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ARD-Programmdirektor Volker Herres: “Preissteigerungen sind ein ganz normaler Prozess”

ARD-Programmdirektor Volker Herres (Foto) im MEEDIA-Interview zu “Terror – Ihr Urteil” (17.10., 20.15 Uhr, ARD)
ARD-Programmdirektor Volker Herres (Foto) im MEEDIA-Interview zu "Terror – Ihr Urteil" (17.10., 20.15 Uhr, ARD)

Schuldig oder nicht? In "Terror – Ihr Urteil" (17. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) sollen die Zuschauer einen Fall von Selbstjustiz entscheiden – der Kampfpilot Lars Koch hat eigenmächtig einen Passagierjet abgeschossen, den Terroristen auf ein Fußballstadion lenken wollten. Zuschauer sollen darüber abstimmen. "Warum sollte das Fernsehen etwas nicht dürfen, was auf deutschen Theaterbühnen seit Monaten stattfindet?", sagt ARD-Programmdirektor Volker Herres im Gespräch mit MEEDIA.

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Soll man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Durfte der Jagdflieger Lars Koch (gespielt von Florian David Fitz) ein Passagierflugzeug abschießen, um zu verhindern, dass ein Terrorist die Maschine auf ein vollbesetztes Fußballstadion stürzen lässt? Gibt es auf diese Fragen überhaupt eine Antwort? Die Qual der Wahl liegt beim Zuschauer.

In „Terror – Ihr Urteil“ (ARD, 17.10., 20.15 Uhr) verhandelt das TV-Publikum den Fall in der Strafkammer des Schwurgerichts mit – und stimmt im Anschluss an die Schlussplädoyers der Staatsanwältin (Martina Gedeck) und des Verteidigers (Lars Eidinger) über das Urteil ab. Je nachdem, wie dieses ausfällt, wird der Film enden – gedreht wurden zwei Fassungen. Frank Plasberg wird das Urteil in seiner Sendung „Hart aber fair“ (ARD, 17.10., ca. 21.55 Uhr) mit Experten erörtern – auch die Abstimmungsergebnisse aus Österreich und der Schweiz werden direkt mit dem deutschen Ergebnis verglichen. Kurz: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen will es mal wieder wissen. Allen voran ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Herr Herres, das Theaterstück von Ferdinand von Schirach wurde gefeiert – aber auch scharf kritisiert. Von einem „Aufruf zur Selbstjustiz“ und „verfassungswidrigen Gedanken“ war die Rede. Die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch haben sogar ein Sendeverbot für die TV-Adaption gefordert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Ich kann nachvollziehen, dass man sich über diese Frage heftig auseinandersetzen kann, bin aber anderer Auffassung. Wir wollen nicht über das Grundgesetz abstimmen lassen. Wir wollen auch keine TV-Gerichtsbarkeit einführen. Was Herr von Schirach und auch wir erreichen wollen, ist, dass die Menschen über eine komplizierte Frage nachdenken, die unabhängig von der geltenden Rechtssprechung bestehen kann. Ein moralisches und ethisches Dilemma kann jeden Menschen ereilen. Und diesen Fällen wollen wir begegnen.

Ihnen war die Involvierung des Zuschauers also die umstrittene Ausstrahlung wert?

Eines habe ich nie verstanden: Warum sollte das Fernsehen etwas nicht dürfen, was auf deutschen Theaterbühnen seit Monaten stattfindet? Warum sollte der künstlerische Freiheitsgrat für das Fernsehen enger gesteckt werden? Uns war von Anfang an wichtig, dass wenn wir dieses Stück ins Fernsehen bringen, es dem Theaterstück auch gerecht wird.

Das zelebrieren Sie auch im großen Stil: ARD, ORF und SRF lassen per Telefon-Voting und im Internet über das Ende – sprich: das Urteil – abstimmen. Wirkt das nicht ein wenig wie der Eurovision Song Contest für Fiktion-Formate?

