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Der Spar-Kommissar: Wie Christoph Bauer das verlegerische Erbe von Alfred Neven DuMont riskiert

CEO Christoph Bauer versucht die DuMont-Mediengruppe und das Erbe von Verleger Alfred Neven DuMont wieder auf Kurs zu bringen
CEO Christoph Bauer versucht die DuMont-Mediengruppe und das Erbe von Verleger Alfred Neven DuMont wieder auf Kurs zu bringen

Der Berliner Verlag steht am Scheideweg. Heute werden der Belegschaft die einschneidendsten Veränderungen der Verlagsgeschichte mitgeteilt – ein Baustein in der Konsolidierung des Medienkonzerns DuMont. Den will der seit 2014 amtierende CEO Christoph Bauer mit rigider Kosteneffizienz retten. Eine Strategie, bei der der Sanierer das verlegerische Erbe von Alfred Neven DuMont aufs Spiel setzt.

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Von Georg Altrogge und Marvin Schade

Kurz vor nächsten Schritt – oder besser: Einschnitt – in seinem umfangreichen Konsolidierungsprogramm für die DuMont-Mediengruppe hat Christoph Bauer noch einen Japan-Urlaub eingelegt. Zuhause witzelten sie, dass der Chef Erholung von der Zeitungskrise suche. Denn das Land der aufgehenden Sonne gilt vergleichsweise als Schlaraffia für Printverleger. Den Blättern dort geht es besser, die Leserdichte ist höher, die Auflagen sind stabil. Nicht so in Köln, Berlin oder Hamburg, wo DuMont seine Zeitungsbastionen hat, die schwächeln wie nie zuvor.

Am heutigen Donnerstag um 11 Uhr wird der Belegschaft des Berliner Verlages (Berliner Zeitung, Berliner Kurier) das Programm für die Zukunft vorgestellt, einer Zukunft die nach Darstellung von mit der Sache vertrauten Insidern viele Mitarbeiter nicht mehr miterleben werden. Rund ein Drittel der bisherigen Stellen sollen im redaktionellen Bereich eingespart werden. Allein bei der Berliner Zeitung soll jeder zweite Kopf rollen, so die Befürchtungen. Mit dieser drastischen Maßnahme, die das “Ende des Unternehmens in seiner heutigen Struktur” (so schrieb es in der vergangenen Woche Die Zeit) bedeuten könnte, soll das Überleben eines Traditionstitels gesichert werden.

Bei Sanierungen hat das Medienhaus DuMont in der Vergangenheit nicht allzu viel Fortune besessen. Dem von damals verbliebenen Management steckt noch der jahrelange Schrecken in den Gliedern, den ihnen seinerzeit Alt-Verleger Alfred Neven DuMont beschert hatte, als er glaubte, seinem Haus die Printkrise durch massive Investitionen in Printzukäufe austreiben zu können. Die Berliner Zeitung wurde dem Imperium damals einverleibt und, ein fürchterlicher Fehler, auch die Frankfurter Rundschau, die den Verlag horrende Summen kostete, die dringend für Investitionen in digitale Geschäftsmodelle nötig gewesen wären.

Die Missgeschicke der Vergangenheit sind weitläufig bekannt und beschrieben worden, als der allmächtige Patriarch ablebte und ein Erbe aus verworrenen Firmengeflechten hinterließ. Alfred Neven DuMont, der ein großer Verleger war, hat bis zu seinem Ende den Standesdünkel und die Herrlichkeit vergangener Zeiten verkörpert. Kurz vor seinem Tod, so erzählt man sich in Köln, habe er den damals bereits ins Amt gehobenen Konzernlenker Christoph Bauer noch ans Sterbebett gerufen. “Machen Sie was aus dem Verlag”, soll er dem CEO mit auf den Weg gegeben haben. So jedenfalls sagt es die im Verlag vielfach kolportierte Legende, deren Wahrheitsgehalt kaum überprüft werden kann. Fakt dagegen ist, dass das Management der DuMont-Gruppe in der Nach-Neven-Ära selbst für Konsolidierungsprofis eine harte Nuss bedeutet.

