich auch auf die 1.000 Folge am 13. November (ARD, 20.15 Uhr): Gunther Witte (Foto)

Am 29. November 1970 wurde der erste "Tatort" ausgestrahlt. 46 Jahre später trotzt die quotenstarke Krimi-Reihe der Vergänglichkeit – am kommenden Sonntag läuft mit "Taxi nach Leipzig" (ARD, 20.15 Uhr) die 1.000 Folge. "Über fünf Jahre wäre ich wohl nicht hinausgegangen", sagt Gunther Witte (81) gegenüber MEEDIA. Warum, erklärt der "Tatort"-Erfinder im Interview.

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Mit 35 Folgen im Jahr, 22 Ermittler-Teams und rund 1,3 Millionen Euro Budget pro Folge hat der “Tatort” nie da gewesene Dimensionen im deutschen Fernsehen erreicht – lockt der Kult-Krimi doch regelmäßig über zehn Millionen Zuschauer vor den Bildschirm. Am 13. November (ARD, .20.15 Uhr) wird die 1.000 Folge gefeiert. Mit den Hauptkommissaren Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover und Klaus Borowski (Axel Milberg) aus Kiel, die gemeinsam ermitteln – wie beim Erstling geht ein “Taxi nach Leipzig” (so der Titel).

Wie man die erfolgreichste Krimi-Reihe im deutschen Fernsehen entwickelt? “Es war kein konkreter Plan”, winkt Gunther Witte im Gespräch mit MEEDIA ab. Doch ein Radioprogramm in Westberlin – Witte zog 1961 von der DRR in die Bundesrepublik, wo er 1963 Redakteur in der Fernsehspiel-Abteilung und später zum Fernsehfilmchef des WDR wurde – habe die zündende Idee gebracht…

Herr Witte, was machen Sie sonntags zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr?
Wenn ich sonntags zu Hause bin, gucke ich selbstverständlich den „Tatort“ – sollte ich jetzt sagen. Aber natürlich bin ich nicht jeden Sonntag zum „Tatort“ zu Hause.

Wie, Sie haben nicht jeden „Tatort“ gesehen?
Jedenfalls nicht alle 1000! Aber ich kann ja nach und nach alle mir fehlenden Folgen in der Deutschen Kinemathek bei uns in Berlin nachholen.

Was glauben Sie: Wie viele von den fast 1.000 „Tatort“-Folgen haben Sie gesehen?
Ich habe während meiner Zeit beim WDR natürlich jeden „Tatort“ gesehen – sozusagen dienstlich. Da kommen also schon einige Folgen zusammen. Als ich den Sender verlassen habe und den „Tatort“ nur aus Vergnügen sehen konnte, wurden es natürlich weniger. Man nutzt die Zeit dann auch schon für andere Dinge.

Denken Sie immer noch an die Arbeit, wenn Sie den „Tatort“ sehen?
Nein, zum Glück nicht. Für mich ist das aber auch ein Zeichen des Erfolgs des Formats. Ich kenne den „Tatort“ schon sehr lange, eigentlich am längsten von allen – und ich sehe ihn immer noch sehr gern.

Am kommenden Sonntag feiert der „Tatort“ seine 1.000 Folge. Wie viele Folgen hätten Sie der Krimi-Reihe zu ihrem Start, also im Jahr 1970, zugetraut?
Zur ersten Pressekonferenz kamen sehr wenige Journalisten. Kaum einer interessierte sich für den „Tatort“. Dennoch wurde der damalige Programmdirektor vom SWR in Verlegenheit gebracht, dieselbe Frage zu beantworten. Und Schwaben sind ja bekanntlich etwas bedächtig. Also sagte er – in seinem schönen schwäbisch, dass ich nicht nachahmen kann: „Na ja, also, wir haben schon an zwei Jahre gedacht.“ Ich habe mich gefreut, als er das gesagt hat – weil er den „Tatort“ offenbar mindestens zwei Jahre laufen lassen wollte.

