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Die latente Frauenfeindlichkeit hinter dem Merkel-Bashing in Politik und Medien

FAZ-Feuilletonredakteur Patrick Bahners setzte einen Kontrapunkt gegen das allgegenwärtige Merkel-Bashing

Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel ist – so scheint es – zum Volkssport geworden. In großen Teilen von Politik und Medien ist es erstaunlicher Konsens, dass es ein „Weiter so“ nicht geben könne. Der oft schablonenhaften Merkel-Kritik hat in der FAZ mit Patrick Bahners ein Feuilletonist einen klugen Artikel entgegengesetzt, der einen bislang wenig beachteten Punkt herausarbeitet: Hinter dem Merkel-Bashing steckt oft auch latente Frauenfeindlichkeit.

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Bahners schreibt in dem FAZ-Artikel „Auf die Kanzlerin kommt es an“:

In der „Zeit“ vom 17. September 2015 stand gleich über mehreren Artikeln die Schlagzeile: „Weiß sie, was sie tut?“ Nach allen Erfahrungen der Deutschen mit Angela Merkel war das eine dämliche Frage. Die berufsmäßigen Analytiker der Politik hätten gut daran getan, der Kanzlerin wenigstens versuchsweise zu unterstellen, dass ihrer Flüchtlingspolitik Überlegung zugrunde lag.

Dieses „Weiß sie, was sie tut?“ kommt so unscheinbar, so harmlos daher und doch steckt in dieser Frage der ganze Kern des allgegenwärtigen Merkel-Bashings. „Hinter der Sorge um die überforderte Kanzlerin steckt das Bild der Frau, die sich von Gefühlen übermannen lässt“, notiert Bahners. Und es stimmt.

Vorher war die Kanzlerin praktisch unangreifbar, unfassbar. Die Frau, die in der vergangenen Bundestagswahl fast eine absolute Mehrheit für die CDU/CSU geholt hat. In der Flüchtlingskrise hat Merkel in einer Notlage entschieden und human gehandelt, indem sie die Flüchtlinge, die in Ungarn gestrandet waren nach Deutschland hat weiterziehen lassen. Diese Handlung und ihr eigentlich banaler Satz „Wir schaffen das!“ werden seither genutzt, um ihr einen Strick zu drehen. Geradezu gönnerhaft erklären Merkels Kritiker ihre Handlungen in der Flüchtlingskrise mehr oder weniger unterschwellig mit ihrem Frausein. Sie hatte halt Mitleid mit den armen Flüchtlingen. Typisch Frau. Und dann auch noch diese Selfies …

Die Handlung und der Satz Merkels werden in der politischen Debatte dabei auf teils geradezu groteske Weise überhöht und verdreht. Da kann sich Merkel noch so oft bei „Anne Will“ hinsetzen und in Interviews erklären, dass auch sie selbstverständlich keine ungebremste Zuwanderung will. Da kann noch so oft wiederholt werden, dass die Zahl der ankommenden Flüchtlinge bereits drastisch reduziert worden ist. Argumente dringen in diesem Diskurs schon lange nicht mehr durch.

Es reicht, wenn man hysterisch ruft: „Aber sie hat gesagt ‚wir schaffen das!“ und die Forderung aufstellt „Merkel muss weg!“. In immer wieder neuen Tonlagen und Variationen. Dabei sind es gerade die Kritiker Merkels, die emotional bis irrational argumentieren, mit Gefühlslagen hantieren statt mit Fakten. Dass es in Mecklenburg-Vorpommern kaum Flüchtlinge gibt – egal. Die Leute „fühlen“ sich bedroht, das muss reichen. Gegen ein solches Primat des Gefühls tut sich die Analytikerin Angela Merkel erkennbar schwer.

Dabei weist Bahners mit Recht darauf hin, dass ihre Gegner keinerlei Alternativen aufzeigen können. Was soll denn geschehen, wenn es nicht „weiter so“ gehen kann? Soll Deutschland die Landesgrenzen schließen, die EU ins Chaos stürzen, Europa noch weiter auseinandertreiben? Soll an der Grenze auf Flüchtlinge geschossen werden? Und wer soll es denn richten, wenn nicht die Kanzlerin? Der politische Luftikus Gabriel? Der alte Schäuble? Krawall-Sepp Seehofer, den in allererster Linie die nächste Wahl in Bayern schert? Keiner lehnt sich mit konkreten Vorschlägen und Alternativen aus dem Fenster. Das platte „Merkel muss weg!“ muss reichen.

Es ist eine reine Lust am Destruktiven in dieser Debatte zu spüren. Fast meint man eine gewisse Freude herauszuhören, dass Merkel endlich einmal Schwäche zeigt, angreifbar geworden ist. Nun wird immer weiter gemacht, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Immer weiter wider besseren Wissens auf dem „Wir schaffen das!“-Satz herumgeritten. Ist das vielleicht auch eine Art Rache des männlich dominierten Politik-Betriebs an der Machtfrau Merkel? Oder bloß die Angst des Politikers vor der Meinungsumfrage?

Dass es noch Stimmen wie jene von Patrick Bahners gibt, der sich in der FAZ gegen den Strom der Anti-Merkel Meinungsmache stellt, ist wohltuend. Dass eine solche Stimme aus dem Feuilleton kommt und nicht aus dem Politik-Ressort, ist bezeichnend.

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