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„Keine Revolution“: Mitarbeiter machen Capital-Ausgabe alleine – ohne Chefs

Ohne Chefredakteur, ohne Art Director, ohne Ressortleitung – erstmals ist das zu Gruner + Jahr gehörende Wirtschaftsmagazin Capital ohne Chefs entstanden. Das Experiment zeigt. Es geht auch ohne Führungskräfte. Im MEEDIA-Gespräch erläutern Redakteur Georg Fahrion und Chefredakteur Horst von Buttlar, was bei der Redaktion in Eigenverantwortung besser lief.

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Erstmals hat Capital ein ungewöhnliches Experiment gewagt. Das neue Heft ist ohne Chefredaktion, ohne Art Direction und ohne Ressortleitung entstanden. Planen Sie, die teure Führungsspitze des Blattes abzubauen?
Horst von Buttlar
: Das ist eine hervorragende Idee! Die so eingesparten Millionen könnten wir dann in hippe Fintechs investieren.

Waren die Capital-Mitarbeiter kreativer, weil ihnen nicht die Chefredaktion im Nacken saß?
Georg Fahrion
: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Chefredaktion unsere Kreativität ausbremst. Was anders war: Wir haben mehr diskutiert, die Kollegen fühlten sich mehr für das große Ganze verantwortlich. Mag sein, dass dabei Ergebnisse entstanden sind, die es sonst so nicht gegeben hätte – zum Beispiel das Cover mit der Katze.
Von Buttlar: Unserer Redaktion mangelt es wirklich nicht an Kreativität – dennoch kann es ja manchmal sein, dass ein Chef eine Diskussion abwürgt und sagt: Das machen wir jetzt so.

Haben Sie bei diesem Titel die Arbeitsweise verändert?
Von Buttlar
: Ja klar, alle Entscheidungen wie Themenplanung und -mischung, Cover, Überschriften wurden kollektiv entschieden, mal in ganz großer Runde, mal in Arbeitsgruppen. Das kostete echt viel Zeit. Für das erste Feedback und die Redigatur haben die Kollegen Zweier-Teams gebildet. Außerdem konnte jeder entscheiden, wo und wie er arbeitet. Die Grundprozesse oder Arbeitsschritte einer Magazin-Produktion, wie etwa das Lektorat oder Bildbearbeitung, sind natürlich geblieben.

Gerät eine Redaktion ohne ein Führungsteam nicht in ein Chaos?
Fahrion
: Nö.
Von Buttlar: Auf der ersten Konferenz nach meinem „Rücktritt“ sagte eine Kollegin: „Wenn jeder alles macht, macht am Ende keiner nix.“ Aber so kam es nicht. Als wir vergangene Woche Bilanz zogen, sagten einige: Es gab im Team mehr Commitment und Verantwortungsgefühl.

Was unterscheidet das Heft von anderen Capital-Ausgaben?
Fahrion
: Eher Kleinigkeiten. Wir haben zum Beispiel unsere Leser aufgerufen, Themenwünsche einzureichen – einen davon haben wir umgesetzt und die deutschen Regionalflughäfen unter die Lupe genommen. Mit interessanten Ergebnissen. Wir überlegen, dies fortzuführen und die Ideen der Leser mehr mit zu nutzen.
Von Buttlar: Ich würde auch sagen, es sind eher die feinen Unterschiede – denn auch das war eine Entscheidung im Kollektiv: Keine Revolution, nicht das Magazin neu erfinden, wir machen ein im besten Sinne „normales“ Heft mit normalen Themen. Die Optik der Titelgeschichte aber ist schriller als sonst, da hat sich die Grafik ausgetobt. Als ich die das erste Mal sah, dachte ich: Das würde ich anders machen. Hab aber meinen Mund gehalten.

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Sie haben auf dem Titel eine Katze abgebildet, die auf dem Chefsessel sitzt. Plädieren Sie in Ihrer Titelgeschichte für einen Chef, der mit den Mitarbeitern eher den zahmen Umgang pflegt oder lieber die Krallen ausfahren sollte?
Fahrion
: Wir dachten: Cat Content bringt mehr Traffic.

Ob Fernsehsender, Verlage oder Werbeagenturen – viele Branchen leben von der Inspiration und der Leidenschaft ihrer Mitarbeiter. Wären die Unternehmen nicht besser dran, wenn sie weniger Führungspersonal und flachere Hierarchien hätten?
Von Buttlar
: Pauschal kann man das nicht sagen. Ich finde Hierarchien wichtig, das Problem sind eher Doppelstrukturen oder Ebenen, auf denen Mitarbeiter sich nur noch absichern, an die man auf Meetings berichten muss. Wichtiger finde ich da die Kultur: Können Menschen mit ihren Ideen durchdringen? Zählt die Idee oder die Funktion mehr, als wer sie gesagt hat? Gibt es eine Kultur des Widerspruchs?

Capital besitzt eine kleine Mannschaft. Können Sie sich vorstellen, dass auch mittelständische oder größere Unternehmen – zumindest eine Zeit lang – ohne Führungsspitze auskämen?
Von Buttlar
: Natürlich kommen Unternehmen oder Teams eine Zeit lang ohne Chefs aus. Das System läuft weiter, Mitarbeiter übernehmen Verantwortung. Aber auch wenn man mal den ganzen formalen Kram – Urlaubsanträge, Mitarbeitergespräche – weglässt, läuft ein Unternehmen Gefahr, die Weitsicht zu verlieren, den Blick fürs große Ganze. Bei uns etwa ging es vor allem um dieses eine Heft, wir merkten: Die Planung für die nächsten kam etwas zum Erliegen.

Kommen wir noch einmal zu Capital zurück. Glauben Sie, dass die Leser oder Anzeigenkunden die Veränderungen überhaupt wahrnehmen?
Von Buttlar
: Die meisten wohl nicht, aber es ging uns im Kern um Selbsterkenntnis: Das ganze Experiment war ja eine Simulation, ein Rollenspiel – sonst hätte man es länger als vier Wochen machen müssen. Am Anfang habe ich gesagt: Es soll Spaß machen – und schaut, was mit Euch und uns passiert. Wir haben das Energiefeld hier verändert. Und das spürt dann indirekt auch der Leser.

Ganz ohne Chef kam das Heft nicht zustande. In der Schlussphase hat der Chefredakteur Horst von Buttlar den Mitarbeitern über die Schulter geschaut. War das nötig?
Fahrion
: Genau das trifft es: „Über die Schulter geschaut“. Horst von Buttlar ist ja auch ein Mitglied der Redaktion. Anweisungen gab es keine. Klar hörte man gewisse Präferenzen raus, aber entschieden hat das Team.
Von Buttlar: Ich habe mich ziemlich gelangweilt die Woche.

Wird das Experiment wiederholt?
Von Buttlar
: Ich denke nicht. Wir wollen uns aber etwas von dem Spirit erhalten und zum Beispiel bei der Cover-Entscheidung künftig die Kollegen stärker einbeziehen.

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