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Gabor Steingart: “Viele Journalisten sind freie Mitarbeiter einer weltweiten Apokalypseindustrie”

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, Buch-Neuerscheinung: “Symbiotische Verhältnisse mit der politischen Macht”
Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, Buch-Neuerscheinung: "Symbiotische Verhältnisse mit der politischen Macht"

Es passiert höchst selten, dass Springers Massenblatt Bild ein politisches Buch in Auszügen vorab publiziert. Bei "Weltbeben" von Gabor Steingart war das vergangene Woche der Fall. Der Handelsblatt-Herausgeber seziert in schonungsloser Analyse eine Welt, deren Komplexität Politik wie Menschen überfordert. Im MEEDIA-Interview erklärt Steingart, welche Rolle dabei den Medien künftig zukommt.

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Sie haben Ihr neues Buch “Weltbeben” genannt – das klingt gewaltig und zugleich unheilvoll. Sind unser Planet und die internationale Staatengemeinschaft tatsächlich in akuter Gefahr?
Gabor Steingart: Die Gesellschaft ist mit einer nie dagewesenen Komplexität konfrontiert. Die Gleichzeitigkeit der politischen Problemlagen, die Hochgeschwindigkeit des Digitalzeitalters, ein kapitalistisches System, das in Teilen Maß und Mitte verloren hat und ein tradiertes Parteiengefüge, das seine Dominanz verliert, überfordern derzeit die Problemlösungskompetenz. Dieser Überforderung versucht mein Buch durch Aufklärung entgegen zu wirken.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Buch gekommen, und wie ist das Manuskript entstanden?
Das Buch ist auch als Reaktion auf eine mediale Kultur des Verzweifelns und der permanenten Empörung entstanden. Viele Journalisten betätigen sich als freie Mitarbeiter einer weltweit tätigen Apokalypseindustrie. Die Alltagsphänomene von Gewalt, Krieg, Korruption und Manipulation bleiben aber ohne den politischen und ökonomischen Kontext unverstehbar. Sie führen zu Angst und Apathie. Mir geht es darum Angst in Erkenntnis und Apathie in Zuversicht zu verwandeln.

Sie werfen Politikern vor, dass diese die Realität nach ihren Eigeninteressen beugen und deren Verformung “massenmedial vertreiben”. Sind viele Medien zu unkritisch und lassen sich derartige Mogelpackungen in der Berichterstattung unterjubeln?
Es ist doch unbestreitbar: In vielen Hauptstädten der Welt, das ist in Paris und Washington nicht anders als in Berlin, lebt ein Teil der Journalisten in symbiotischen Verhältnissen mit der politischen Macht. Gefühle werden bewirtschaftet, Wirklichkeit wird kuratiert.

Die immer wieder scheiternde westliche “Weltbefriedungspolitik”, eine EU, die sich vom europäischen Gedanken entkoppelt hat, die dubiose Rolle von Banken und Notenbanken, die dabei sind, uns eine neue Weltwirtschaftskrise zu bescheren – diese pessimistischen Einschätzungen sind der rote Faden Ihrer Welt-Inventur. Sehen Sie wirklich so schwarz?
Es geht mir nicht ums schwarz, sondern ums klar sehen. Die heutige Welt lebt gefährlich, weil sie wider ihre Erkenntnisse handelt. Wir beklagen die Erhitzung des Weltklimas – und heizen es weiter an. Wir wissen um die Risiken der Schuldenpolitik – und verschulden uns weiter. Wir sehen, wie die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung und Globalisierung zur sozialen Spaltung führt – und finden keine kluge Antwort darauf.

“In Berlin lebt ein Teil der Journalisten in symbiotischen Verhältnissen mit der Macht”

Auch für Profis wird die Welt immer schwieriger zu durchschauen. Die Unterzeile Ihres Buches lautet vielleicht deshalb “Leben im Zeitalter der Überforderung”. Sind auch wir Medien überfordert?
Ich hoffe nicht. Ich sehe unsere Aufgabe darin, gerade jetzt zu erklären, Kontext herzustellen, Hintergründe zu liefern. Beispiel: Das Entstehen des radikal islamischen Terrorismus ist nicht zu begreifen ohne die Jahrzehnte langen westlichen Interventionen in den islamischen Kulturkreis. Islam und Christentum sind sich in den Twin Towers von New York nicht zum ersten Mal begegnet.

Können Sie das belegen?
Das nach der Atombombe greifende Mullah-Regime in Tehran beispielsweise ist nicht zu verstehen ohne die 1953 durchgeführte CIA-Operation Ajax, die zum Sturz der demokratisch gewählten iranischen Regierung unter Premierminister Mohammad Mossadegh führte. Dieser wollte die Ölindustrie – die sich fest in britisch-amerikanischer Hand befand – verstaatlichen. Das war sein Ende. Eine radikal religiöse Opposition wandte sich damals ab von den USA; ihr Anführer: ein gewisser Ayatollah Khomeini. Den heute im Iran virulenten Anti-Amerikanismus haben die USA selbst gezüchtet.

