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Ich war der perfekte iPhone-Kunde – darum bin ich jetzt zu Samsung übergelaufen

Samsung statt iPhone?

Gerade hat Apple das neue iPhone 7 vorgestellt. Das neue Smartphone sieht fast so aus die das Vorgängermodell, die Verbesserungen liegen vor allem bei technischen Details. MEEDIA-Autor Stefan Winterbauer war iPhone-Fan der ersten Stunde. Kurz vor dem Verkaufsstart des neuen iPhone 7 ist er zum Erz-Konkurrenten Samsung übergelaufen. Aus guten Gründen: die Geschichte einer technischen Entfremdung.

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Ich war der perfekte iPhone-Kunde. Als Steve Jobs das erste echte Smartphone 2007 auf der berühmt gewordenen Keynote („Apple reinvented the phone.“) der Welt vorstellte, war ich hellauf begeistert und wollte sofort so ein Ding. Das iPhone war das eingelöste Versprechen auf die Zukunft. Ein Stück Science Fiction für die Hosentasche.

Von da an begann das iPhone seinen phänomenalen Höhenflug, der es zu einem der meist verkauften Produkte überhaupt machen sollte. Der App-Store ließ die Möglichkeiten des iPhones dann explodieren. Laufzeit, Kamera, Bewegungssensoren, Apps über Apps – das iPhone wurde immer besser. Schließlich kam noch die Sprachsteuerung dazu. Hallo, Siri! Schon wieder so ein Science-Fiction-Ding, das wahr wurde. Von Keynote zu Keynote löste jede neue iPhone-Generation (wenn man die lediglich marginal verbesserten „S“-Modelle mal beiseite lässt) einen neuen Haben-Wollen-Effekt aus.

Bis jetzt.

Apple hat seinen Erfolg nicht zuletzt darauf gebaut, dass der Konzern keine Kunden hat, sondern Fans. Apple-Fans haben oft eine emotionale Beziehung zu ihren iGadgets. Die Nachahmer-Smartphones mit Android-Betriebssystem konnten einem echten iPhone nicht das Wasser reichen. Es waren für Hardcore-Fans gefühlt Unterschichten-Telefone. Als ich zum ersten mal ein Android-Smartphone in den Händen hielt – das allererste Nexus-Modell von Google – hatte ich eine fast körperliche Abneigung. Es war alles so … so anders. Es funktionierte zwar auch, aber eben nicht ganz so elegant, nicht ganz so durchdacht. Bei Apple hatte ich das Gefühl, dass sie sich Gedanken machen, wie der Wechsel von horizontaler auf vertikale Bildschirmansicht besonders geschmeidig programmiert werden kann. Da brütete vermutlich eine ganzes Heer an Entwicklern über den Designs der Icons und der besten Animation, wenn man eine Mail in den Papierkorb befördert. Bei Android war alles zweckmäßiger, bunter, aber eben auch billiger. Es gab mehr Schalter, mehr Icons und weniger Heimeligkeit. Eine Stilfrage.

Aber Emotionen funktionieren in beide Richtungen. Sie können dafür sorgen, dass man bereit ist viel, vermutlich viel zu viel Geld für ein Produkt auszugeben, dass man alle zwei Jahre wieder ersetzt. Aber wenn das Gefühl schal wird und man anfängt, nervige Schrullen an seinem geliebten iPhone zu entdecken?

Das Apple-Versprechen

Apple hat sich immer schon durch Versprechen definiert. Das Versprechen, anders zu sein. Das Versprechen, besser auszusehen und leichter bedienbar zu sein. Als Apple-Nutzer durfte man einst das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein. Spätestens mit dem Siegeszug des iPhone wurde Apple aber zum Mainstream. Plötzlich wollte jeder Apple. Dann hatte jeder Apple. Die silbernen Laptops mit dem leuchtenden Apfel waren überall, ebenso die weißen iPhone-Ohrstöpsel.

Dann starb Steve Jobs, und der iKonzern verlor seinen Vordenker und Antreiber.

Seither befindet sich Apple in einer Phase der konstanten Verbesserung des bereits Erreichten. Die iPhones werden immer noch jedes Jahr slimmer, die Kameras besser, die Prozessoren schneller. Es kommt ein neue iOS, das irgendwann nur noch mit einem neuen iPhone auch gut läuft. Dabei mache ich mit den iPhones seit Jahren immer dieselben Dinge: chatten, surfen, mailen, ein bisschen spielen, navigieren, Facebook usw. Um immer weiter dieselben Dinge zu tun, braucht es alle zwei Jahre ein neues, sauteures Gerät. Bei den Werbefilmchen der Keynote, bei denen Bohrmaschinen Apple-Logos in Aluminium fräsen und Jony Ive dazu mit seiner Samt-Stimme spricht, wird der Eindruck erweckt, als ob da Produkte für mindestens Generationen entstehen. Perfectly crafted to perfection usw. Aber nach zwei Jahren fliegt das Teil weg oder wird weitergereicht, und ein Neues muss her. Oder der Akku, der nicht ausgetauscht werden kann, schwächelt derart, dass es nur noch nervt. Und die Stimme von Ive wurde mittlerweile zum Marketing-Gag totgenudelt.

