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Der angebliche Burkini-Auszieh-Zwang von Nizza in den Medien: erst schreiben, dann recherchieren

Eine Kopftuch tragende Frau zieht vor Polizisten ihr Oberteil aus – in der Berichterstattung heißt es, man habe sie gezwungen.
Eine Kopftuch tragende Frau zieht vor Polizisten ihr Oberteil aus – in der Berichterstattung heißt es, man habe sie gezwungen.

Die Fotos einer Kopftuch tragenden Frau, umzingelt von vier Polizisten am Strand von Nizza gingen um die Welt und befeuern die Verbotsdebatte rund um muslimische Kleidungsstücke. Die Bilderstrecke zeigt, wie die Frau ihr Oberteil auszieht. Wurde sie dazu gezwungen? Vielen Medien zufolge ja. Beweise dafür gibt es keine. Was war passiert?

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Es ist das Thema des politischen und medialen Sommerlochs: Die Burka und das Verbot sie – beziehungsweise die eigentlich gemeinte und öfter gesichtete Nikab – in der Öffentlichkeit zu tragen. Das Thema beherrscht die öffentliche Diskussion, als ließe sich mit dem Verbot der Vollverschleierung sogleich der gesamte Islamische Staat abschaffen. Während in Deutschland noch immer über die Umsetzung neuer Gesetze diskutiert wird, ist die Politik im Nachbarland Frankreich schon weiter. Seit vergangener Woche sind an einigen Stränden so genannte Burkinis, also nahezu körperbedeckende Badeanzüge, verboten. Wer sich widersetzt, muss mit Bußgeldern rechnen. Es hat nur wenige Tage gedauert, bis Medien über erste Fälle berichteten, in denen die Polizei erste Ordnungswidrigkeiten geahndet hat. Dabei fand ein Fall besondere Achtung:

“Französische Polizei zwingt Frau am Strand zu mehr nackter Haut”. So überschrieb die Süddeutsche Zeitung ihren Artikel über einen Vorfall am Strand von Nizza. Die Agentur Best Image hatte Bilder eines freien Fotografen in Umlauf gebracht, die eine Kopftuch tragende Frau am Strand von Nizza zeigten. Was in der breiten Berichterstattung erst als Burkini bezeichnet wurde, entpuppte sich letztlich als Leggins und Bluse, die die Frau ebenfalls trug. Weitere Bilder zeigen vier Polizeibeamte, die auf die Frau zukommen und sie umzingeln. Wenige Momente später zieht sie vor den Beamten ihre Bluse aus. Wurde die Frau gezwungen, wie auch Spiegel Online, Bild und zahlreiche weitere Medien behaupteten? Lautete der Befehl “Ausziehen!”, wie die oft besonders reißerisch auffallende Kronen-Zeitung aus Österreich schreibt?

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Die Kronen und Süddeutsche Zeitung geben die Lage besonders bedrohlich wieder: “Vier mit Schlagstöcken und Pfefferspray ausgestattete Polizisten marschierten auf den Strandabschnitt Anglais Beach und stellten die auf einem Handtuch ruhende Muslima zur Rede…” oder “Vier bewaffnete Männer umringen eine Frau und zwingen sie, sich auszuziehen – das ist die höchstens geringfügig zugespitzte Geschichte, die die Bilder eines Fotografen der Nachrichtenagentur AFP aus Nizza erzählen”, heißt es in den Artikeln.

Keines der berichtenden Medien nennt Belege, zitiert Zeugenaussagen oder hat bei der Polizei nachgefragt. Viele nennen nicht einmal die Quelle, auf die sie sich beziehen. Die meisten Artikel gehen zurück auf Veröffentlichungen der Daily Mail, auch der Guardian wird als eines der zuerst berichtenden Medien genannt. Woher die Einordnung, dass die Frau unter Zwang stand, kommt, ist unklar. Bild bleibt gar bei der Darstellung, dass die Frau einen Burkini getragen habe.

Deutsche Welle fragt als einziges Medium nach
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Dabei gibt es Zweifel an der Nizza-Geschichte. Als einziges deutsches Medium ist die Deutsche Welle den offenen Fragen nachgegangen. Sie hat Stellungnahmen der Stadtverwaltung von Nizza sowie der Polizeibehörde eingeholt. “Die Frau wollte zeigen, dass sie einen Badeanzug trägt – aber keiner hat sie dazu gezwungen, ihr Oberteil auszuziehen”, zitiert die DW Le Hô, Sprecher der Stadt Nizza. Seitens der Polizei heißt es: “Die Polizisten haben ihr gesagt, dass sie nur ohne die Tunika am Strand bleiben darf. Aber sie hat sie wieder angezogen. Also musste sie eine Strafe von 38 Euro zahlen. Kurze Zeit später hat sie den Strand verlassen – friedlich.” Man hat also einen Bußgeldbescheid ausgestellt und der Frau das Verbot mitgeteilt. Sie gezwungen, sich in der Öffentlichkeit auszuziehen, habe man nicht. Darüber hinaus thematisiert die Deutsche Welle den Verdacht, dass die Szene möglicherweise gestellt gewesen sein könnte und die Identität der Frau  unbekannt sei.

