Anzeige

Fünf Jahre Apple-CEO Tim Cook: eine trügerische Erfolgsbilanz

Tim Cook (re): Auch nach fünf Jahren nicht aus dem Schatten von Apple-Gründer Steve Jobs getreten

Tatsächlich schon ein halbes Jahrzehnt führt Tim Cook die Amtsgeschäfte bei Apple als CEO. Obwohl Cook wirtschaftlich die Argumente auf seiner Seite hat, fällt die Bilanz seiner ersten fünf Jahre als Nachfolger von Steve Jobs verhalten aus: Der 56-Jährige hat Apples Erfolg lediglich verwaltet, es dabei aber verpasst, der einmaligen Erfolgsgeschichte des iKonzerns mit neuen Innovationen eigene Konturen zu geben. Die Quittung dürfte in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit folgen.

Anzeige

Es war die eine Adhoc-Meldung, vor der sich Apple-Fans ein Jahrzehnt lang gefürchtet hatten: Was, wenn Steve Jobs einmal abtritt? Am 24. August 2011 formulierte der ikonisch verehrte Apple-Gründer seine Demission in einem offenen Brief.

„Ich habe immer gesagt, wenn jemals der Tag kommt, an dem ich meine Aufgaben und Erwartungen als CEO nicht länger erfüllen kann, werde ich der Erste sein, der Sie das wissen lässt. Leider ist dieser Tag gekommen“, erklärte Jobs seinen Rücktritt und übergab das Zepter an seinen langjährigen Kronprinzen Tim Cook, der zu dem Zeitpunkt bereits seit acht Monaten die Geschäfte interimsmäßig führte.

Stabübergabe von Jobs an Cook vor fünf Jahren

Jobs beendete seine triumphale 14-jährige Amtszeit, die der Apple-Gründer zwei Wochen zuvor noch mit dem Aufstieg zum wertvollsten Konzern der Welt an der Wall Street gekrönt hatte, mit den hoffnungsvollen Worten: „Ich glaube, dass Apples hellste und innovativste Tage noch vor uns liegen“.

Genau ein halbes Jahrzehnt ist seit der Stabübergabe von Jobs an seine langjährige Nummer zwei nun schon vergangen – doch von der Aufbruchsstimmung einer neuen Apple-Ära unter der Ägide von Tim Cook ist bis heute wenig zu spüren.

Umsätze und Gewinne verdoppelt

Gefühlt hat sich in den vergangenen fünf Jahren wenig verändert: Apple ist immer noch der wertvollste Konzern der Welt, der weiterhin von seiner Lebensversicherung iPhone lebt. Tim Cook kann für sich verbuchen, die Geschäfte binnen der ersten fünf Jahre mehr als verdoppelt zu haben: Aus Umsätzen in Höhe von 108 Milliarden Dollar und einem Gewinn von 26 Milliarden Dollar im Fiskaljahr 2011 wurden per Ende 2015 Erlöse von 234 Milliarden Dollar und ein Nettogewinn von 53 Milliarden Dollar.

Der Aktienkurs entwickelte sich synchron und konnte binnen fünf Jahren von 53 auf 108 Dollar ebenfalls mehr als verdoppelt werden. Die Apple-Aktie konnte auf Sicht von fünf Jahren mit einem Plus von 113 Prozent zudem den Leitindex Dow Jones als auch den marktbreiten S&P 500 Index hinter sich lassen.

Apple kann mit Technologieschwergewichten an der Börse nicht mehr mithalten

So weit, so arithmetisch gut. Auf den zweiten Blick jedoch fällt weder Apples Aktienperformance noch die jüngere Geschäftsentwicklung so spektakulär aus. Im Fünf-Jahresvergleich mit der Technologiebörse Nasdaq bzw. dem Auswahl-Index Nasdaq 100 der Techbörse kann Apple schon nicht mehr mithalten.