Die Smartphone-Hersteller sind vermutlich die einzige Branche, die es geschafft hat, ihre Kundschaft zu erziehen, sündhaft teure Hightech-Geräte im Rekordtempo auszutauschen und neu zu kaufen. Nur dadurch wurde das iPhone zum meist verkauften Handy aller Zeiten. Es ist im Prinzip ein Verbrechen an der Nachhaltigkeit, das nur von der Börse geliebt und belohnt wird.

Das ist natürlich bei der Konkurrenz aus dem Android-Lage nicht besser. Aber mit der Zeit wurde auch das Apple-Versprechen zumindest für mich nicht mehr eingelöst. Das Versprechen, etwas Besonderes zu besitzen, das einfach funktioniert. Nach der Pleite mit dem Cloud-Dienst MobileMe erfand Steve Jobs die iCloud und versprach: „It just works.“ Aber das gilt schon lange nicht mehr. An iTunes, zum Beispiel, funktioniert so einiges nicht. Wenn ich mein iPhone mit dem Mac synchronisieren wollte, kam es zu geheimnisvollen Wackelkontakten. Das iPhone belehrte mich bei Updates, ich sei nicht mit dem Internet verbunden, was ich aber war. Nächtliche Updates wurden nicht ausgeführt, obwohl zig-fach alle obskuren Geschäftsbedingungen akzeptiert waren und das Ding auch am Strom hing. Fotos wurden nicht synchronisiert und wehe, wehe, man hat einmal versehentlich auf die iCloud-Synchronisierung der Fotos geklickt und will das rückgängig machen. Dann öffnete sich das Tor zur Hölle.

Ein Usability-Monstrum namens iTunes

iTunes begann als Software um den – der iGod habe ihn selig – iPod mit Musik zu befüllen. Mittlerweile ist aus der One-Use-Software ein multifunktionales Usability-Monstrum geworden. iTunes wirkt wie eine einstmals schicke, schlank eingerichtete Neubauwohnung, in der sich mit der Zeit das Gerümpel von einem guten Dutzend Mietern angesammelt hat. Seit Apple dazu übergegangen ist, „Services“ als neue Einnahmequelle zu erschließen, ist alles noch schlimmer geworden. Plötzlich will iTunes die eigene Musik ständig in die Cloud verlagern und man muss schon sehr achtgeben, nicht irgendwann aus Versehen oder purer Ermattung ein Apple Music Abo abzuschließen. Und sei es nur, damit endlich Ruhe ist. Genauso wie man vielleicht zusätzlichen iCloud-Speicher kauft, damit man die gottverdammten Bilder halt mit der Cloud synchronisieren kann, weil man irgendwann einmal aus Versehen auf den blöden Button gedrückt hat.

Manchmal waren es auch nur Kleinigkeiten, die anfingen, am iPhone zu nerven. Zum Beispiel, dass das iPhone immer die Verbindung zu den Bluetooth-Kopfhörern verlor, wenn ich aus dem häuslichen WLAN nach draußen ging. Immer aufs Neue die Dinger koppeln mit zwei hampelnden Hunden an der Leine. It just works – denkste! Und wenn bei einer Radtour der Mitfahrer noch ausführlichst mit GPS auf seinem Samsung herumnavigiert, während mein iPhone 6 Akku wieder einmal im Rekordtempo von fast voll auf ganz leer gesprungen ist, dann hebt das auch nicht direkt die Laune.

So reifte der früher undenkbare Gedanke: Wie wäre es, dem iPhone den Rücken zu kehren? Den früher verspotteten Androiden noch einmal eine Chance zu geben? Könnte das gut gehen? Einen Versuch war es wert. Die Vorstellung, sich vor allem vom verhassten iTunes loszusagen, war zu verlockend. Ein neues Versprechen, aber diesmal eines zu Ungunsten von Apple. So besorgte ich mir bei der anstehenden Vertragsverlängerung also das Samsung Galaxy S7 Edge. Was soll ich sagen: bisher keine Phantomschmerzen.

Okay – es ist alles ein bisschen weniger elegant als auf dem iPhone. In Sachen Hardware hat Samsung aber fast aufgeschlossen. Und auf die Idee mit dem auf den Seiten heruntergebogenen Bildschirm hätte offen gesagt auch Apple kommen können. Das sieht nämlich wirklich sehr gut aus. Software-seitig gibt es nach den ersten Anpassungs-Schwierigkeiten (wo kann man nochmal den Flugmodus aktivieren?) auch wenig zu meckern. Android hat hier offensichtlich Fortschritte gemacht oder vielleicht ist es auch die von Samsung drübergekleisterte TouchWiz-Oberfläche – das kann mir als Kunde aber egal sein. Wenn man sich die Mühe gemacht und die ganzen unnötigen Samsung- und Provider-Apps soweit eben möglich entfernt und deaktiviert hat, hat man eine recht saubere Nutzer-Oberfläche, die der eines iPhone in nichts nachsteht. Und Das Teil ist schon länger wasserdicht als das iPhone 7, es hat eine Schnelllade- und Kabellos-Lade-Funktion (beides sehr praktisch!) und einen Fingerabdruck-Sensor, der deutlich zuverlässiger funktioniert als beim iPhone. Das Always On-Display, das auch im Ruhezustand Uhrzeit und Zahl der eingegangenen Nachrichten anzeigt, ist übrigens auch prima. Warum hast Du das nicht, Apple?

Ein bisschen ist es noch seltsam, mit einem Samsung-Androiden rumzulaufen, aber ich gewöhne mich daran. Bye, bye iPhone.

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