Nein, ganz und gar nicht. Dieses Stück, das derzeit das erfolgreichste Stück auf deutschen Theaterbühnen und auch im Ausland sehr erfolgreich ist, bot sich für eine TV-Adaption und eine Kooperation im deutschsprachigen Raum an. Und so ist es als Fernsehereignis, wenn Sie so wollen, auch noch größer. Zumal es einen Unterschied zum Theater gibt: Wir betten den Film in einen Themenabend ein und lassen den Zuschauer mit dem Ergebnis nicht allein – sondern rollen die gesamte Problematik in der Diskussion bei „Hart aber fair“ noch einmal auf.

Sollten die Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Sendern über mehr Dinge abstimmen?

Nein, dies ist kein Pilotprojekt für Abstimmungsfernsehen. Wir haben das Stück für das Fernsehen adaptiert – und in dem Stück ist die Abstimmung ein dramaturgischer Kniff. Aber es steckt nicht die Idee dahinter, dass wir nun TV-Filme produzieren, bei denen die Zuschauer in der Regel entscheiden, wie sie ausgehen

Ob eine Trilogie zu den NSU-Fällen, ein „Buchenwald“-Themenabend zur Befreiung des KZ-Buchenwald oder nun „Terror – Ihr Urteil“: ARD und ZDF setzen bewusst auf große TV-Events. Braucht lineares Fernsehen in Zeiten von Amazon und Netflix ein „besonderes“ Programm, um Schritt halten zu können?

Ich glaube grundsätzlich, dass lineares Fernsehen sehr gut Schritt hält. Ich gehöre nicht zu denen, die täglich das Ende des linearen Fernsehens prognostizieren. Fernsehen ist als großes Live-Erlebnis geeignet. Und ich glaube auch, dass der Mensch generell kollektive Seherlebnisse will. Die Rolle von Events wird sicherlich größer. Die Gesellschaft wird immer komplizierter und komplexer. Und da sind die Öffentlich-Rechtlichen mehr denn je gefordert, gesellschaftliche Diskussionen zu wichtigen Fragen am Laufen zu halten.

Ist „Terror – Ihr Urteil“ ein Versuch, in die Fußstapfen großer TV-Ereignisse zu treten, über die eine ganze Nation spricht?

Es ist nicht nur ein Versuch. (lacht)

Wie wollen Sie den Live-Charakter und das Event-Fernsehen weiter ausbauen?

Indem wir immer wieder nach neuen, interessanten, fiktionalen Ansätzen suchen und dazu entsprechende Schwerpunkte setzen. Nehmen Sie die Themenwochen, bei denen wir aktuell einen Schwerpunkt zum Thema „Zukunft der Arbeit“ planen. Im Grunde wird durch die Digitalisierung und die Entwicklung künstlicher Intelligenz kaum etwas in der Arbeitswelt so bleiben, wie wir es kennen. Und diese Diskussion zu beleben, mit Beiträgen und Schwerpunkten, das ist so ein Ansatz, um immer wieder Gesprächsstoff zu bieten.

Für Gesprächsstoff sorgt auch die 40-Millionen-Euro-Serie „Babylon Berlin“, die bereits seit 2014 in Planung ist – und schließlich 2018 im Ersten anlaufen soll. Dicke Fische wie diese liefern Streaming-Dienste allerdings am laufenden Band. Warum hinkt da das öffentlich-rechtliche Fernsehen hinterher?

Tut es nicht, weil sie etwas in dieser Dimension bisher so nicht sehen konnten. Wir bringen das Budget ja auch nicht alleine auf, sondern gemeinsam mit Sky – anders kann man in dieser Dimension nicht produzieren.

Ist es nicht schwer, als öffentlich-rechtlicher Sender – der, wie sie sagten: einen Auftrag hat – gemeinsam mit einem Pay-TV-Sender ein Projekt zu realisieren?

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Nein.

Dass Sky die Serie bereits ein Jahr vor Ihnen zeigt, ist also auch kein Problem?