Vor allem jedoch der Fünf-Jahres-Vergleich mit den Internet-Schwergewichten Alphabet (Google), Amazon und Facebook, aber auch dem ehemaligen Erzrivalen Microsoft entlarvt Apple mit einem Plus von 113 Prozent zwischen dem 24. August 2011 und dem 23. August 2016 als Tech-Underperformer:

• Microsoft: + 140 Prozent
• Alphabet: + 224 Prozent
• Facebook: + 224 Prozent (seit Mai 2012)
• Amazon: + 324 Prozent

iPhone-Absturz wirft Schatten über Cooks Fünf-Jahres-Bilanz

Noch fragwürdiger fällt die Erfolgsbilanz aus, wenn man das vergangene Jahr berücksichtigt, in dem sich Apple auf ganzer Linie auf Schrumpfkurs befindet: Die Aktie hat einen rauen Absturz bis auf weniger als 90 Dollar hinter sich, während sich Umsätze und Gewinne erstmals seit 2003 wieder rückläufig entwickeln. Im Fiskaljahr 2016 dürfte Apple happige 18 Milliarden weniger erlösen und schätzungsweise 8 oder 9 Milliarden Dollar weniger verdienen als noch zwölf Monate zuvor.

Der Grund dafür ist alle drei Monate in den Quartalsberichten nachzulesen: Die iPhone-Absätze brechen zweistellig weg. So absehbar ein Ende der phänomenalen Wachstumsstory nach neun Jahren war, so sehr überrascht doch die Wucht, mit der iPhone-Absätze erodieren – der Einbruch der vergangenen Quartale überschattet zu einem Gutteil Cooks Erfolge der ersten Jahre, zumal sie von Jobs‘ geerbt waren.

Erster schwerer Managementfehler: Phablet-Trend zu spät erkannt

In den Monaten nach der Amtsübernahme befand sich das iPhone-Wachstum 2012 mit spektakulären Zuwachsraten von mehr als 100 Prozent auf dem Zenit. Cooks eigentliche Leistung besteht dementsprechend darin, den Erfolg verwaltet zu haben.

Doch selbst dabei leistete sich der heute 56-Jährige einige Fehleinschätzungen, wie den späten Launch der größeren iPhone-Modelle, die erst 2014 – drei Jahre nach Übernahme des CEO-Postens – als 4,7 und 5,5 Zoll große Versionen auf den Markt kamen. Die turbulente Schwächephase von 2013, als Apple mit seinem 4 Zoll großen iPhone 5/5s gegen Samsungs Phablets plötzlich sehr alt aussah, hätte Cook mit einer flexibleren Produktpolitik vermeiden können.

Versäumnisse und Führungsschwäche

In der ersten Krise seiner Amtszeit 2013 offenbarte Tim Cook überraschende Führungsschwäche – auf Analysten und Tech-Konferenzen blieb Cook stets blass und verhedderte sich immer wieder im Mantra des Nichtssagens. Dass dem ehemaligen IBM-Manager das Charisma eines Jeff Bezos oder die Dynamik von Mark Zuckerberg fehlt, belastet Cooks oftmals behäbige Auftritte auf Keynotes bis heute.

Doch Cook ist nicht nur kein „Showman“, er ist offenbar auch kein „Product Guy“, wie Jobs in der Biografie von Walter Isaacson selbst konstatierte – ein ziemlich vernichtendes Urteil für den CEO des wertvollsten Technologiekonzerns, der immer nur so gut ist wie das jüngste Produkt.

Fehlende Innovationen: Die Apple Watch floppt

Und das geriet in Form der Apple Watch zum ersten überraschenden Flop Cupertinos seit eineinhalb Jahrzehnten. Für Cook ist die dürftige Aufnahme der Apple Watch nicht nur bitter, zumal sie das erste Produkt ist, das seine Ära bei Apple definiert – sie hat den Apple-Chef auch in die Defensive manövriert.

Wenn es drei lange Jahre dauerte, eine Smartwatch auf den Markt zu bringen, die im ersten vollständigen Verkaufsjahr etwa fünf Milliarden Dollar erlöst und damit gerade mal zwei Prozent zu den Gesamtumsätzen beisteuert, was hat Cook dann in den kommenden Jahren in der Pipeline, um den drastischen iPhone-Einbruch auszugleichen? Bis zum iCar, dessen Erfolg zum Löwenanteil über das Vermächtnis der Tim-Cook-Ära entscheiden dürfte, sind es vermutlich noch mindestens fünf Jahre.

