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Georg Mascolo über “Mr. Hate Speech” und die Medien: Warum Trump ein Risiko für die Demokratie ist

Ex-Spiegel-Chef Georg Mascolo: “Trump schürt und nutzt das weit verbreitete Misstrauen gegen die Medien, um zu versuchen doch noch zu gewinnen”
Ex-Spiegel-Chef Georg Mascolo: "Trump schürt und nutzt das weit verbreitete Misstrauen gegen die Medien, um zu versuchen doch noch zu gewinnen"

Bei der diesjährigen Verleihung des Bayerischen Printmedienpreises hielt Georg Mascolo, ehemaliger Chefredakteur des Spiegel und aktuell Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, die Keynote zum Thema Glaubwürdigkeit des Journalismus. Dabei widmete er sich vor allem dem Verhältnis der Medien zu Donald Trump. MEEDIA dokumentiert Georg Mascolos Keynote als Gastbeitrag.

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Von Georg Mascolo

Sie kommt, grob gesagt, aus zwei Richtungen: Von denen, für die wir die Lügenpresse sind, ein Wort, das es schon in zwei deutschen Diktaturen zu zweifelhaftem Ruhm gebracht, die Pinocchio-Presse oder wie es inzwischen auch gern gesagt wird: Die Kriecher-Presse. Viele derjenigen, die uns nur das Schlimmste unterstellen und für Argumente kaum noch zugänglich sind, haben wir wohl dauerhaft verloren. Sie würden sich auch gar nicht vom Gegenteil überzeugen lassen.

Und dann gibt es diejenigen, ich glaube es sind weit mehr, die solche Ausdrücke nicht benutzen, die aber Zweifel haben, die wissen wollen, wie wir arbeiten, ob wir die Mächtigen tatsächlich kontrollieren, statt mit ihnen zu paktieren, die sich fragen, ob wir die Maßstäbe, die wir an alle anderen anlegen, auch an uns anlegen. Die sich fragen, warum wir unsere Fehler nicht transparent und freiwillig korrigieren, obwohl dies der Pressekodex doch seit 1973 so vorschreibt.

Ihre Kritik und Fragen begreife ich als Chance. Ihnen gegenüber müssen wir unsere Autorität, die einmal selbstverständlich war, verteidigen. Und manchmal auch aufs Neue begründen. Man kann also sagen: Ein Teil der Kritik ist unverschämt. Der andere Teil aber ist überfällig.

Mit einer gewissen Berechtigung kann man sagen, dass die Zukunft, zumal die unseres Geschäfts, noch immer ein Zuhause hat. Sie heißt Amerika und in diesen letzten Tagen des Wahlkampfs dorthin zu schauen, beantwortet gleich mehrere Fragen, um die es uns heute gehen sollte.

Welche Fehler Journalismus nicht machen darf.

Und warum guter Journalismus unverzichtbar ist.

Beginnen wir mit den Fehlern. In Schlagweite, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, steht am 8. November ein Mann, der ohne die Hilfe der Medien niemals so weit gekommen wäre. Seine umstrittenen Geschäftspraktiken waren bekannt. Als Gastgeber einer Reality-Show, in der Bewerber für eine Management-Position ausgesucht wurden, wusste man um seine Unbeherrschtheit, die Zoten, die Unverschämtheit. Bewerber, die nicht seinen Ansprüchen genügten, machte er nieder und demütigte sie vor laufender Kamera. Mitarbeiter berichteten später, Trump habe bei weiblichen Kandidaten kurze Röcke und tiefe Ausschnitte gefordert.

Trump ist gut für CBS

Als Trump dann einer der zu Beginn ziemlich zahlreichen Bewerber unter den Republikanern wurde, bediente er perfekt den Mechanismus der Medien, vor allem den des Fernsehens. Er wartete nicht darauf, zum Interview gebeten zu werden. Er rief selbst an bei den Morning-Shows. Allein im März 2016 führten die sechs größten Sender insgesamt 63 Interviews mit Trump, 39 davon am Telefon. Keiner war so präsent und keinen nahmen die Medien so gern. Denn er sorgte für hohe Einschaltquoten. Wie sagte doch ein Manager von CBS:  Die Trump-Kandidatur mag nicht gut sein für Amerika, aber sie ist verdammt gut für CBS.