Der Mann, dem diese Verantwortung obliegt, ist Christoph Bauer. Seine berufliche Vita begann der 46-Jährige nach dem Studium zum Betriebswirt in Deutschland und den USA bei Bertelsmann. Von dort wechselte er in die Schweiz, war bei Ringier zuständig für das Wirtschaftsblatt Cash und wirkte von 2009 bis 2012 als CEO bei AZ Medien in Aargau, bevor er – angeblich im Dissens mit dem Mehrheitsgesellschafter – ausschied und von einem Headhunter nach Köln empfohlen wurde. Dem dort herrschenden Patriarchen, so wird kolportiert, habe der smarte und gut aussehende Manager mit exzellenten Manieren und seinem Karriere-Background auf Anhieb gefallen. Jemand, der etwas von gutem Essen und gutem Wein versteht und den sichtbaren Folgen zu vieler Geschäftsessen regelmäßig mit eiserner Disziplin zuleibe rückt. Einer von draußen, der auch vor unangenehmen Aufgaben nicht zurückschreckt, kam Neven DuMont gerade recht, zumal es ja mit der unternehmerischen Erbfolge in der eigenen Familie nicht geklappt hatte wie gewünscht.

Bauer wird nachgesagt, dass ihn der Kult um den greisen Patriarchen befremdet habe. So mussten angeblich Sekretärinnen, die ins Büro des “Alten” im 4. Stock beordert wurden, dort grundsätzlich im Rock erscheinen und die Haare offen tragen. Neven DuMont wünschte das, in der Unternehmenszentrale drehte sich die Welt um ihn. Als er nicht mehr war, musste alles neu sortiert werden – und Bauer zögerte nicht, den Umbau in Angriff zu nehmen. Die beiden noch von Alfred Neven DuMont eingesetzten Vorstandskollegen waren schnell Geschichte. Der publizistische Kopf Robert von Heusinger rollte ebenso wie der Finanzvorstand Klein. Beide, heißt es, habe Bauer als nicht tauglich für die kommenden Aufgaben befunden. Ihre Posten besetzte Bauer mit Kandidaten seiner Wahl, die beide Male auf branchenfremde Finanz-Manager fiel.

Die publizistische Leitungsfunktion im Topmanagement ist bis heute verwaist, die seit dem Abgang von Robert von Heusinger vakante Aufgabe übernahm der darin unerfahrene CEO zunächst selbst. Dabei ist das Selbstverständnis Bauers ein völlig anderes. “Ich bin kein Verleger, sondern Manager”, erklärte er im Sommer im Interview mit dem Branchenblatt kress pro. Später sollte eine Nachfolge geregelt werden, doch bei der Ankündigung blieb es. Auch die intern diskutierte Variante, statt eines neuen Vorstands einen Beauftragten der Herausgeber zu installieren (so etwas gab es früher schon mal), wurde nicht umgesetzt. Stattdessen schob man die Aufgaben den DuMont-Erben Isabella Neven DuMont und Christian DuMont Schütte zu – eine intern wie extern kritisch beäugelte Lösung. Die Präsenz des erfahrenen Journalisten Hans-Werner Kilz im Aufsichtsrat findet im operativen Geschäft keinen erkennbaren Widerhall. Tochter Isabella interessiere sich eher für ihren Hochseilgarten, den sie seit 2009 betreibt, als für das altehrwürdige Verlegergeschäft, wird in Köln gelästert. Defacto liegt der journalistische Bereich auf Führungsebene brach, konstatieren Beobachter inzwischen. Vielen erscheint daher fraglich, ob sich angesichts der Gesamtsituation auf dem Markt überhaupt noch ein Hochkaräter für den Job findet.

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Christoph Bauer ist derweil an einer anderen Front aktiv. “Den interessieren nur die Zahlen”, sagt ein Intimkenner des Unternehmens. Er konzentriere sich auf das, worin er richtig gut ist: den Verlag umzustrukturieren und effizienter zu machen. “Publizistik ist zentral, aber in zurückgehenden Märkten muss ich dennoch auch überlegen, wie ich die Strukturen anpasse”, so Bauer selbst im Kress-Interview.

