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Murmeltier-TV – warum es deutschen Talkshows an Mut und echter Streitlust fehlt

Gefangen in der Endlosschleife: Talkshows wie "Hart aber fair"

Und täglich grüßt das Murmeltier-TV. Bei „Hart aber fair“ am gestrigen Montag drehte sich das öffentlich-rechtliche Polit-Talk-Fernsehen in seiner bekannten Dauerschleife. Ein AfD-Mann, empörte „Mainstream“-Politiker, ein Externer und das gerade aktuelle Groß-Thema „Merkel muss weg“, AfD, Pegida, Lügenpresse usw. Es fehlt der Mut zu wirklich spannenden, kontroversen Formaten. Dabei ginge es auch anders.

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Bei „Hart aber fair“ zeigte sich einmal mehr (in der vergangenen Woche konnte man exakt dasselbe Phänomen bei Maybrit Illner im ZDF begutachten), wie schwer sich die konventionellen Talk-Formate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen damit tun, Groß-Themenlagen über einen längeren Zeitraum hinweg abzudecken. Mit der Zeit gehen nämlich sowohl Gäste als auch Argumente aus. Die Sendungen erschöpfen sich dann in einem Austausch des Immergleichen. Aktuelles Trend-Thema ist der AfD-Komplex, der sich von der Flüchtlings-Frage emanzipiert hat. Aktueller Aufhänger und auch schon wieder ein paar Tage her waren für „Hart aber fair“ die unsäglichen Pöbeleien von rechten Schreihälsen am Tag der Deutschen Einheit in Dresden.

Dass der anwesende AfD-Vertreter André Poggenburg die Chuzpe besaß, die Pöbeleien als legitime Volks-Empörung zu bezeichnen und die anwesenden Mit-Diskutanten und der Moderator ihm quälend lange so gut wie nichts entgegensetzen konnten, machte einigermaßen fassungslos. Es war ein ähnlich lähmendes Gefühl wie in der vergangenen Woche, als Bundesjustizminister Heiko Maas von AfD-Vize Gauland bei Maybrit Illner vor laufender Kamera im Beisein der Augendeckel klimpernden Moderatorin demontiert wurde.

Sind die Argumente der Rechten so gut, dass sie nicht widerlegt werden können? Oder ist die andere Seite, sind die Vertreter der etablierten Parteien und die Medienvertreter so schlecht? Einiges spricht zumindest dafür, dass die zurückliegenden Jahre großkoalitionärer Konsenspolitik dafür gesorgt haben, dass in Teilen der politischen Klasse die Kunst des Streitens eingeschlafen ist.

Hinzu kommt, dass der Aufbau der deutschen Standard-Talkshow, mithin der Ort, wo heutzutage öffentlich Politik debattiert wird, echte Auseinandersetzungen kaum zulässt. Es wird zwar viel unterbrochen und durcheinander geredet aber wenig in der Sache gestritten. Dies liegt am Wesen der deutschen Talkshow. Immer müssen die Runden paritätisch und nach Rollen besetzt sein – egal ob bei „Hart aber fair“, „Anne Will“, „Maybrit Illner“ oder „Menschen bei Maischberger“. Als Plasberg gestern zu Armin Laschet sagte, er sei ja als Vertreter der westdeutschen Parteipolitik geladen, war das noch nicht einmal nur ein halber Scherz. Man braucht jemanden aus dem Osten, jemanden von CDU und SPD, wahlweise CSU, wenn es um Bayern geht. Dazu jemanden von außen, entweder halb-dreiviertelprominent oder einen professioneller Talk-Showgast und Meinungsinhaber. Bei „Hart aber fair“ war das gestern der Publizist Michael Jürgs. Und, falls es das Thema hergibt vielleicht auch jemanden „Betroffenen“. Nicht fehlen darf aktuell natürlich ein AfD-Politiker, weil man – immerhin das wurde mittlerweile verinnerlicht – nicht nur über, sondern auch mit der AfD reden muss.

Diese Gäste-Mechanik ist eine Methode des kleinsten, gemeinsamen Nenners, des geringsten Widerstandes. Da ist für jeden was dabei und keiner kann sich beschweren, weil jeder irgendwann seine Redezeit bekommt. Es gibt Themen, bei denen ergibt eine große Runde Sinn, das sind aber die wenigsten. Viel erkenntnisbringender wäre es, man würde Einzelpersonen oder vielleicht zwei Personen über einen langen Zeitraum journalistisch auf den Zahn fühlen. Das wäre aber für Sender und Moderatoren viel schwieriger und gefährlicher.

Stellen wir uns doch mal vor, es gäbe eine Talksendung, in der ein Typ wie der AfD-Mann Poggenburg alleine zu Gast wäre. Dann würde sich der Interviewer womöglich dem Vorwurf aussetzen, er oder sie würde dem AfD-Mann „eine Bühne“ bieten. Es fehlte der Ausgleich. Immerhin sind ja auch die Rundfunkräte von ARD und ZDF von CDU und SPD dominiert. Sender und Moderatoren hätten viel zu verlieren bei einem solchen Format. Aber wenn der Interviewer oder die Interviewerin gut vorbereitet und furchtlos ist, könnte man einen Poggenburg in solch einer Situation wirklich entzaubern. Über eine halbe Stunde Eins-zu-Eins-Interview hält so einer seine Maske nicht aufrecht.

Und – huch – solche Interviews gibt es ja sogar schon und sogar von einem deutschen Sender. Aber nicht von Deutschen geführt. An dieser Stelle sei an das Interview erinnert, das die britische Reporterlegende Tim Sebastian für die Deutsche Welle mit AfD-Chefin Frauke Petry für die Sendung „Conflict Zone“ führte. Das war hart und entlarvend und zu keiner Sekunde langweilig. Ja, es war von Sebastian auf Krawall gebürstet, das ist das Konzept der Sendung. Das Beispiel zeigt aber, welche Kraft eine Eins-zu-Eins-Situation entfalten kann, wenn der Interviewer furchtlos ist und auch in Kauf nimmt, seinen Gesprächspartner zu verärgern. Michel Friedman hatte früher auch so eine penetrante Art, seinen Interviewpartnern auf den Leib zu rücken. Unangenehm für die Interviewten – aber wer sagt denn, dass politische Interviews für die Befragten immer angenehm sein müssen? Und – wem diese Beispiele zu testosterongesteuert sind – Sandra Maischberger war nie wieder so gut wie zu jener Zeit, als sie für n-tv Eins-zu-Eins-Interviews geführt hat.

Bei ARD und ZDF werden große Einzelinterviews live nur noch geführt, wenn sich der Kanzler oder die Kanzlerin erklären will.  So wie zuletzt zweimal Angela Merkel bei Anne Will. Die Fragen von Anne Will waren dabei durchaus kritisch, die Gespräche waren in erster Linie aber auch gediegen. Die Initiative ging dabei von der Kanzlerin aus – sie suchte sich die TV-Bühne aus, wo sie sich am wohlsten fühlte. Stellen wir uns für einen Moment vor, Angela Merkel würde von einem Tim Sebastian für „Conflict Zone“ interviewt – was wäre das für eine Schau.

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