Warum wagt Cook keine Großübernahmen?

Noch mal ein halbes Jahrzehnt in Wartestellung – das ist selbst für den Techbranchenprimus Apple zu viel, wenn die Lebensversicherung iPhone dem vorgezeichneten Schrumpfkurs des iPads folgt, das sich seit drei Jahren im Abwärtstrend befindet.

Apple-Fans werden reflexartig einwenden, dass mit dem generalüberholten Jubiläums-iPhone im kommenden Jahr alles anders werden möge und Apple mit dem iPhone 8 wieder zum Wachstum zurückkehren wird, was nach möglicherweise zwei Jahren im Rückwärtsgang nicht die größte Herausforderung wäre. Vor allem aber könnte ein iPhone 8-Boom Apples letzter Superzyklus sein, bevor wieder zwei Jahre mit kleinen Upgrades vergehen, in denen die Absätze schrumpfen wie nach dem iPhone 6-Hype.

Tim Cooks Cash-Verwendung: Aktienrückkäufe statt Großübernahme

Ein Jahr zweistellige Wachstumsraten, zwei Jahre im Rückwärtsgang – das sind die nicht die Perspektiven, mit denen man auf längere Sicht der wertvollste Konzern der Welt bleiben kann. Es zählt ebenfalls zu Cooks Versäumnissen, aus den größten Barreserven der Wirtschaftsgeschichte nicht den nächsten Wachstumstreiber gekauft zu haben.

Als Tim Cook CEO von Apple wurde, beliefen sich die Barmittel bereits auf über 100 Milliarden Dollar, heute sind es nach Abzug von Verbindlichkeiten knapp 150 Milliarden. Zwar führte Cook die immensen Barreserven in Form von Aktienrückkäufen und Dividendenausschüttungen an Anleger zurück statt die Cashbestände ins Unermessliche wachsen zu lassen, doch gleichzeitig wirft die enorme Kapitalverwendung die Frage auf, was Apple in der Zwischenzeit für das Geld in der freien Wirtschaft hätte erwerben können.

Apple hätte unter Tim Cook Facebook, Netflix und Tesla kaufen können

175 Milliarden Dollar hat Apple unter Tim Cook an Aktionäre seit dem Frühjahr 2012 zurückgeführt: Für das Kapital hätte Apple Facebook zum Börsengang 2012 und Netflix und Tesla in der Zeit danach kaufen können – und hätte heute noch Wechselgeld übrig. Angesichts der eher durchschnittlichen Wertentwicklung der Apple-Aktie in den vergangenen fünf Jahren muss sich Tim Cook die Frage gefallen lassen, ob er mit rechtzeitigen Großübernahmen nicht besser im Sinne der Aktionäre und der Weiterentwicklung von Apple hätte handeln können.

Zum fünften Jahrestag als Apple-CEO sind noch viele Konjunktive im Spiel. Die Fakten sprechen rechnerisch für Cook, doch das Urteil über sein Vermächtnis als Apple-Chef dürfte unzweifelhaft in den kommenden fünf Jahren fallen, wenn sich Cook nicht mehr hinter dem großen Erbe seines Vorgängers verstecken kann. Tim Cook muss Apple mittelfristig neu erfinden – und doch scheint nach einem halben Jahrzehnt fraglicher denn je, ob er dafür der richtige Mann ist.

Die Vorboten für eine höchst unruhige zweite Hälfte der Amtszeit sind nicht mehr zu übersehen: Das Apple-Imperium befindet sich anno 2016 gehörig unter Druck. Zweimal löste Alphabet Apple in diesem Jahr bereits als wertvollsten Konzern der Welt kurzzeitig ab – es dürfte ein Wink mit dem Zaunpfahl für die Zukunft sein.

Anzeige