Sky hat natürlich nicht die Reichweite, die wir als öffentlich-rechtlicher Free-TV-Sender haben. Außerdem war es eine Win-Win-Situation: Wir sind auf die Kollegen von Sky zugegangen und haben gesagt: In dieser Produktionsqualität können wir es mit unseren Etat-Ansätzen alleine nicht schaffen. Wenn wir die Sache gemeinsam angehen, haben wir auch gemeinsam etwas davon. Und bisher funktioniert die Arbeitsteilung sehr gut.

Nun ist auch noch der Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro in Gefahr: von 2017 bis 2020 können es 30 Cent weniger werden. Die ARD hat schon einen wachsenden Geldbedarf angemeldet…

…der Rundfunkbeitrag wurde schon lange nicht mehr erhöht. Und wir haben, wie jedes Unternehmen dieser Welt, natürlich auch mit Preissteigerungen zu tun. Das heißt: Einen wachsenden Minimalbedarf haben Sie automatisch, denn Sie haben Tariferhöhungen bei Tarifabschlüssen, Sie haben Preissteigerungen im Markt, wenn Sie bestimmte Investitionen tätigen, und noch vieles mehr. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Dennoch kommt häufig die Frage auf: Was passiert mit dem Geld? Das haben etwa die Diskussionen um die Sportexperten-Gagen oder das TV-Rechtepaket für die Bundesliga gezeigt. Warum halten die Öffentlich-Rechtlichen da ihre Hand drauf?

Wir haben hier beim Ersten eine Zuschauer-Redaktion – und die Zuschauer wissen sehr wohl, was sie für ihren Beitrag bekommen. Und sie wissen auch, dass es sich dabei um ein großes Angebot handelt. Wenn Sie die Summe mal in Relation zum Abo-Preis einer Zeitung oder eines Pay-TV-Senders setzen, bekommen Sie dafür eine Fülle von Radioprogrammen, Online-Angeboten und Fernsehprogrammen. Das ist ein Riesenspektrum.

An Transparenz fehlt es den Öffentlich-Rechtlichen also nicht?

Ich bin ein großer Freund von Transparenz. Wir haben als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der nun mal beitragfinanziert ist, selbstverständlich Rechenschaft darüber abzulegen, was wir mit den Beiträgen tun. Wir kommen nur an einer Stelle in einen Zielkonflikt: Wir haben natürlich eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit zu Transparenz; wir haben aber gleichermaßen eine Verpflichtung zum wirtschaftlichen Umgang mit Beitragsgeldern, die wir nicht verjubeln dürfen. Und da beißen sich gelegentlich zwei Prinzipien.

Was meinen Sie damit?

Wenn Sie Einzelpreise – etwa von Sportrechten – bekannt machen, dann weiß der Markt, wie viel Sie noch in der Kasse haben. Man konnte unlängst auch von Schauspielergagen lesen. Davon halte ich auch nichts. Klar lassen sich kumulierte Summen nennen. Aber wenn Sie anfangen, einzelne Gagen zu diskutieren, werden Sie die Preise nach oben treiben. Und das widerspricht dem wirtschaftlichen Umgang mit Beitragsgeldern.

Besonders im Sport spricht sich auch eine deutliche Mehrheit für die Ausstrahlung bei den Öffentlich-Rechtlichen aus: Rund 80 Prozent der Bevölkerung wollen die Olympischen Spiele 2018 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehen. Wie stehen die Chancen?

Die Rechte liegen nach wie vor bei Discovery; die wollen nun mit uns über Sublizenzen reden. Ich habe wenig Lust, diese Verhandlung in der Öffentlichkeit zu führen.

Auch die Ausstrahlung der Handball-WM 2017 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen steht noch in den Sternen…

Da geht es allerdings um den Overspill-Effekt. Hier hat der Rechteinhaber beIN Sports Vorstellungen , die für uns nicht akzeptabel sind – weil wir dann einen Großteil der Bevölkerung nicht versorgen könnten.

Auch in der Politik wird reichlich über die Öffentlich-Rechtlichen diskutiert, jüngst hat sich CSU-Chef Horst Seehofer für eine Fusion von ARD und ZDF ausgesprochen. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Ich bin gespannt auf die Reaktion der 15 anderen Bundesländer..