Sie haben also auch nicht mit einer längeren Laufzeit gerechnet?
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber über fünf Jahre wäre ich wohl nicht hinausgegangen. (lacht)

Sie wurden 1969 von WDR-Abteilungsleiter Günter Rohrbach beauftragt, den sehr erfolgreichen Krimis im ZDF Konkurrenz zu machen…
…es war kein konkreter Plan, etwas gegen den „Kommissar“ im ZDF zu erfinden. Das ZDF war neu und hat sich ungeheure Mühe gegeben, die alteingesessenen ARD-Sender mit einer „Unterhaltungsoffensive“ zu überholen. Und Rohrbach hat erkannt: Da müssen wir etwas unternehmen. Also hat er mich und noch einen Kollegen beauftragt, eine Familienserie und eine Krimiserie zu entwickeln. Ich bekam die Krimiserie.

Konnten Sie mit dem Auftrag, eine Krimi-Serie zu entwickeln, denn überhaupt etwas anfangen?
Es macht mir generell Spaß, Aufgaben zu lösen. Ich habe mich damals nur gefragt, warum ausgerechnet ich die Krimi-Serie entwickeln sollte – es gab nichts, was mich dafür besonders empfohlen hätte. Fremd war mir das Genre zwar nicht, ich liebte damals schon Krimis – aber eher als Leser und Kinogänger. Ich wäre nur nie auf die Idee gekommen, diese für meine Arbeit zu nutzen.

Was waren Ihre Vorbilder?
Zu meiner Schul- und Studienzeit, die damals noch nicht weit zurück lag, wohnte ich in Ost-Berlin und habe, wie die meisten Ostberliner, den Westberliner Sender Rias gehört. Meine Lieblingssendungen waren zum einen die „Hitparade“ und zum anderen eine Sendereihe namens „Es geschah in Berlin“. Die schoss mir wieder in den Kopf. Und ich überlegte: Was hat mir daran so gut gefallen? Sie war spannend, spielte in Berlin – und war unterhaltend und besaß einen dokumentarischen Hintergrund. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Aber Berlin war Ihnen zu wenig.
Ich habe mir gedacht: Ein Sender wie die ARD, der auf Regionalität und Föderalismus beruht, kann diese Reihe nicht nur an einem Ort ansiedeln, und das wäre für mich Köln gewesen. Außerdem konnten die Besonderheiten der einzelnen Bundesländer die Filme bereichern.

Und der zweite Schritt?
Die Regionalität der Sender hatte auch zur Folge, dass jeder Sender die Programmhoheit in seiner Region behalten konnte und sich nicht von anderen reinreden lassen musste. Es war schon damals schwer, eine Reihe wie den „Tatort“ gemeinschaftlich aufzuziehen. So bekam auch jeder Sender seinen eigenen Kommissar und damit die Möglichkeit, diesen speziell für seine Region besetzen zu können, zum Beispiel was den Dialekt anbetrifft.

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Welches Erlebnis als „Tatort“-Koordinator ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich kann Ihnen ja mal eine Geschichte erzählen – ich sage Ihnen aber nicht, um welchen Sender es sich handelte. (lacht) Als „Tatort“-Koordinator musste ich alle „Tatort“-Drehbücher lesen, damit ich in der Koordinationssitzung sagen konnte: „Kinder, genau diese Geschichte läuft auch gerade im Sender XYZ, das geht so nicht.“ Also bekam ich eines Tages einen Sci-Fi-„Tatort“ zu lesen. Das hielt ich für absolut blödsinnig. Das habe ich den Kollegen in der Sitzung auch so gesagt. Und der Programmverantwortliche antwortete nur: „Ich nehme das alles zur Kenntnis, vielleicht haben Sie ja Recht – aber der Film ist schon fertig.“

Stimmt es eigentlich, dass sich zunächst niemand für Ihren „Tatort“ interessiert hat?
Das stimmt! Günter Rohrbach nahm mich immer mit zu den Konzeptionssitzungen, weil er jemanden für die praktische Planungsarbeit brauchte. Er war gleich Feuer und Flamme für meine Idee – also wollten wir die Gelegenheit nutzen, den „Tatort“ vor versammelter Mannschaft vorzustellen. Es war nicht einmal so, dass jemand geschimpft hätte – es hat einfach niemand reagiert. Es kam zu keiner Verabredung, zu keinem Beschluss, zu gar nichts.