Trump machte die Lüge, die es in der Politik schon immer gab aber dann doch eher die Ausnahme war – und wie im Fall von Richard Nixon noch ein Grund für einen Rücktritt und eine Sternstunde des Journalismus – zum Normalfall. Zum täglichen Ereignis. Er behauptete, dass Barack Obama gar nicht in den USA geboren sei, eine Lüge, die ihm viel Aufmerksamkeit verschaffte und mit der sein Aufstieg in der Politik begann. Er sagte auch, dass Obama Muslim sei und der Gründer des sogenannten Islamischen Staates. Während der Kandidaten-Kür schmähte er einen Gegenkandidaten und behauptete, dessen Vater sei irgendwie in den Mord an John F. Kennedy verwickelt.

Seine Äußerungen zu Muslimen waren so, dass Mitarbeiter von Facebook, die üblicherweise und wie Betroffene hier in Deutschland nur zu gut wissen, nicht sonderlich empfindsam sind, wenn es darum geht, den ganzen Dreck auf ihrem Netzwerk zu entfernen, schon im vergangenen Dezember die Frage stellten: Ist dies nicht Hate Speech, vergiftete gewalttätige Sprache ? Muss so etwas nicht gelöscht werden? Diese Frage also ging, so schreibt es das “Wall Street Journal” bis hoch bis zu Marc Zuckerberg. Der entschied, man könne doch nicht einen Präsidentschaftskandidaten zensieren.

Es waren solche Zustände in Amerika, die einen Bayern namens Karl-Theodor zu Guttenberg , inzwischen Exil-Amerikaner, bei einem Heimatbesuch anmerken ließen: “Was war das noch für eine Zeit, als man wegen Abschreibens aus dem Amt gejagt wurde.”

Guttenberg sagte auch noch ein paar wenig schmeichelhafte Sätze über den neuen britischen Außenminister Boris Johnson, Das ist der Mann, der die Brexit-Kampagne anführte. Er ist übrigens gelernter Journalist, und seine Geschichten waren auch nicht besser als die Argumente, mit denen er die Kampagne führte.

Wenn Journalisten ihren Job machen

Und dann, die Umfragen sahen diesen Trump und Hillary Clinton gleichauf, da taten Journalisten – übrigens aus der so gern totgesagten Gattung des Print- Journalismus – ihren Job. Erst die New York Times, der eine Steuererklärung zugespielt wurde, nicht über die heute so gebräuchlichen Whistleblower-Buttons auf den Webseiten, sondern per Post – aus der sich ergab, dass der angeblich so erfolgreiche Geschäftsmann 916 Millionen Dollar Verlust von der Steuer abgeschrieben hatte. Die New York-Times hatte nicht nur die Papiere, sie setzte sofort drei Reporter auf die Sache an, sie taten den damaligen Steuerberater Trumps auf und brachten ihn zum Reden.

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Nebenbei gesagt ging die Steuererklärung auch an den Chefredakteur der New York Daily News. Aber die Times war einfach schneller. Kurz darauf war es der ewige Rivale der Times, die Washington Post, heute im Besitz von Jeff Bezos, einem überaus erfolgreichen Paket-Boten, der nicht nur davon träumt, dass ganz normale Menschen ins Weltall fliegen können, sondern sein Geld auch in eine große Medienmarke wie die Post investiert, die einen Mitschnitt veröffentlichte, in dem Trump Unsagbares über Frauen sagt. Ein Stoß mitten hinein in das puritanische Herz vieler selbst seiner treuesten Anhänger.

Dies waren Sternstunden des Journalismus. Aber wahr ist auch: Sie kamen ziemlich spät. Viele amerikanische Kollegen sagen selbstkritisch: Wir waren viel zu spät. In der vergangenen Woche war der große britische Journalist Sir Harold Evans in New York, er versammelte in einem Appartement in Manhattan eine kleine Runde Kollegen und sagte dort: Alles in allem sei er von den investigativen Kollegen doch enttäuscht.

Was also können wir daraus lernen? Dass wir sehr vorsichtig sein sollten, nicht die schrillsten Überzeugungen zu befördern, Journalismus darf unterhaltsam sein, aber er ist keine Unterhaltung. Manchmal gehen in diesen Zeiten das Spektakel, die Politik und auch ein Teil der Medien eine gefährliche Symbiose ein. Je unübersichtlicher die Welt, umso größer ist die Versuchung nach einfachen und eindeutigen Lösungen. Dabei wissen wir doch, dass die Argumente für eine Sache oft auch nicht viel besser sind als die dagegen.