Zum Glück bringt der dröge aber lukrative Bundesanzeiger weiter gutes Geld. So geht es darum, Doppelstrukturen abzubauen, Zusatzgeschäfte anzukurbeln. Und, wo immer und so gut es eben geht, die Kosten zu drücken. Auch bei sich selbst. Als Vorstand würde ihm eine S-Klasse als Dienstwagen zustehen, soll er Mitarbeitern eröffnet haben, stattdessen habe er sich für einen Audi S3 entschieden. Der gefalle ihm, er sei schnell und wendig. So wünscht sich Christoph Bauer offenbar auch seinen Verlag. Bei der Überzeugungsarbeit kommt ihm seine Eloquenz zugute: Mühelos hält er aus dem Stand Reden ohne jegliche Versprecher, bei denen jeder Satz sitzt. Ein vergleichbare rhetorische Begabung besitzt unter den deutschen Medienmanagern nur Mathias Döpfner – und der hat es bekanntlich sehr weit gebracht.

Bauers Medienhaus hat – schon weil der CEO gleich nach Amtsantritt jeden Widerstand im Keim erstickt hat, indem er sich potenzieller Widersacher auf Topebene entledigte – gar keine Wahl, als den rapiden Schrumpfkurs mitzumachen. Die wesentliche Vision des neuen Chefs ist die dauerhafte Gewinnzone, und er verkennt, dass diese genau dann in weite Ferne rückt, wenn das Unternehmen keine konkurrenzfähigen Produkte mehr vorzuweisen hat. Bei allen Qualitäten, die Christoph Bauer mitbringt, könnte sich dies für das Haus am Ende als fatales Manko erweisen: Er lebt und liebt die Medien nicht, er managt sie. Dass unter seiner Regie das Digital-Business nicht floriert, mag ihm nicht anzulasten sein. Dass er sich nie nachhaltig bemüht hat, ausgewiesene Experten für dieses Thema zu DuMont zu lotsen und einen Pflock in diesen Markt zu schlagen, indes schon. Wie es heißt, beginnt der Verlag erst jetzt damit, konkurrenztaugliche Native-Advertising-Angebote zu entwickeln – zu spät, die Wettbewerber sind da um Meilen voraus.

Und Bauer geht journalistisch ins Eingemachte: Dem Kölner Express, der dem Vernehmen nach zuletzt mehrere Millionen Euro Verlust im Jahr anhäufte, droht die weitreichende Zusammenlegung mit dem Stadtanzeiger. Wer künftig Chefredakteur des einst einflussreichen Boulevardblatts sein wird, ist offen, und nicht wenige fragen sich, ob sie überhaupt vollwertig nachbesetzt wird. Ähnliches zeichnet sich in Berlin ab, wo Kurier und Berliner Zeitung bald redaktionell ineinander verzahnt werden könnten. Für Bauer ist diese Variante die offenbar letzte Option vor einem endgültigen Ende der Berliner Zeitung. Dass er mit diesem Gedanken bereits gespielt hatte, gab er unlängst zu. Auch bei der Hamburger Morgenpost stehen die Signale zum x-ten Mal auf Schrumpfkurs und Entlassungen.

Mit der anstehenden Kündigungswelle soll ein maßvoller Aufbau von digitalen Redaktionsjobs einhergehen. Ob die bislang eingeschwungenen Synergien der Blätter untereinander dann noch rund laufen, ist unklar. Für nachhaltige Irritationen sorgte zuletzt auch die Spekulation, die DuMont-Zeitungen könnten demnächst als Kunden Mantel-Inhalte von Wettbewerbern zu Dumpingpreisen beziehen. Zwar dementierten Bauer sowie die ins Gespräch gebrachten Verlagshäuser Funke und Madsack umgehend – doch das Gerücht hält sich hartnäckig, die Verunsicherung ist groß. “Wenn das kommt”, sagt ein Redakteur, “wäre das der journalistische Offenbarungseid unseres Verlags.” Dass es in Berlin ohne die Kooperation mit Mitbewerbern nicht mehr geht, machte Bauer allerdings bereits deutlich. Dabei spielt Madsack weniger eine Rolle als Funke mit der Berliner Morgenpost und der Tagesspiegel Verlag. Bauer hofft auf eine Lockerung des Wettbewerbsrechts und Kooperationen auf Verlagsebene. Dabei ist unklar, ob die Wettbewerber überhaupt ein genau so großes Interesse daran haben wie Bauer.

Fraglich ist auch, was Bauer mit den weiteren Standorten vor hat, die keine Synergiemöglichkeiten ergeben. Um die Mitteldeutsche Zeitung in Halle braucht man sich dabei derzeit wohl keine Gedanken zu machen – umso mehr aber um Hamburgs Boulevardzeitung Morgenpost. Vor einigen Tagen schlug der dortige Betriebsrat Alarm, dass zukünftig 25 Prozent der Redakteursjobs wegfallen könnten. Die im Berliner Verlag organisierte Mediengruppe Hamburger Morgenpost muss um ihre (noch) schwarzen Zahlen bangen. Ohne die Beteiligung an Radio Hamburg, wäre das Geschäft längst negativ, heißt es.