Auf ihre Berichterstattung angesprochen reagieren die deutschen Seitenbetreiber unterschiedlich. Auf Nachfrage antwortet SZ-Digital-Chef Stefan Plöchinger, dass er grundsätzlich kein Problem in der Berichterstattung sieht. Man weise im ersten Absatz darauf hin, dass nicht klar sei, wie die Szene hinter den Bildern genau abgelaufen ist. Wörtlich steht dort geschrieben:

Was die Polizisten der Frau sagen, ob es eine Diskussion gibt, einen Streit, verraten die Bilder nicht. Aber sie zeigen das Ergebnis des Polizeieinsatzes: Die Frau zieht ihr Oberteil aus, streng überwacht von den Polizisten, neugierig beäugt von den umliegenden Badegästen.

Darüber hinaus habe man “ausdrücklich nicht” geschrieben, dass die Frau gezwungen worden sei. Im (oben) zitierten Absatz (“Vier bewaffnete Männer umringen eine Frau…”), in dem die Szene beschrieben wird, habe man nicht geschrieben, was passiert ist, sondern was die Bilder zeigen.

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“Im Bewusstsein der mangelhaften Quellenlage haben wir diese also erstens im Text benannt (und im Gegensatz zu anderen Medien unter anderem klargestellt, dass es nicht um einen Burkini geht) und zweitens im Text nie behauptet, die Polizisten hätten die Frau gezwungen”, erklärt Plöchinger. Allerdings geschah das in der Headline. Diese wurde am Freitagvormittag, nach erscheinen des Deutsche-Welle-Artikels und der Anfrage von MEEDIA, geändert. “Wir haben den Titel inzwischen korrigiert und dies am Ende des Textes auch angemerkt. Außerdem recherchieren wir der Geschichte seit Erscheinen weiter hinterher, weil uns natürlich auch interessiert, was bei diesem viel diskutierten Bild wirklich passiert ist.”

Weniger einsichtig zeigt sich Bild-Online-Chef Julian Reichelt. Man wolle die Recherchen der Deutschen Welle erst einmal überprüfen. “Sollten wir – auch nach eigenen Recherchen – zu dem Ergebnis kommen, dass sich der Hergang belastbar anders darstellt als bisher, werden wir das natürlich in unseren Artikeln abbilden”, so Reichelt. So sei man auch bisher vorgegangen. Informationen seien nicht einfach übernommen worden, sondern wurden “natürlich abgeglichen mit allen anderen Berichten von vor Ort, Agenturberichten, großen Networks wie CNN, BBC. Dazu gehört auch, die Social-Media-Kanäle örtlicher Behörden/Institutionen/Medien/Journalisten auszuwerten, auf denen dem Sachverhalt zu keinem Zeitpunkt widersprochen wurde. Auch jetzt sehe ich noch kein belastbar neues Lagebild”, so Reichelt.

MEEDIA hat auch in der Chefredaktion von Spiegel Online nachgefragt. Diese erklärt: “In unserer Berichterstattung über den Fall in Nizza haben wir uns vor allem auf die Beschreibung jener Szenen fokussiert, die auf den Fotos zu sehen sind. Ob sich hieraus eine Zwangssituation herleiten lässt ist tatsächlich nicht eindeutig. Wir haben den Text entsprechend angepasst und mit einem Vermerk versehen. Inwieweit hier eine Zwangssituation vorlag werden die weiteren Recherchen zeigen.”

Anmerkung der Redaktion:

Die Erklärung von Spiegel Online wurde nach Veröffentlichung des Artikels geliefert, sie wurde nachträglich eingefügt. 

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Alle Kommentare

  1. Auch “Meedia” sollte recherchieren, bevor es vollmundig die anderen Medien kritisiert. In der “New York Times” kommt die Frau zu Wort, um die es am Strand von Nizza ging. Die Anordnung der Polizei scheint eindeutig gewesen zu sein. Dass die Stadt Nizza das abstreitet, ist wahrlich kein Gegenbeweis.

    1. Lieber Herr Zielcke,

      darf ich Fragen, auf welchen Beitrag Sie sich beziehen?
      Sollte es dieser hier sein (http://www.nytimes.com/2016/08/25/world/europe/france-burkini.html?_r=0), dann verstehe ich Ihre Kritik nicht so ganz.

      Bei der zitierten Frau (Siam) handelt es sich offensichtlich um eine Betroffene eines Vorfalls in Cannes. Nicht um den hier thematisierten Fall in Nizza. Hier auch bei der Original-Quelle nachzulesen: http://tempsreel.nouvelobs.com/societe/20160822.OBS6680/siam-verbalisee-sur-une-plage-de-cannes-pour-port-d-un-simple-voile.html

      Sollten Sie einen anderen Beitrag meinen, bitte ich Sie, mich darüber zu informieren.

