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Auch deutsche News-Websites verlieren Facebook-Traffic – am Algorithmus liegt das aber nicht

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Haben Facebook-Traffic verloren: Focus, Huffington Post und Bild

In den vergangenen Tagen sorgten Zahlen von SimilarWeb für Schlagzeilen: US-amerikanische News-Publisher hatten demnach teilweise massiv Besucher verloren, die via Facebook auf ihre Seiten kamen. Viele meinten, dass der Facebook-Algorithmus Schuld sei. MEEDIA hat eine identische Analyse für Deutschland durchgeführt. Ergebnis: Auch hier gibt es Verlierer - doch am Algorithmus liegt das nicht.

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Auch MEEDIA hatte über die SimilarWeb-Auswertung berichtet. Während im Original-Artikel aber nur kurz und sehr neutral über den Facebook-Traffic gesprochen wurde, ließen sich zahlreiche Autoren dazu hinreißen, die Schuld direkt den Änderungen im Facebook-Algorithmus zu geben – auch mein MEEDIA-Kollege.

Nachdem ich mich im Nachhinein nun ausführlich mit den SimilarWeb-Daten beschäftigt habe, wäre ich mit diesen Schlussfolgerungen schon von vornherein vorsichtiger gewesen. Verglichen wurden nämlich in der Analyse die Zahlen des ersten Quartals mit denen des zweiten. Zudem ermittelt SimilarWeb die Traffic-Bestandteile nur für die herkömmlichen Websites für stationäre Rechner – mobile Nutzer spielen keine Rolle. Beide Aspekte sind für mich problematisch, denn zum einen schrumpft der stationäre Traffic ab Frühjahr tendenziell zugunsten des mobilen Traffics – und zum anderen gab es insbesondere im Jahr 2016 in den ersten Monaten Ereignisse, die die Visits der Nachrichten-Websites wachsen ließen – in den USA z.B. die Primaries. Der Traffic schrumpfte daher von Quartal 1 zu Quartal 2 bei vielen der Anbieter auch ohne Facebook-Minus deutlich.

Ich habe mich dennoch aus Vergleichsgründen dazu entschieden, auch für Deutschland eine solche Analyse durchzuführen – das erste also mit dem zweiten Quartal zu vergleichen. Dazu habe ich die 50 deutschen News-Websites, die mit ihren stationären Websites den größten Traffic holen, aus den SimilarWeb-Zahlen herausgefiltert und anschließend die Visits gewertet, die sie mit Links auf Facebook generieren. Angemerkt werden muss noch, dass die Zahlen nicht mit IVW-Daten verglichen werden sollten, da die SimilarWeb-Zahlen Hochrechnungen sind und auch der Begriff “Visit” anders definiert wird als bei der IVW.

Eins der Ergebnisse meiner Analyse: Auch in Deutschland gab es im zweiten Quartal Verlierer. Insgesamt schrumpfte der Traffic via Facebook zwar nur um etwas mehr als 2%, doch für Anbieter wie Focus Online (-10,3%), die Huffington Post (-18,8%), n-tv.de (-16,4%) und Mopo24 (-13,5%) ging es massiv nach unten. Lag das nun also daran, dass Facebook seinen Algorithmus geändert hat und journalistische Anbieter benachteiligt? Wohl kaum.

Schaut man auf die Likes und Shares, die die Nachrichtenanbieter auf Facebook generieren, so zeigt sich laut der Social-Media-News-Charts 10000 Flies [Offenlegung: Ich bin Mitbetreiber von 10000 Flies] z.B., das insbesondere der Januar für zahlreiche Websites der erfolgreichste Monat ihrer Geschichte war. Auch Focus Online, die Huffington Post und n-tv hatten damals so viele Likes und Shares generiert wie nie zuvor. Rekorde, die auch immer noch gelten.

