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Der Aufstieg und Fall des Medienphänomens Donald Trump

Immer für einen Spruch – und Tweet – gut: Der nächste US-Präsident Donald Trump

Das skandalöse Bus-Video hat Donald Trump die letzten Chancen auf die Präsidentschaft gekostet. Der Dreiminüter, in dem sich Trump vulgär und sexistisch äußert, ist der absurde Höhepunkt einer absurden Präsidentschaftskampagne, die ohne die dankbare Mithilfe der US-Medienlandschaft nie möglich gewesen wäre. Am Ende holen Trump die Geister, die er rief, nun ein.

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Der Eintrag in die Geschichtsbücher ist Donald Trump jetzt schon sicher – er dürfte nur nicht besonders wohlwollend ausfallen. Bis auf wenige Prozentpunkte schien Trump vom Weißen Haus entfernt, dabei war seine Präsidentschaft vor zwei Jahren kaum wahrscheinlicher als der große Crash der Finanzmärkte von 2008. In gewisser Weise ist Trump der Schwarze Schwan der Politik – ein fast unmögliches Ereignis, das einmal im Jahrhundert doch auftritt.

Der Aufstieg von Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten in einer Zeit, in der die fünf wertvollsten Konzerne der Welt aus der US-Internet- bzw. Tech-Industrie kommen, ist ein einziger großer Anachronismus. Barack Obama und Justin Trudeau sind mit ihrer Social Media-Affinität Repräsentanten des digitalen Zeitalters, während Trump bis heute wie ein Relikt der 80er-Jahre wirkt.

Ja, er twittert bis das Display glüht (wobei Twitter inzwischen selbst wie ein Anachronismus wirkt), doch Träger seines spektakulären Aufstiegs im US-Wahlkampf waren die alten Medien – die unschlagbare TV-Präsenz, die Trump in unzähligen Vorwahl-Debatten perfektionierte.

Kandidat Trump: Ein Auftritt wie in „House of Cards“

Der US-Wahlkampf wurde zur Endlos-Schleife der „Trump Show“, der alle US-Sender nur allzu bereitwillig Sendezeit einräumten, weil Politik nie unterhaltsamer war als mit Donald Trump.

Die Auftritte des 70-Jährigen in seinen legendären Rededuellen mit Marco Rubio und Ted Cruz, seiner dramatischen Inthronisierung auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner und nicht zuletzt die groteske Implosion in der zweiten Hälfte des ersten TV-Duells hätte sich kein Drehbuchautor von „House of Cards“  besser ausdenken können. Tatsächlich scheint die „Trump Show“ selbst für TV-Präsident Frank Underwood eine Stufe zu fortgeschritten:

Bei all dem großen Drama, von dem sich auch hierzulande der Spiegel mit dem übertriebenen Titel „Fünf Minuten vor Trump“ anstecken ließ, wird gern vergessen, dass Trumps Weg zur Präsidentschaft selbst in allergünstigen Momenten kaum gangbar gewesen wäre.

Nur zweimal, kurz nach dem Nominierungsparteitag und nach Hillary Clintons Schwächeanfall lag Trump bei Datastatistik-Guru Nate Silver in der Wahlvorhersage von FiveThirtyEight einen Wimpernschlag vorne.

Wahlsieg war nie in realistischer Reichweite

Tatsächlich hätte Trump schon einen furiosen Endspurt – inklusive siegreicher TV-Debatten – hinlegen müssen, um alle sogenannten Swing States zu gewinnen und damit eine realistische Chance auf den Wahlsieg zu haben.

Der scheinbar enge prozentuale Abstand zwischen Clinton und Trump hat darüber hinweggetäuscht, dass Trump nie eine echte Chance hatte, auf die nötigen 270 Stimmen des  Wahlmännerkollegiums  zu kommen. Im  ‚Winner takes it all‘-System hätte Trump in den letzten Wochen schon ein halbes Wunder oder einen anhaltenden Schwächeanfall Clintons gebraucht, um die Sensation zu schaffen.

Bus-Video beendet letzte Präsidentschaftschancen

Nach dem elf Jahre alten Skandalvideo von Freitagnacht, in dem sich Trump gegenüber NBC-Moderator Billy Bush – dem Neffen von US-Präsident George Bush sen. bzw. Cousin von George W. – sexistisch über Frauen äußert und prahlerisch seine Annäherungsversuche an NBC-Moderatorin Nancy O’Dell beschreibt, würde Trump selbst das nicht mehr helfen.

Nachdem der republikanische Präsidentschaftskandidat nach seinem desaströsen Auftritt in der ersten TV-Debatte mehr schlecht als recht durch die vergangenen zwei Wochen taumelte, erfolgte der Knockout nun ausgerechnet durch die Kräfte, die Trump erst ermöglichten – die alten Medien.

Die Medien haben gegeben, die Medien haben genommen

Dass nun ein Zwiegespräch mit einem TV-Kollegen, in dem Trump mit angeschaltetem Mikrofon in voller Authentizität und in echtem Trump-Speak das ausspricht, was längst zu befürchten war, nun zum Ende der letzten Präsidentschaftsambitionen des Medienprofis führt, ist der ironische Schlussstrich unter ein absurdes Wahljahr mit dem Reality TV-Star.

Die US-Medien haben Trumps kometenhaften Aufstieg ermöglicht, und die Medien haben am Ende mit dem geleakten Video zum spektakulären Fall des Kandidaten geführt. Die restlichen 30 Tage des US-Wahlkampfes – wenn sie denn bis zum Ende mit Trump stattfinden – dürften nur noch eines bieten: Popcorn pur. Die nächste Folge der Doku-Soap ‚Rennen ums Weiße Haus‘ lief in der Nacht um drei Uhr deutscher Zeit, als Trump im zweiten TV-Duell auf Hillary Clinton traf – es wurde sehr hässlich.

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