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Die Idee vom öffentlich-rechtlichen Jung-Funk gefällt nicht allen Medienleuten

App, Tweet, Oettl, Brangelina, funk

Deutsche Verlage sind gerade enorm erfolgreich, vor allem was Lobbyarbeit (Leistungsschutz) und Prozesse („Tagesschau“-App) angeht. Das junge Angebot von ARD und ZDF heißt funk und ist so ganz anders als alles, womit man rechnen konnte. Eine G+J-Mitarbeiterin distanziert sich öffentlich von Werbe-Aktionen ihres Verlages und die Aufforderung des Zeit-Online-Chefs zum kollektiven Oettinger-Traffic-Vergleich unter Kollegen verhallt ungehört. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Die deutschen Verlage sind aktuell in Sachen Lobbyarbeit und Prozesse deutlich erfolgreicher als im Entwickeln innovativer digitaler Geschäftsmodelle. Kürzlich erst hat die EU-Kommission unter Federführung von Digital-Kommissar Günther Oettinger einen Vorschlag für ein EU-weites Leistungsschutzrecht unterbreitet, das wirkt, als hätten es die Verlegerverbände den EU-Digitaleros Wort für Wort in die Feder diktiert. Am heutigen Freitag nun entschied das OLG Köln im Dauerstreit um die „Tagesschau“-App zu Gunsten der Verlage. Ja, meinte das Gericht, die „Tagessschau“-App-Ausgabe vom 15. Juni 2011 war doch irgendwie presseähnlich und damit rechtswidrig. Hurra, jubeln die Verlage. BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff meint, das Gericht verpflichte „die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit diesem Urteil, sich künftig an den Rundfunkstaatsvertrag zu halten.“ Die Vertreter der ARD verweisen darauf, dass die App nun schon längst nicht mehr so aussehe wie anno dunnemals 2011 und das Urteil auf die aktuelle Ausprägung der App gar nicht anwendbar sei. Gleichzeitig zeigt man sich offen für Kooperationen. Real dürfte das Urteil in der Tat bedeutungslos sein. Was soll auch passieren? Soll ARD und ZDF verboten werden, Texte im Internet zu veröffentlichen? Wie definiert man eigentlich eine „Zeitung im Internet“? Vermutlich geht alles weiter wie bisher und die ARD bietet den Verlagen die Nutzung irgendwelcher Videos zur Einbindung auf ihren Websites an. Das hatten wir ja auch schon mal. Bloß genutzt hat es den Verlagen eher nix.

Unterdessen taucht ein möglicherweise neuer Stein des Anstoßes auf: Das junge Angebot von ARD und ZDF hört auf den Namen funk, ist 45 Mio. Euro schwer und so gar nicht das, was man von den ollen Öffis erwarten konnte. Statt einer pseudo-hip lackierten Website ist funk eigentlich gar kein Angebot, sondern als Medium flüchtig wie Gas. ARD und ZDF haben zahlreiche junge Medienmacher und YouTuber an Bord geholt und lassen die einfach machen. Es gibt eine Vielzahl von Formaten und Persönlichkeiten und keine Dachmarke. funk ist eher so etwas ein Medien-Möglichmacher.Alles sehr distribuiert und dank Rundfunkbeitrag vom ökonomischen Druck befreit. Mit dabei ist u.a. der YouTuber Rayk Anders mit seinem sehenswerten News-Format „Headlinez„. Es gibt aber auch eine Sex-Reihe, eine Beauty-YouTuberin, was mit Immigranten und und und. Alle funk Formate kann man sich hier anschauen. Gemeinsam mit Nemi El-Hassan und Friedemann Karig ist auch Welt-Feministinnen-Schreck Ronja von Rönne in der Truppe  „Jäger und Sammler“ mit von der Partie, die auf Facebook Videos veröffentlichen. In der ersten Folge „Jäger und Sammler“ interviewt Nemi El-Hassan im Hijab einen identitären Rechts-Rapper, der diese rechte Quatsch-Idee vom Bevölkerungsaustausch vertritt.

Das hat was. Die Idee vom öffentlich finanzierten Jungfunk gefällt aber offenbar nicht allen Medienleuten:

Vielleicht denken sie beim stern, wo Lorenz Wolf-Doettinchem arbeitet, dass sie ein junges Angebot besser auf die Beine stellen könnten? Wer weiß. Beim stern-Schwesterblatt Gala hatten sie angesichts der Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt jedenfalls die eher altbackene Idee, ein Werbeplakat aus den Büros hängen zu lassen.

Dass den Spruch mit dem „Brad ist wieder Single“ vorher schon die Fluglinie Norwegian verwurstet hatte – Schwamm drüber. Das gebremst originelle Brangelina-Plakat kam auch nicht bei allen Gruner-Mitarbeitern uneingeschränkt super an. Eine Neon-Mitarbeiterin hat sich via Facebook sogar öffentlich und journalistisch von „diesem Quatsch“ distanziert. Schön wenn man Mitarbeiter hat, die den Mut zur eigenen Meinung nicht verlernt haben. Gell, Herr Oettinger?

Ich muss nochmal kurz zum Oettl kommen. Der hat diese Woche beim BDZV-Kongress tatsächlich die Verleger dazu aufgerufen, ihre renitenten Onliner bitteschön an die Kandarre zu nehmen, weil die immer so böse über das Leistungsschutzrecht schreiben. Kurz danach hat er dann auf Twitter einmal mehr eindrücklich gezeigt, dass er und das Internet – naja, wie soll man sagen … Jedenfalls ist er der Meinung, dass ganz viele Leute bei Google nur die Anreißer lesen und nicht auf die Links zu den Artikeln klicken, weswegen den Verlagen Millionen und Abermillionen an Umsätzen durch die Lappen gehen. Zeit Online hat die Debatte mit einer kleinen Grafik bereichert, in der sie aufzeigen, wieviel von ihrer Reichweite von Google kommt, also von solchen Leuten, von denen es laut Oettinger nicht viele gibt.

Immerhin etwas über 20 Prozent. Wobei jeder, der sich in der Branche auskennt weiß, dass fast 60 Prozent direkter Traffic ein verdammt hoher, fast fabulöser Wert ist. Darum, fiel es Zeit Online-Chef Jochen Wegner vermutlich auch nicht schwer, die werten Kollegen zum kollektiven Trafficleaken aufzufordern.

Die Herren Harms (Spiegel Online), von Blumencron (FAZ.net) und Reichelt (Bild.de) ließen sich aber lieber nicht darauf ein. Stefan Plöchinger von SZ.de teilte aus dem Urlaub nur lapidar mit, das sehe bei ihnen „quasi auch so aus“.

Schönes langes Wochenende!

PS: Bei t3n sieht die Traffic-Verteilung schon ein wenig anders aus:

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