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Lustig und schrecklich: So offen reden Kopp-Fans über Verschwörungsquatsch

"Adam sucht Eva", #NichtEgal, Gina-Lisa und der kleine Mann beim Kopp Verlag

Das SZ-Magazin hat versucht, hinter der Trash-TV-Person Gina-Lisa Lohfink einen Menschen zu finden. Medien enterten den ersten Kopp-Kongress in Stuttgart. Die Anti-Hate-Speech-Initiative #NichtEgal macht sich auf Twitter keine Freunde. „Adam sucht Eva“ bot erstaunlich gute Unterhaltung und Genitiv-Fans müssen ganz stark sein. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Beim SZ-Magazin haben sie es zu einer journalistischen Stilform erhoben, Leute ganz lange (meist ein halbes Jahr) zu begleiten und dann ein tiefschürfendes Porträt zu veröffentlichen. Das ist jetzt gar nicht ironisch gemeint. Aktuelles Beispiel ist der wirklich tolle Text von Lara Fritzsche und Lena Kampf über Gina-Lisa Lohfink (hier kostenpflichtiger Blendle-Link). Der Text erlaubt tatsächlich einen neuen Blick auf die Person Gina-Lisa Lohfink und kommt ihr und den Geschehnissen jener Nacht, die Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren und zig Medienberichte wurde, so nah wie es journalistisch nur irgendwie geht. Mit solchen Stücken ist das SZ-Magazin im deutschen Journalismus derzeit ziemlich herausragend.

Eine vergleichsweise leichte Übung war es dagegen, Medienvertreter inkognito auf den ersten Kopp-Kongress nach Stuttgart zu entsenden. Sie wissen schon: Kopp, das ist der Verlag mit Hang zur Verschwörungstheorie, wo ausrangierte Mainstreammedien-Menschen wie Udo Ulfkotte oder Peter Bartels ihr Alu-Hütchen kühlen dürfen. Bei Spiegel Online hatten sie die Idee, die geniale TV-Beschreiberin Anja Rützel zu den Koppisten zu schicken. Der Text erschien dann bei Spiegel Plus und war auch ziemlich gut. Übermedien entsandte Moritz Tschermak, der den Kongress erwartbar „zum Fürchten“ fand und das NDR-Satiremagazin „Extra 3“ schickte „den kleinen Mann“, der Kopp-Fans vor dem Eingang befragte.

Auch wenn dieses Video vom Kongress selbst gar nichts zeigte, entfaltet es doch seine Wirkung. Die Leute, die da ganz unbefangen in die Kamera sagen, dass die BRD kein Land, sondern eine GmbH sei und dass alle Politiker „von den Amerikanern und den Juden“ gesteuert würden, haben keine Antennen, die ihnen aus dem Rücken wachsen, keine zwei Köpfe und tragen auch keine Alu-Hüte. Die sehen eigentlich ganz normal aus. Das macht das „Extra 3“-Video gleichzeitig lustig und erschreckend.

Kennen Sie die Initiative #NichtEgal? Die hat sich zum Ziel gesetzt „positive Stimmen im Netz zu verstärken“, also eine Art Anti-Hate-Speech-Initiative. Dahinter steckt YouTube und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) ist Schirmherrin. Die Initiative hat sich bei Twitter so ein bisschen in die Nesseln gesetzt, weil sie wiederholt Werbe-Anzeigen bei Zeit Online geschaltet hat, die aussehen wie redaktionelle Beiträge. Zum Beispiel: „Gut gemacht! Top 5 der Netz-Reaktionen auf negative Kommentare“. Bei Zeit Online steht brav „Anzeige“ obendrüber, man nennt das wohl Native Advertising. Nun hat #NichtEgal diese Werbeanzeigen auf Twitter aber so weiter verbreitet, dass der Eindruck entsteht, es handle sich um redaktionelle Beiträge der Zeit Online-Redaktion: „Die Zeit hat die fünf besten Reaktionen auf negative Kommentare im Netz zusammengetragen.“

Als es für einen solchen Tweet Haue gab, ruderte #NichtEgal zurück:

Sofort wiesen eifrige Twitterati darauf hin, dass die Behauptung, die Zeit würde berichten, nicht etwa „schlecht ausgedrückt“, sondern schlicht gelogen war. Dass sich unter den anderen Hinweisen auf angebliche Zeit-Online-Berichte auch Nutzer beschweren, scheint der #NichtEgal-Initiative recht egal zu sein. Wenn es um das Voranbringen von Anti-Hate-Speech Kampagnen geht, hat die Regierung nicht das glücklichste Händchen.

Na, haben Sie auch mal bei „Adam sucht Eva“ reingeguckt? Nicht einmal kurz, wenigstens beim Durchzappen „aus Versehen“ eingeschaltet? Schon klar, das ist ganz böser TV-Trash. Aber auf seltsame Weise trotz penetranter Dauer-Nacktheit immer noch menschenwürdiger als der schlimme „Promi Big Brother“-Knast mit der bösen Tante Nick als Pausen-Domina. Wie sich der Maurer bei „Adam sucht Eva“ in das Teppichluder verliebte und sie ihn fast erhörte oder wie sich die Surferin und Dschungelkönig a.D. Peer Kusmagk annäherten – das hatte was. Seltsam, dass ein solches Format an Unterhaltungswert gewinnt, wenn man zusätzlich zu den Normalos die übliche C-Prominenz aussetzt. Liegt es daran, weil man das Personal schon kennt? Oder haben die C-Promis bestimmte Charakter-Eigenschaften, die sie für solch voyeuristischen Formate einfach interessant machen?

Jetzt müssen alle Genitiv-Fetischisten ganz stark sein. Ich habe an dieser Stelle schon mal dargelegt, warum ich den Genitiv als eine dem Dativ naturgemäß unterlegene und damit dem Tode geweihte Fallform halte. Und was lese ich nun in einem SZ-Interview mit dem Sprachwissenschaftler Uwe Hinrichs: „Ich vermute, dass der echte Genitiv in 30 bis 40 Jahren verschwunden sein wird.“

Eat this, Grammar Nazi!

Schönes Wochenende!

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