Während das DuMont-Management vordergründig daran arbeitet, das Unternehmen zu konsolidieren und vor allem Kosten zu senken, geht es im Hintergrund darum, neues Kapital für Investitionen aufzutreiben. Wirklich Wachstum kann DuMont nur noch durch Zukäufe erlangen. Im September reagierte DuMont via Pressemitteilung auf einen Bericht des manager magazins, der die finanzielle Lage des Verlagshauses verheerend darstellte, und verkündete eine neue Kreditlinie in “niedriger dreistelliger Millionenhöhe”. Dabei soll es sich dem Vernehmen nach um rund 160 Millionen Euro handeln. Wohin das Geld fließen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Wie es heißt, hatte Bauer ein Auge auf den Statistik-Dienstleister Statista geworfen, der dann aber vom Vermarkter Ströer (für 75 Millionen Euro für fast 79 Prozent der Anteile) geschluckt wurde. Die Spirale im Haus DuMont dreht sich weiter – nach unten.

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Alle Kommentare

  1. Dumont und Innovation? War da was? Vor Bauer gab es mal einen Stab, der sich dem Sonntags-Express, also so etwas wie eine Bild am Sonntag, verschrieben hatte und über Monate hinweg teuer nachgedacht hat. Herauskam eine mit Werbung vollgeklatschte Ausgabe, in der die Leser redaktionellen Inhalt suchen mussten. Was sie vermutlich nicht wollten. Es gab eine eine eher tuntige Kolumne von der Frau des Chefredakteurs, ein Freund des Hauses Dumont und vor allem vormals Herr über Anzeigenblätter. Und es gab ab und an eine Gratisausgabe der Zeitschrift „Lisa“. Nun.

    Von Bauer an gab es an Innovation vor allem eins: elementar bedingte Kosten senken. Wäre Bauer Chef der KölnBäder geworden, wäre er wohl dadurch berühmt geworden, weil er die Wasserhöhen schrittweise verringert hätte – mit Erfolg, was diese Seite angeht. Was Beraterkosten dafür angeht, eher nicht. Eben sowenig erfolgreich hätte man die Geschichten erzählen können, dass immer weniger Badegäste eine Wasserhöhe von 40 Zentimetern toll fanden, kalte dazu. Und noch weniger hätte sich das als innovativ oder gar einfach nur vernünftig verkaufen lassen, wären Bäder aus „betriebswirtschaftlichen Gründen“ mit eben 40 Zentimetern geschlossen worden, um die wenigen noch verbliebenen Badegäste an eine 20 Kilometer entfernte Schwimmhalle zu verweisen. Die hätte dann zumindest halbwegs warmes Wasser in Kniehöhe. „Kölner gehen in KölnBäder“ – das ist wohl nur etwas, worüber entlassene Bademeister weinen könnten.

    Nichts anderes passiert da in Köln. Das ist das, was ein Manager so macht? Ich denke mal, dass das jeder kann. Und das ist das traurige für die Mitarbeiter.

  2. Kundenfreundlichkeit ist seit Jahren ein unbekannter Begriff im Haue des Express. Kunden verprellen dagegen eine eifrig genutzte Gangart.

  3. Frechheit!!!
    Hier wird überhaupt nichts verschleudert.
    Der Mann tut nur das, was jeder gute GF vor einer Insolvenz macht: Die Schäfchen ins Trockene bringen, damit die Banken ihr Investment zurückziehen können und er danach nicht ins Gefängnis muß.
    Klar, dass dies Schreibern bei Meedia ängstigt, weiß man doch, dass sich gute Beispiele in der Branche rasch duplizieren …
    Aber versprochen ist versprochen:
    Wir halten jedem von Euch beim Jobcenter einen Platz frei!
    Das sind wir Euch schließlich schuldig!

  4. Ich kann nicht behaupten, dass ein gänzliches Verschwinden der Berliner Zeitung ein Verlust wäre.
    Die Taz ersetzt sie vollständig. Als nächstes Blättchen wäre der Tagesspiegel eigentlich dran.

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