      Viele Grüße
      Marvin Schade

      1. Lieber Herr Schade,

        in dem Video der New York Times, das dem von Ihnen genannten Beitrag beigefügt ist, heißt es ausdrücklich “Nice”, Nizza. Ob es sich um eine Verwechslung zweier Vorgänge handelt, einer in Nizza, einer in Cannes, weiß ich nicht. Niemand hat, soweit ersichtlich, von zwei Fällen berichtet, in denen es eine Frau am Strand an der Cote d’Azur mit der Polizei zu tun bekam, jedenfalls nicht von zwei fotografierten Fällen. Kommt es auf den Ort an? Wenn ja, sollte Ihre Medienkritik ausdrücklich klarstellen, dass offenbar mindestens ein Vorfall existiert, in dem einer Frau tatsächlich von der Polizei aufgetragen wurde, entweder das verbotene Teil abzulegen oder aber den Strand zu verlassen. Wo auch immer dies an der französischen Mittelmeerküste geschah, vor eine solche Alternative gestellt zu werden, ist ein Zwang.
        Mit freundlichem Gruß, Andreas Zielcke

      2. Lieber Herr Zielcke,

        Ihr Hinweis ist richtig. Man sollte den anderen Fall, der hier ebenfalls in den Kommentaren erwähnt wird, tatsächlich aufgreifen, um hier deutlicher zu sein. Dies werden wir mit einem weiteren Stück nachholen, da – wie mir bei weiterer Recherche auffällt – zahlreiche Medien beide Fälle für ein und denselben halten. Bei der NYT ist das in dem von Ihnen erwähnten Video geschehen (in einem schriftlichen Artikel ist es richtig wiedergegeben worden). Auch der Guardian hat beide Fälle zu einem gemacht.

        Viele Grüße
        Marvin Schade

        P.S.: Während Ihr Hinweis richtig ist, ist Ihr Vorwurf – wir hätten nicht recherchiert – falsch.

  2. Es gab zwei Vorfälle: In Cannes musste eine Frau am 16. August 11 Euro Strafe zahlen, weil sie ein Kopftuch trug – die Polizei hielt das für einen Burkini. Und in Nizza musste eine Frau auch zahlen bzw. gehen, weil sie angeblich einen Burkini trug, dieser Vorfall wurde fotografiert und ging um die Welt (auch das war aber kein Burkini).

    http://www.liberation.fr/france/2016/08/24/femmes-voilees-verbalisees-sur-les-plages-c-est-cela-la-laicite-francaise_1474350

    Die Fotoagentur “Best Image”, die das Bild verbreitet hat, bestreitet, dass es sich um eine Inszenierung handelt (siehe Quelle oben).

    Auf die Aussagen der Stadtverwaltung von Nizza sollte man sich eher nicht verlassen. Ein Berater des Bürgermeisters der Stadt hat am Mittwoch in einer PM verkündet, dass die verklagt werden sollen, die Fotos der Polizisten beim ihrem Einsatz gegen Burkinis verbreiten. Dabei ist das Fotografieren von Polizisten in Frankreich erlaubt.

    1. Lieber Herr Moeppich,

      vielen Dank für Ihren Beitrag. Wie bereits in dieser Kommentarspalte angekündigt, werden wir den Fall bzw. die Fälle in einem weiteren Stück aufdröseln, da einige Medien beide Fälle für ein und denselben halten.

      Viele Grüße
      Marvin Schade

  3. Die SZ und der Spiegel…. seit wann hält man sich dort mit elementarem journalistischem Handwerkszeug auf. Diese Zeiten sind vorbei.
    Alles was zählt ist der ideologische Erziehungsauftrag.
    Nicht umsonst wird man dort zum Sammelbecken von Amateurschreiberlingen von anderen Presseerzeugnissen mit extremistischen Neigungen.

  4. Dieser Bloedsinn ist NEWS fuer die Europaeische Luegenpresse. Aber wenn Arabische Terroristen Juedischen Babies die Kehle durchschneiden schreien Euere Ueberschriften das Isarel wieder Araber ermordert haben. Das sie vorher Babies ermordet haben wird irgendwo am Ende der Meldung begraben.
    Aber Anisemitiemus ist wieder en mode in Europa, wenn man ueber Auschwitz schreibt einmal I’m Jahr ist das meist eine Diskussion ob dort 1.5 Millionen oder “nur” 1.4 Millionen Juden umgebracht wurden. Danke Europa, mein Vater war in Auschwitz “zu Gast”, und ich wered es Euch nicht vergessen lassen.

  5. @ Marvin Schade: Wollen Sie und das restliche Meedia-Team eigentlich nicht mal was unternehmen, um das Niveau der Kommentare bei Ihnen zu heben?

    Die Kommentar-Pöbler ziehen das Image der ganzen Marke nach unten. Oder ist das der Redaktion egal, Hauptsache man bekommt Klicks?

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