Partner von:
Anzeige

Persönlichkeits-Coach Gálvez: Warum wir Obama lieben und was Trump und Clinton fehlt

US-Präsident Donald Trump, Persönlichkeits-Experte Christian Gálvez: “Irgendwie passt nichts zueinander”
US-Präsident Donald Trump, Persönlichkeits-Experte Christian Gálvez: "Irgendwie passt nichts zueinander"

Der erbitterte und zuweilen skurrile Schlagabtausch zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wird in die US-Wahlkampfgeschichte eingehen. Wenige Tage vor dem Votum hat Persönlichkeits-Coach Christian Gàlvez die Außenwirkung der Bewerber analysiert. Ernüchterndes Fazit: Sowohl Demokraten wie Republikaner haben auf den falschen Kandidaten gesetzt – und Amerika wird sich nach Obama zurücksehnen.

Anzeige
Anzeige

Von Christian Gálvez

Noch nie zuvor gab es bei einem amerikanischen Wahlkampf eine so große Wählerschaft, die sich nur mit Unmut und Widerwillen zu einem der beiden Kandidaten bekennt.

Die Reaktionen der Weltöffentlichkeit spiegeln das Gefühl der Amerikaner wider. Besonders deutlich wurde das Mitte Oktober, als Obama zu seinem letzten Staatsdinner lud. Der Festschmaus in illustrer Runde zu Ehren des italienischen Premiers Matteo Renzi wurde von der internationalen Presse als ein Abend zwischen Freude, Schmerz und Wehmut beschrieben. Obama wird fehlen. Plötzlich kommt die große Abschiedsstimmung auf.

Obama hat es wie kein anderer Politiker jemals zuvor geschafft, sich vom belächelten Underdog in die Hauptrolle der Politik zu spielen. DAX-Vorstände und Top-Manager wollten spätestens seit dem Nominierungsparteitag 2008 in Denver so überzeugend sprechen, wie der frisch gebackene Präsidentschaftskandidat. Tatsächlich erschienen kurz nach Obamas erster Wahl zahlreiche Kommunikationsratgeber, die genau das lehrten. Dabei war sein Wahlkampferfolg sehr viel mehr als nur beflügelnde Rhetorik. 2008 überzeugte Obama mit einer ganzheitlichen Inszenierung, die bis heute ein Lehrstück für einen modernen Führungsanspruch ist. Obama begeisterte vor allem durch die drei „K“ kraftvoller Inszenierung: Klarheit, Konsistenz und Kongruenz.

Klarheit
Die zentrale Frage einer jeden guten Inszenierung lautet: Was genau will die Hauptfigur? James Bond will die Welt retten, E.T. will nach Hause und Barack Obama den Wandel. Amerikanische Drehbuchautoren sprechen von der sogenannten Überaufgabe (Overall Objective) oder auch vom „Spine“ dem „Rückgrat“ einer Figur. Jede Erfolgsgeschichte braucht für seine Hauptrolle eine klare Richtung, in die er oder sie sich mit großer Leidenschaft bewegt. Nur diese Klarheit macht deutlich, wofür der Held steht und leidenschaftlich kämpft. Nur Klarheit schenkt dem Betrachter Orientierung und ermöglicht damit Vertrauen. Gerade deshalb zog sich bei Barack Obama „Change, we can believe in!“ wie ein dicker roter Faden durch die gesamte Wahlkampfinszenierung. Keine Rede, kein Wahlkampfspot und keine politische Debatte ohne das Mantra des Wandels. Das Publikum dankte seinem Helden diese Klarheit mit der kraftvollen Ergänzung „Yes, we can!“.

Clinton versäumte von Beginn an, sich die richtige Überaufgabe ins Drehbuch zu schreiben. Sie startete ihren Wahlkampf mit einem aufwändigen TV-Spot, der eine völlig anderen Überaufgabe in die Köpfe pflanzte: „I am hitting the road to earn your vote!“ – „Ich mache mich auf, um deine Stimme zu verdienen!“. Mit dieser Kampagne machte sie außerdem deutlich, worum es ihr im Wahlkampf geht. „Everyday Americans need a Champion. And I wanna be that Champion.“ Sie möchte die Siegerin sein. Es geht um sie selbst – ohne erkennbare Richtung und Nutzen für die Wählerschaft. Der erste Eindruck bleibt. Während der gesamten Kampagne hat sie die Anmutung der verbissenen Arbeiterin mit dem unbedingten Willen, die Nummer 1 zu sein, nie ablegen können. Nicht umsonst verwendet sie in Reden und Diskussionen überdurchschnittlich häufig das Personalpronomen „Ich“. Ihr Antrieb findet sich in ihrem Ego – ohne eine klare Richtung für das amerikanische Volk erkennen zu lassen.