Shane Smith, Gründer des hippen US-Medienkonzerns Vice, ist überzeugt, dass etablierte Medien wie die New York Times auch deshalb junge Leser nicht mehr für sich gewinnen, weil die dort arbeitenden Redakteure aus den Babyboomer-Jahren sich in die Idee verbissen hätten, “dass alles am Arsch ist”. Dabei werde die Welt, meint Smith, “immer besser”, zumindest, was Armut, Gesundheit, Bildung, Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit angeht. Was würden Sie ihm entgegnen?
Erstens: Die etablierten Medien verlieren nicht überall. Die ARD-Tagesschau erlebt derzeit ihre Blüte, auch in den Reichweitenzahlen. Warum? Weil sie auf Relevanz setzt. Wenn die Tageszeitungen ihre Online-Leser und die Käufer der gedruckten Zeitung addieren, stellen sie fest, dass sie noch nie so viele Menschen erreichten. Die meisten Chefredakteure machen also nachweislich einen guten Job. Zweitens: Viele junge Leser haben sich ihre eigenen Medien geschaffen, auf YouTube, Facebook, in unzähligen Blogs, aber nicht weil sie die Welt rosarot sehen, sondern weil sie von den neuen, fantastischen Möglichkeiten des Internets Gebrauch machen. Wir sollten von ihnen lernen – von ihrem Witz, von ihrer Empathiefähigkeit, von ihrer politisch unverstellten Direktheit.

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Bereits auf dem Buchcover stellen Sie die These auf, dass die “tragende Mitte unserer Gesellschaft immer weniger Halt” finde. Ist der Mittelstand der große Verlierer der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen?
Die soziologische Mitte der Gesellschaft wird ohne Zweifel vernachlässigt. Sie kann von den hohen Zuwächsen bei den Unternehmensgewinnen, den Börsenkursen und den Spitzengehältern nicht partizipieren. Und: Sie muss angesichts der beschleunigten Übertragung von geistigen Fähigkeiten auf den Computer, wir nennen das verharmlosend Industrie 4.0, um ihre bisherige berufliche und gesellschaftliche Stellung fürchten. Die Mitte stürzt nicht ab, aber sie erodiert. Und sie findet derzeit niemanden, der ihr wirklich zuhört. Wenn ich morgen ein neues Buch beginnen würde, würde es den Titel tragen: Die vergessene Mitte.

Auch der Bundeskanzlerin lesen Sie die Leviten und bescheinigen ihr Naivität in der Einschätzung der Flüchtlingskrise und der islamistischen Terrorgefahr. Ist Angela Merkel wirklich allein für die Fehlentwicklungen verantwortlich oder nicht doch eher ein billiges Opfer ihrer Kritiker?
Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik. So steht es in der Verfassung. Durch das Kanzleramt hindurch verlaufen die Kraftlinien der Republik, so hat es Joschka Fischer formuliert. Insofern muss jeder Bundeskanzler mit der Massivität von Kritik leben. Sie ist die Kehrseite der großen Machtzuweisung, die dieses Amt prägt.

Sie schreiben mit Bezug auf Christentum und Islam: “Die Kulturkreise müssten nicht integriert, sondern entflochten werden” und fordern “Respekt – und Abstand”. Keine Angst, an dieser Stelle Applaus von zweifelhafter Seite zu erhalten?
Alle sprechen immer von Integration – und vom Export westlicher Werte. Aber vielleicht wollen die großen Weltreligionen gar nicht ineinander integriert werden. Vielleicht gibt es gar keinen Importbedarf, so dass wir unsere Werte seit Jahrzehnten ins Leere schicken. Der große Soziologe Samuel Huntington sagt: Es ist noch nie gelungen, den einen in den anderen Kulturkreis zu verschieben. Henry Kissinger mahnt uns in seinem letzten Buch, die Grundidee von Ordnung nicht gering zu schätzen; auch wenn es sich um eine nicht-westliche Ordnung handeln sollte. In diesem Sinne plädiere ich für Respekt vor der jeweils anderen Kultur, für Dialog – und für Abstand. Die multipolare und multikulturelle Welt ist eine so starke Tatsache, das ich man ihr mit dem Wort Integration nicht beikommen kann. Wer der Gesellschaft anderes verspricht, täuscht sie.

Das große Versprechen von “Weltbeben” ist es, dass es hilft, die Angst des Lesers in Hoffnung, die Verunsicherung in Zuversicht zu verwandeln. Nach all dem Dilemma, das Sie aufzeigen, verraten Sie uns den Trick: Wie kann das gelingen?
Nur wer seine Überforderung versteht, kann sie überwinden. Dieses Buch versucht ein Navigationssystem zu liefern, das in der zerklüfteten Gegenwartslandschaft Orientierung bietet. Wer bin ich? Wo stehe ich? Wo gibt es alternative Pfade? Diese Bewusstwerdung verspricht nicht Heilung, aber zumindest Hoffnung.

 

“Weltbeben” ist das neueste Buch des Wirtschaftspublizisten und USA-Experten Gabor Steingart (u.a. auch “Unser Wohlstand und seine Feinde” sowie “Das Ende der Normalität”). Es erscheint am 17. Oktober bei Knaus und ist bereits vorab aufgrund der Vorbestellungen Bestseller bei Amazon in der Rubrik “Politik & Geschichte”. Das Buch kann hier bezogen werden.

 

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