Anzeige

Rocket Internet und die Börse: Der kurze Aufstieg und lange Fall der Samwer-Kursrakete

Reitet wieder den Börsenbullen: Rocket Internet-CEO Oliver Samwer

Der zweite Jahrestag an der Börse steht kurz bevor: Anleger, die Anfang Oktober 2014 hoffnungsvoll 42,50 Euro je Aktie der Rocket Internet bezahlt haben, sind 24 Monate später um fast 60 Prozent ärmer – und das in einem positiven Umfeld für Internet-Unternehmen. Nach einem kurzen Aufstieg und dann beständigen Sinkflug haben immer mehr Anleger ihre Hoffnung verloren, dass Rocket Internet die Trendwende gelingen könnte – nicht zuletzt nach dem happigen Halbjahresverlust von 617 Millionen Euro, der vergangene Woche bekannt wurde.

Anzeige

Die Schocknachricht kam verdächtig spät: Um 23.40 Uhr in der Nacht zum vorvergangenen Freitag verkündete Rocket Internet die nächste Hiobsbotschaft. Ein happiges Minus von 617 Millionen Euro fuhr die Berliner Internet-Beteiligungsgesellschaft der Samwer-Brüder in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2015 ein. Die Folge: Die Rocket-Aktie ging erneut in den Tiefflug über und taumelte bis auf wenige Cent in Richtung der Allzeittiefs, die erst Ende Juni nach dem Brexit aufgestellt wurden.

Es ist der nächste Tiefschlag für ein Unternehmen, das wie kaum ein zweites mit hochfliegenden Hoffnungen und viel Vorschusslorbeeren gestartet war: Als Rocket Internet am 2. Oktober zum Ausgabepreis von 42.50 Euro an den Markt drängte (der IPO wurde nach dem Hype um den Alibaba-Börsengang um eine Woche vorgezogen), war das Internet-Konglomerat aus dem Stand knapp sieben Milliarden Euro wert – eine stolze Summe für ein Beteiligungsunternehmen an Start-ups, die bis dato fast ausschließlich Verluste schrieben.

In der Spitze 70 Prozent Kursverlust

Es war vom ersten Handelstag an ein Börsenschnellschuss mit vielen Fragezeichen. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Viel ist in den vergangenen zwei Jahren passiert – doch für Rocket Internet-Aktionäre wenig Gutes. Zweimal kurz nach dem Börsengang zog Rocket Internet, gestützt durch Empfehlungen der konsortialführenden Banken, nach oben ab – dann folgte seit dem Frühjahr 2015 der stetige Sinkflug bis rund 16 Euro (an diesem Montag notiert die Aktie kaum besser bei 17,90 Euro). In der Spitze hat das Papier mehr als 70 Prozent von den Höchstkursen verloren.

Dass die Rocket Internet-Aktie kein einfaches – und vor allem kein einfach zu verstehendes – Investment sein werde, wurde Anlegern schnell klar. Mal mussten die Samwers die Börse mit einer Kapitalerhöhung für frisches Geld anzapfen, mal wurde der sicher geglaubte Börsengang einer der größten Beteiligungen vom eigenen Investor Kinnevik in letzter Minute gestoppt, mal pulverisierten Wertberichtigungen der zahlreichen Beteiligungen den Aktienkurs.

Abschreibungen der Global Fashion Group verhageln Halbjahresbilanz

So auch am vergangenen Freitag, als der hohe Abschreibungsbedarf auf die Global Fashion Group, dem langjährigen Herzstück des Samwerschen Beteiligungsportfolios, mit 383 Millionen Euro das erste Geschäftshalbjahr 2016 im Alleingang in die tiefroten Zahlen beförderte. Auch der Rest der exorbitanten Verluste gehe zum Löwenanteil auf „weitere Sondereffekte wie Wertminderungen und Fair Value-Anpassungen“ zurück.

„Ungeachtet dieser Sondereffekte hält Rocket Internet weiterhin an den ausgegebenen Zielen fest“, erklärte Rocket Internet-CEO Oliver Samwer fast trotzig. „Nach wie vor erwarten wir, dass bis Ende 2017 mindestens drei unserer Beteiligungen profitabel sein werden, und die aggregierten operativen Verluste unserer wesentlichen Beteiligungen 2015 den Höchstpunkt hatten“, versuchte Samwer weiter leise Turnaround-Hoffnungen zu schüren.

Aussichten bleiben zu vage

Doch die Absichten bleiben vage. Reicht der launischen Börse der Profitabilitätsnachweis von drei Beteiligungen in einem Portfolio von 15 ausgewählten Unternehmen? Meint Samwer Nettogewinne oder nur das Ebitda, das sich nach klassischer Bilanzierung schnell wieder rot einfärbt? Oder überhaupt: Ist der Blick um 16 bis 17 Monate in Zeiten der hyperaktiven Kapitalmärkte, die nach acht Jahren Hausse längst den schweren Crash erwarten nicht ein bisschen weit weg?

Fest steht: Es wird in den kommenden Monaten und Jahren kaum einfacher für den Berliner Seriengründer, der sich mal als „Bundestrainer“ der deutschen Digitalszene, mal als Siemens des Internetzeitalters begreift. Am 22. September folgt die detaillierte Auflistung der Halbjahresergebnisse – Aktionäre  können dann einmal in allen Einzelheiten nachlese, wo und wie Rocket Internet Geld verbrennt…

Anzeige