Und wer sich für hohe und höchste Ämter bewirbt, den sollten wir uns genau anschauen und damit nicht warten, bis er fast in diesem Amt sitzt. Denn dies ist die einzige Macht des Journalisten. Wie sagte Rudolf Augstein: Unternehme es der Journalist, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen und zu sagen was ist, dann ist er mächtig.

Das ist etwas anderes als Menschen zu sagen, was sie meinen oder denken oder wen sie wählen sollten. Wir verschaffen ihnen die Fakten, die Informationen, die sie so gut es denn irgend geht urteilen lassen. Fairness ist dabei so wichtig wie Klarheit: Dean Baquet, Chefredakteur der New York Times sagt, man habe erst lernen müssen, wie man einen Absatz schreibt in dem steht: Das ist falsch.

Fakten als Leitplanken der Diskussionen

Falsch ist heute viel, was verbreitet und geglaubt wird. Wir leben, so sagt man ja inzwischen gern, in post-faktischen Zeiten. Für uns sind das ja wunderbare Aussichten: Jeder darf seine Meinung haben, aber eben nicht seine eigenen Fakten. Zutreffendes, Überprüfbares sorgfältig recherchiert und abgesandt unter dem Namen unserer großen journalistischen Marken, sind unser Geschäft. Fakten sind die Leitplanken für unsere politischen und gesellschaftlichen Diskussionen.

In Amerika gibt es nun in diesen Tagen auch eine “Lügenpresse”, Trump nennt es “rigged press” oder “dishonest” media. Manipuliert und unehrlich. Mir scheint, er hat diesen Vorwurf aus Wut über die Enthüllungen in die Welt gesetzt. Die Medien, so fürchtet er, stehlen ihm den Wahlsieg und deshalb behauptet er, dass sie falsche und erlogene Dinge in die Welt setzen um die “korrupte Hillary” ins Amt zu heben.

Seine Anhänger beschimpfen und bedrohen die Reporter inzwischen, die Bilder sind denen einer Pegida-Demonstration ähnlich. In Amerika rufen sie “die Presse lügt” oder “CNN ist scheiße.” Trump schürt und nutzt das weit verbreitete Misstrauen gegen die Medien, um zu versuchen doch noch zu gewinnen. Wurde er unfair behandelt? Ich glaube, das ist nicht wahr. Wahr ist, dass er auf den letzten Metern endlich mit der Härte und Schärfe vermessen wird, die angemessen ist.

Trumpism wird bleiben

Und wenn ein Kandidat, so wie er, die demokratischen Spielregeln missachtet, einer Gegenkandidatin mit Gefängnis droht und sich weigert zu sagen, ob er den Wahlausgang akzeptiert – zuletzt und einmalig in der amerikanischen Geschichte taten dies die Südstaaten, sie weigerten sich die Wahl des Sklaven-Gegners Abraham Lincoln zu akzeptieren, das Land zerbrach, es folgte ein fünfjähriger Bürgerkrieg – dann ist er ein Risiko für die Demokratie.

Und eben dem System selbst, der Demokratie, dient der Journalismus. Hier – und nur hier – ist er Partei. Populismus, Nationalismus, eine Abkehr vom demokratischen System sind Begleiterscheinungen unserer Zeit. Man könnte auch sagen: Wenn wir Glück haben, bleibt uns Trump erspart. Aber Trumpism, das Phänomen wird bleiben und es ist ja längst mehr nur auf Amerika beschränkt.

Vielleicht wird es noch schlimmer werden: Trump soll nach jüngsten Meldungen darüber nachdenken, selbst ins Medien-Geschäft zu gehen. Das kennen wir ja aus Europa. Ein Politiker namens Berlusconi, vom Phäno-Typ und dem Frauenbild Trumps ziemlich ähnlich, hat es vorgemacht. Allerdings ging er in die Politik, um sein Medien-Imperium und sich selbst vor Ermittlungen zu schützen.

Für uns Journalisten ist dies eine besondere Herausforderung, weil unser Publikum viel von uns erwartet, es ist wählerischer und anspruchsvoller geworden. Es sind schwierige Zeiten. Aber für uns Journalisten waren das noch immer die besten Zeiten.

Die Keynote von Georg Mascolo zum Bayerischen Printmedienpreis dokumentiert MEEDIA mit freundlicher Genehmigung in einer leicht bearbeiteten Fassung.

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