Ganz anders Donald Trump: „Make America great again!“ sorgte als Claim bei den Stammtischen und schlichteren Gemütern zwischen Ost- und Westküste für Klarheit und Orientierung. Gleichzeitig setzte Trump mit „America“ und „great“ auf zwei Wörter, die in der amerikanischen Seele schon immer für Resonanz sorgten. Doch in der Aussage steckt die Vorannahme, dass Amerika eben nicht großartig ist. Und das wiederum steht im Gegensatz zum amerikanischen Selbstempfinden. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum Trump seinen Claim – anders als seinerzeit Obama – während des Wahlkampfs kaum nutzte. Im gesamten zweiten TV-Duell tauchte seine Aussage tatsächlich nur einmal auf.

Konsistenz
Gut inszenierte Hauptfiguren sind stabile Persönlichkeiten und kein Fähnchen im Wind. Sie bleiben sich selbst treu. Ihr einmal gewonnener Ruf, der Glaube an das Richtige, die gesteckten Ziele, die Werte, die sie vertreten – das alles ist nichts, was mal eben umgeworfen werden kann. Die Psychologie spricht von Konsistenz. Diese Beständigkeit zeigt sich häufig in der Rückschau. Barack Obama überzeugte in seiner Inszenierung durch einen konsistenten Auftritt. Das Storytelling der Kampagne setzte genau hier an. Obamas biographischer Background spiegelte die Fähigkeit, den Wandel voranzutreiben. Der erste farbige Chefredakteur der renommierten Harvard Law Review, der ehemalige Sozialarbeiter und Senator, der bewiesen hat, dass er „Change“ bewirken kann. Konsistent und für alle nachvollziehbar musste sich Obama folglich in das nächste Change-Abenteuer stürzen. Seine Story sollte fortgeführt werden. Mit dieser Vorgeschichte wünscht sich das Publikum ein glückliches Ende. Aus psychologischer Sicht wird der Wähler durch die Abgabe der eigenen Stimme am Wahltag zum Gestalter dieses Happy Ends. Und wollen wir nicht alle unseren Beitrag zu guten Geschichten leisten?

Ganz anders die Inszenierungen rund um Trump und Clinton. Zu widersprüchlich verhalten sich beide Seiten. Irgendwie passt nichts zueinander. Die Biographien erzählen andere Geschichten als das Dargebotene. Vertrauen in einen anderen Menschen kann nur da entstehen, wo ein konsistentes Verhalten Verlässlichkeit zum Ausdruck bringt. Hier weisen die Inszenierungen beider Kandidaten die größten Defizite auf.

Kongruenz
Wenn Inneres und Äußeres im Einklang stehen, spricht die Psychologie von kongruentem Verhalten. Gemeint ist das echte Verhalten, die viel beschworene Authentizität. Auch diese kann glaubwürdig inszeniert werden, zum Beispiel durch das passende Drehbuch, die Auswahl der Nebenrollen und eine überzeugende Körpersprache.

Anzeige

Obamas Inszenierung sorgte für einen authentischen Gesamteindruck. Wir schenkten ihm Glauben. Seine Drehbücher waren stimmig. Seine Wahlkampfautoren achteten beispielsweise darauf, dass das „Wir“ im Mittelpunkt jeder Rede stand. Das „Ich“ wurde – anders als bei Clinton – fast vollständig aus dem aktiven Wortschatz gestrichen. Das „Wir“ macht den Zuhörer auf unbewusster Ebene zum Beteiligten. Er wird Teil des Ganzen. Obama präsentiert sich auf diese Weise Führer einer Nation, der Menschen zu Beteiligten macht. In einer Nation mit Führungsanspruch und großem Gestaltungswillen sind es genau solche Worte, die ein authentisches Gesamtbild erzeugen. Für einen kongruenten Gesamteindruck braucht es zudem das passende Umfeld. Das englische Wort für Nebenrolle heißt Supporting Role – in der wörtlichen Übersetzung unterstützende Rolle. Als starke Supporting Role setzte Obama u.a. auf seine Frau Michelle. Die promovierte Juristin der Elite-Universität Harvard plauderte sich durch die Talkshows simplerer Art und betrieb exzellentes Story-Marketing für ihren Mann. Authentizität zeigt sich auch immer nonverbal. „Walk the talk“ lautet eine Regel überzeugender Führungskräfte. Wenn die Körpersprache auf stimmige Weise Sprache und Denken widerspiegelt, gewinnt die Person an Überzeugungskraft. Unvergesslich ein Bild aus dem Jahre 2003. Es zeigt Barack Obama, der während des 2. Wahlkampfs mit großer Anteilnahme ein Opfer des Hurricane Sandy in die Arme schloss. Am nächsten Tag stiegen seine Umfragewerte. Niemand beherrscht den echten Moment besser als Barack Obama.