Ist der Vorschlag Ernst zu nehmen?

Ich nehme den bayrischen Ministerpräsidenten immer ernst.

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Alle Kommentare

  1. Die ARD ist “wie jedes Unternehmen dieser Welt”? Meint der Mann das ernst? Soweit mir bekannt müssen Unternehmen sich normalerweise auf dem freien Markt durchsetzten (oder eben nicht) und die Nachfrage regelt den Preis, den ein Unternehmen für sein Produkt erzielen kann. Ich kenne abgesehen von ARD und ZDF kaum eine Firma, die Einahmen von Menschen kassiert ohne dass diese gefragt werden, ob sie dieses Produkt überhaupt wollen. Man stelle sich vor, jeder müsse monatlich 17 Euro an VW überweisen, ich wenn er Busse, Bahnen oder Toyota fährt. Und bevor das Argument der “Demokratieabgsbe” kommt: Deutschland würde sicher nicht zur Diktatur wenn sich die ARD wie jedes andere Unternehmen seine zahlenden Kunden selbst suchen müsste.

    1. Die ARD ist ein Unternehmen wie jedes andere dieses Welt. Nun, damit bestätigt ARD-Programmdirektor Volker Herres das Landgericht Tübingen.
      Das hat geurteilt der SWR ist keine Behörde, sondern ein Unternehmen.
      Als solches kann es sich auch nicht auf das Verwaltungsrecht beim Eintreiben von Forderungen berufen.
      http://lrbw.juris.de/cgi-bin/laender_rechtsprechung/document.py?Gericht=bw&nr=21332

      Ab Punkt 28 der Bergündung wird es lustig, hier die Höhepunkte:

      30
      b) Das wesentliche Handeln und Gestalten der Gläubigerin ist unternehmerisch.

      31
      c) Eine Bindung an behördentypische Ausgestaltungen (Geltung des Besoldungsrechts oder der Tarifverträge bzw. der Gehaltsstrukturen) für den öffentlichen Dienst) fehlt völlig. Die Bezüge des Intendanten übersteigen diejenigen von sämtlichen Behördenleitern, selbst diejenigen eines Ministerpräsidenten oder Kanzlers, erheblich. Ein eigener Tarifvertrag besteht.

      32
      d) Die Tätigkeit wird nicht vom öffentlichen Dienst im Sinne von Art. 71 LV ausgeübt.

      33
      e) Öffentlich-rechtliche Vergabevorschriften beim Einkauf von Senderechten oder Unterhaltungsmaterial werden nicht angewandt, die Bezahlung freier Mitarbeiter und fest angestellter Sprecher entspricht nicht ansatzweise dem öffentlichen Dienst.

      34
      f) Eine Behörde wird nie im Kernbereich ihrer Aufgaben gewerblich tätig, so aber die Gläubigerin (Werbezeitenverkauf). Einer Behörde ist die Annahme Gelder Dritter auch in Form von „Sponsoring“ oder Produktplatzierung streng untersagt.

  2. Wir haben natürlich eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit zu Transparenz….
    Was ein Witzbold.
    Im Zweifelsfall würden die entsprechenden Daten gar nicht erst erhoben.
    Was interessiert ein “normales” Unternehmen, ob die Mitarbeiter mit ihren Produktionsgesellschaften mit sich selbst Verträge abschließen.
    Solange das Pack den Rubel rollen lässt…

  3. @ Herrn Herres: Zur Finanzlage des öffentlichen Rundfunks: Finden Sie es ok, dass die amtierende ARD-Intendantin Wille nach Ihrer Amtszeit als Pensionärin 17.500 € Pension erhält – pro Monat? Bezahlt von den Zwangsgebühren! Damit steht sie sogar an der unteren Pensionsskala der ARD. Würden Sie, Herr Herres, dies bitte einmal dem durchschnittlichen Fernsehbürger plausibel als konform erklären?

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