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„Diese Kritik prallt an mir ab“ – Professor Otto verteidigt seine Griechenland-Studie gegenüber ARD und ZDF

Der Wirtschaftsjournalismus-Professor Kim Otto kritisiert die Berichterstattung von ARD und ZDF zur Griechenland-Krise

Der Würzburger Professor für Wirtschaftsjournalismus, Kim Otto, hat für die Otto Brenner Stiftung eine Studie erstellt, in der die Berichterstattung von ARD und ZDF scharf kritisiert wird. Die Sender haben die Kritik zurückgewiesen und stattdessen die Methodik der Studie angezweifelt. Gegenüber MEEDIA erklärt Otto, warum er die Kritik der Sender nicht nachvollziehen kann.

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ARD und ZDF haben die Methodik der Studie kritisiert. Was ist zu dieser Kritik zu sagen?

Kim Otto: Was erstaunlich ist: Wir haben bei der Studie genau die Methodik in Bezug auf Neutralität, Qualität und Ausgewogenheit angewandt, die auch die ARD- und ZDF-Medienforschung nutzt. Das sind die Standardverfahren in den Kommunikationswissenschaften, und insofern prallt diese Kritik an mir ab. Auf Seite 33 der Studie sind genau die Definitionen dieser Kriterien ausgeführt. 

Das ZDF hat außerdem moniert, dass Sendungen in einen Topf geworfen und andere Sendungen gar nicht berücksichtigt würden.

Den ersten Kritikpunkt kann ich gar nicht verstehen. Die Studie differenziert zwischen den Hauptnachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute“ sowie den Sondersendungen. Das wird getrennt ausgewertet, da wird nichts in einen Topf geworfen. Dass nicht alle Sendungen berücksichtigt wurden, mag man kritisieren. Aber hier gibt es schlicht auch ein Platzproblem. Wir haben uns aus forschungsökonomischen Gründen auf die beiden Hauptnachrichtensendungen plus Sondersendungen konzentriert. Das sind die Flaggschiffe mit den meisten Zuschauern. Insofern kritisieren wir auch nicht die gesamte Berichterstattung, sondern nur die Berichterstattung dieser Flaggschiffe: „Tagesschau“, „heute“ und die Sondersendungen.

In der Studie wird kritisiert, dass die griechische Regierung in der Berichterstattung deutlich weniger mit O-Tönen zu Wort gekommen ist als die deutsche. Ist die reine Anzahl an O-Tönen wirklich so ein entscheidendes Kriterium? Kommt es nicht auch vor allem darauf an, was gesagt wird?

Das haben wir ja auch ausgewertet. Wir haben geschaut, inwieweit in den O-Tönen kritische Aussagen über die griechische und deutsche Regierung gemacht werden …

Ja, aber allein die Anzahl der O-Töne wurde als Beleg für eine Unausgewogenheit in der Berichterstattung genommen.

Hauptsächlich war das in den Nachrichtensendungen EU-Gipfelberichterstattung. Da war die griechische Regierung in der Regel vor Ort und es hätte möglich sein sollen, jeweils ein Interview von der griechischen Regierung zu bekommen. In der Berichterstattung kommt die deutsche Regierung schlicht häufiger zu Wort. Wenn die Kollegen von ARD und ZDF sagen, dass sie keine Vertreter Griechenlands im O-Ton bekommen haben, dann ist das ein Argument. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass die griechische Seite entsprechend weniger häufig zu Wort gekommen ist.

In der Studie wurde auch kritisiert, dass die griechische Regierung zehnmal häufiger kritisch statt positiv erwähnt wurde. Die deutsche Regierung sei nur zweimal öfter kritisch beurteilt worden. Dieses Aufrechnen von negativen Äußerungen ergibt doch aber keinen Sinn. Sonst müsste man ja immer gleichviel Kritik in jede Richtung tätigen, egal wie der Sachverhalt ist. Auf jede Kritik müsste nach dieser Logik automatisch gleichviel Gegenkritik erfolgen.

In Nachrichten und Berichten sollte man neutral sein und beide Positionen darstellen. Das nennen wir Objektivität oder Neutralität. Wenn wir dann feststellen, in den Nachrichten wird die griechische Regierung öfter negativ dargestellt als die deutsche, dann kann man das schon kritisieren, denn die Aufgabe der Nachrichten ist es, ausgewogen zu berichten. Das ist ein allgemeines Kriterium.

Man müsste dann aber doch auch untersuchen, was die Kritik ist und ob die Kritik berechtigt ist. Man kann doch nicht sagen: Jetzt habe ich hier fünf negative Äußerungen in die eine Richtung, dann müssen da auch fünf negative Äußerungen in die andere Richtung erfolgen. Oder, um bei Griechenland zu bleiben: Wenn ich Griechenland fünfmal kritisieren, muss ich unbedingt Deutschland auch fünfmal kritisieren oder umgekehrt. Man würde eine Ausgewogenheit mit der Brechstange herstellen. Egal, ob das Sinn ergibt oder nicht.

Das sehe ich ganz anders. Die Aufgabe der Nachrichten ist es, neutral und objektiv zu berichten. Das heißt, ich versuche, gleichwertig beide Positionen in einen Bericht aufzunehmen und für beide Positionen Verständnis aufzubringen. Wenn dem nicht so  ist und wir da ein Missverhältnis haben und die griechische Regierung überproportional kritisiert wird, ist die Ausgewogenheit von Berichterstattung nicht mehr gegeben.

Hat sich jemand von ARD oder ZDF direkt wegen der Studie gemeldet?

Ich bin ja selbst Mitglied der Redaktion von „Monitor“ bei der ARD. Das ist meine Forschungsfreiheit und die wird von meinen ARD-Kollegen nicht in Zweifel gezogen. Wir haben unabhängige Journalisten und wir haben unabhängige Wissenschaftler. Das wissen auch ARD und ZDF zu schätzen.

Ist das nicht schwierig, gleichzeitig Mitglied der „Monitor“-Redaktion zu sein und als Professor Medienkritik zu betreiben?

Ich finde, das spricht für die Pluralität, dass ich als Wissenschaftler meine Forschung veröffentlichen kann und trotzdem auch Teil des Systems bin.

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