Es sind genau diese echten Momente, die den beiden aktuellen Kandidaten fehlen. Wenn Hillary Clinton, wie im ersten Wahlkampfduell versucht, mit einer überaus positiven Körpersprache zu argumentieren und gleichzeitig viel zu häufig das Wörtchen „aber“ verwendet, dann verliert sich die Stimmigkeit. Wenn sich Hillary Clinton in trauter Zweisamkeit mit ihrem Ehemann Bill Clinton zeigt, dann fragt man sich, wie sich diese Frau wohl fühlen wird, wenn sie ihre Beine unter den Schreibtisch stellen wird, unter dem einst seine Praktikantin tätig war. Während Obama ein Meister des Blickkontakts ist, schafft es Hillary Clinton nicht wirklich, körpersprachlich mit anderen in gutem Kontakt zu bleiben. Hillary Clinton ist Inhaltich immer perfekt vorbereitet, doch nur nicht kongruent.

Tatsächlich ist Donald Trump auf seine Art authentisch. Trump präsentiert sich irgendwie immer als Trump: laut, dominat und stets mit erhobenem Zeigefinger. Man kann nicht unbedingt behaupten, dass bei Trump Inneres und Äußeres nicht im Einklang stehen. Sogar Trumps dritte und sicherlich wunderschöne Ehefrau Melania, die sich während des Wahlkampfs als sprechende Strumpfhose inszenierte, rundet Trumps Inszenierung authentisch ab. Doch irgendwie scheint selbst vielen Republikaner bewusst geworden zu sein, dass ein solch‘ schlichtes Verhaltensmuster nicht unbedingt zu einem zukünftigen amerikanischen Präsidenten passt.

Spätestens seit der ersten amerikanischen TV-Debatte im Jahre 1960 zwischen Nixon und Kennedy kennen die Wahlkampfstrategen die Bedeutung der politischen Inszenierung. Im aktuellen Wahlkampf haben beide Parteien auf die falschen Kandidaten gesetzt.

Zur Wahl 1980 hatte der Demokrat Carter keinen richtigen Gegenkandidaten auf republikanischer Seite. Dann nominierten die Republikaner den ehemaligen Westernschauspieler Ronald Reagan. Dieser „spielte“ bereits im Wahlkampf überzeugend den perfekten Präsidenten. Eine Heerschar von Beratern schrieb ihm politische Drehbücher, Regisseure inszenierten seine Auftritte bis ins Detail, sorgten für unvergessliche Szenen voll symbolischem Gehalt – wie im Film. In der Retrospektive gilt Reagan als einer der beliebtesten US-Präsidenten.

Möglicherweise wird man sich in Zukunft an dieses Erfolgsmodell erinnern. Amerikanische Wahlkämpfe waren schon immer voller Überraschungen. Dann heißt es vielleicht George Clooney gegen Sylvester Stallone. Warten wir’s ab.

 

Wirtschaftscoach Cristián Gálvez ist einer der renommiertesten deutschen Experten für Persönlichkeit, Motivation und Wirkung. Der Redner und Coach studierte BWL und Wirtschaftspsychologie in Deutschland und den USA. Zu seinen Referenzen zählt das „Who-is-Who“ der deutschen Unternehmenswelt. Er ist u.a. der Kommunikationscoach vieler deutscher Vorstände sowie Autor erfolgreicher Ratgeber. Mehr darüber unter www.galvez.de.

 

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Meedia

Meedia