Ein Grund dafür war damals der Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Focus Online z.B. hatte Ende 2015, Anfang 2016 jeden noch so kleinen Aspekt dieses Themenkomplexes aufgeblasen und mit reißerischer Headline versehen. Die Aufregung um die Flüchtlingsfrage hat sich im Laufe der Zeit deutlich abgeschwächt, darunter leiden die Websites, die u.a. im Januar stark von der überhitzten Debatte profitiert hatten. Ein anderes Social-Media-Mega-Thema war im Januar die Kölner Silvesternacht.

Bestätigt wird die Vermutung, dass eher diese Aufregerthemen für das Minus beim Facebook-Traffic verantwortlich sind als irgendwelche Algorithmus-Änderungen, durch noch dickere Minuszeichen bei populistischen Medien wie den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, der Jungen Freiheit oder der Epoch Times. Sie waren zu Beginn des Jahres ebenfalls extrem auf der Empörungswelle mitgesurft und verloren nun zwischen 24,3% und 28,1% ihres Facebook-Traffics.

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Auf der anderen Seite gibt es aber auch zahlreiche Gewinner beim Facebook-Traffic. So legten allein unter den Großen Sechs mit der Welt, Spiegel Online, der Süddeutschen und Zeit Online vier Anbieter zu. Eine generelle Tendenz zu weniger Facebook-Traffic für Verlage ist also überhaupt nicht zu erkennen.

Meine Schlussfolgerung: Das Social Web ist ganz einfach sehr empfänglich für Aufregerthemen. Seien es gequälte Tiere, entführte Kinder, transferierte Fußballer oder eben die US-Primaries, die Kölner Silvesternacht und die Flüchtlingsfrage. Die Zahl solcher Aufregerthemen bestimmt den Traffic, den viele News-Websites via Facebook einsammeln – und nicht eine Änderung im Algorithmus des Netzwerkes. Natürlich können auch solche Änderungen Auswirkungen haben, doch dazu müsste man zu einem späteren Zeitpunkt viel langfristigere Daten auswerten. Bisher zeigen die Langfrist-Pfeile jedenfalls fast überall noch kräftig nach oben.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Player in Deutschland den meisten Traffic via Facebook generieren, habe ich die 50 News-Websites noch genau danach sortiert. Ganz vorn findet sich trotz der Verluste souverän Focus Online, dahinter folgen Die Welt, Spiegel Online und Bild.

SimilarWeb: Die Top 50 Nachrichten-Websites sortiert nach ihrem Facebook-Traffic
vs. Q1 2016
Visits Q2 2016* absolut in %
1 focus.de 18.300.000 -2.100.000 -10,3
2 welt.de 12.700.000 200.000 1,6
3 spiegel.de 12.300.000 1.100.000 9,8
4 bild.de 10.500.000 -600.000 -5,4
5 sueddeutsche.de 7.950.000 350.000 4,6
6 zeit.de 7.700.000 400.000 5,5
7 huffingtonpost.de 6.700.000 -1.550.000 -18,8
8 n24.de 5.700.000 200.000 3,6
9 stern.de 5.650.000 50.000 0,9
10 faz.net 5.050.000 0 0,0
11 n-tv.de 3.050.000 -600.000 -16,4
12 bento.de 2.650.000 500.000 23,3
13 derwesten.de 2.250.000 0 0,0
14 taz.de 2.150.000 -50.000 -2,3
15 rp-online.de 2.100.000 -50.000 -2,3
16 ze.tt 1.950.000 250.000 14,7
17 tagesspiegel.de 1.900.000 -100.000 -5,0
18 businessinsider.de 1.650.000 0 0,0
19 tagesschau.de 1.600.000 250.000 18,5
20 express.de 1.600.000 150.000 10,3
21 mopo24.de 1.600.000 -250.000 -13,5
22 deutsche-wirtschafts-nachrichten.de 1.400.000 -450.000 -24,3
23 ksta.de 1.250.000 0 0,0
24 handelsblatt.com 1.150.000 -150.000 -11,5
25 mopo.de 1.150.000 200.000 21,1
*: hochgerechnete Visits der jeweiligen Website, die durch Links auf Facebook entstanden sind / ohne Mobile
Rohdaten-Quelle: SimilarWeb / Recherche + Tabelle: MEEDIA