Aber Sie haben offensichtlich nicht aufgegeben.
Wir waren natürlich stinksauer und Günter Rohrbach sagte gleich, das lasse er nicht auf sich beruhen. Zwei Sitzungen später haben wir den „Tatort“ also einfach wieder vorgestellt. Und plötzlich sollte es sofort losgehen. Ich vermute, dass in der ersten Sitzung nur Stellvertreter saßen, die sich nicht getraut haben, eine umfassende Sache wie den „Tatort“ zu verabschieden

Mittlerweile gibt es 35 „Tatort“-Folgen pro Jahr, 22 Ermittler-Teams und jede Folge kostet rund 1,3 Millionen Euro – kein anderes Format im deutschen Fernsehen ist so groß und erfolgreich. Als „Tatort“-Erfinder: Wie genugtuend ist das mit Rückblick auf die Startschwierigkeiten?
Natürlich ist das auch genugtuend. Es würde mich ja auch keiner befragen, wenn es bei der Ablehnung geblieben wäre. (lacht) Wenn die Quoten mal nicht stimmen ärgere ich mich natürlich auch. Aber im Moment habe ich das Gefühl, dass der „Tatort“ gefragter ist denn je. Zehn Millionen Zuschauer sind keine Seltenheit mehr – selbst in Zeiten des Internets.

Gibt es Kriterien, die einen erfolgreichen „Tatort“ garantieren?
Ehrlich gesagt wage ich es nicht, da Kriterien zu nennen – weil ich es Ihnen einfach nicht sagen kann. Vielleicht haben sich die Leute an den „Tatort“ gewöhnt, vielleicht brauchen sie einen guten Krimi am Sonntag – es geht ja nicht jeder Tanzen, ins Kino oder gar in die Oper. Vielleicht ist es aber auch alles zusammen oder etwas ganz anderes.

Gibt es irgendetwas, dass Ihnen an der Umsetzung Ihres Konzeptes nicht passt?
Die Science-Fiction-Geschichte habe ich Ihnen schon erzählt. In der ersten Phase des „Tatorts“ fand ich Abweichungen von den „Regeln“ schon recht problematisch. Heute sehe ich das viel entspannter, denn ich denke, der „Tatort“ ist inzwischen so stark, dass er auch solche „Besonderheiten“ ohne Schwierigkeiten verkraften kann. Und es gibt ja wunder bare „Besonderheiten“! Die Kriminalkomödien mit den Münsteraner Kommissaren oder zum Beispiel den grandiosen HR-Krimi mit Tukur „Im Schmerz geboren“.

Der „Tatort“ darf also, und muss vielleicht auch, Neues wagen?
Absolut. Es muss allerdings im richtigen Verhältnis bleiben, darf nicht zu sehr ausufern. Sonst könnte der „Tatort“ als „Markenzeichen“ doch etwas verlieren.

Wann würden Sie den „Tatort“ nicht mehr sehen wollen?
Ich würde den „Tatort“ immer sehen wollen, weil mich sein Weg natürlich interessiert. Einen „Absturz“ des „Tatorts“ kann ich mir im Übrigen nicht vorstellen.

Mit „miesen“ Quoten von sieben Millionen Zuschauern ist der „Tatort“ doch recht erfolgsverwöhnt. Was würde passieren, wenn die Quoten mal nicht mehr stimmen?
Ich denke, der Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen würde bei einem wirklich gravierenden Niedergang der Quoten (nicht bei „miesen Quoten“ von sieben Millionen!) sicher aktiv werden.

Sie haben einmal gesagt: „Den ‚Tatort’ gibt es so lange, wie die ARD existiert.“ Was würden Sie empfinden, wenn der “Tatort” irgendwann abgesetzt werden würde?
Die ARD wäre zweifellos bekloppt, ein so erfolgreiches Programm abzusetzen. (lacht)

Das macht Sie doch schon irgendwie stolz.
Jo. (lacht)

Was glauben Sie, wie viele „Tatort“-Folgen wird es noch geben?
Ich möchte das gar nicht prognostizieren. Wenn ich jetzt sage: Es wird noch weitere 1.000 Folgen geben, dann weiß ich: Die werde ich nicht mehr erleben. Und dieser Gedanke gefällt mir nicht.

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