Deutlich erfolgreicher als im Gesamt-Traffic sind vor allem Neulinge wie bento, ze.tt und der deutsche Business Insider, sowie die Huffington Post und Mopo24, die ebenfalls noch nicht sehr alt sind. Wie hoch die Anteile des Social-Traffics am Gesamt-Traffic bei den 50 Anbietern sind, schreibe ich in der kommenden Woche in einer gesonderten Analyse auf. Der Aspekt würde die Fragestellung dieses Artikels ansonsten sprengen.

SimilarWeb: Die Top 50 Nachrichten-Websites sortiert nach ihrem Facebook-Traffic
vs. Q1 2016
Visits Q2 2016* absolut in %
26 epochtimes.de 1.150.000 -450.000 -28,1
27 bz-berlin.de 1.100.000 180.000 19,6
28 morgenpost.de 1.100.000 -400.000 -26,7
29 nordbayern.de 1.050.000 0 0,0
30 berliner-zeitung.de 940.000 20.000 2,2
31 abendblatt.de 910.000 30.000 3,4
32 sz-online.de 870.000 100.000 13,0
33 mz-web.de 860.000 160.000 22,9
34 merkur.de 790.000 -120.000 -13,2
35 stuttgarter-zeitung.de 680.000 30.000 4,6
36 jungefreiheit.de 680.000 -280.000 -29,2
37 augsburger-allgemeine.de 660.000 -100.000 -13,2
38 haz.de 660.000 100.000 17,9
39 tz.de 640.000 70.000 12,3
40 heute.de 610.000 -160.000 -20,8
41 noz.de 610.000 50.000 8,9
42 wiwo.de 550.000 -80.000 -12,7
43 fr-online.de 530.000 -90.000 -14,5
44 shz.de 530.000 -70.000 -11,7
45 badische-zeitung.de 440.000 10.000 2,3
46 hna.de 430.000 -10.000 -2,3
47 news.de 390.000 240.000 160,0
48 swp.de 390.000 -20.000 -4,9
49 abendzeitung-muenchen.de 350.000 -60.000 -14,6
50 manager-magazin.de 290.000 30.000 11,5
*: hochgerechnete Visits der jeweiligen Website, die durch Links auf Facebook entstanden sind / ohne Mobile
Rohdaten-Quelle: SimilarWeb / Recherche + Tabelle: MEEDIA

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Alle Kommentare

  1. So stelle ich mir wahren und engagierten Journalismus vor. Tolle Arbeit, die wie jede sorgfältige Recherche viel Zeit erfordert hat, aber dafür statt des Geschwafels der schnellen Hinschreiber auch ein verwertbares Ergebnis bringt. Danke!

  2. So so, die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, die Junge Freiheit und die Epoch Times sind also “populistisch”. Wenn es ernst wird, sind diese doch (DWN kenne ich nicht) die einzig ernstzunehmenden Nachrichtenmagazine, die nicht alles unter den Teppich kehren. Und dafür sind doch die Medien wahrlich nicht da.
    Die Epoch Times lese ich seitdem vorrangig und regelmässig.

  3. Leider beobachte ich das nicht nur bei Nachrichtenseiten, womit die These dann nicht ganz hinhaut. In diversen Facebook Admin Foren ist das Thema organische Reichweite aber nahezu tabu, sodass ein Austausch fast unmöglich ist.
    Bei unseren Seiten sehen wir insbesondere in den letzten 2 Monaten einen Rückgang, der die 25% noch bei weitem übersteigt. Gern würde ich mehr zu dem Thema lesen. Danke für den Artikel.

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