Anzeige

Paid-Content-Konzept von Zeit Online: die 5 ungewöhnlichen Erkenntnisse von Chefredakteur Jochen Wegner

Zeit Online-Chef Jochen Wegner verriet seine Erkenntnisse zu Paid Content dem journalist

Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner hat der Zeitschrift journalist ein langes, lesenswertes Interview gegeben, in dem er sich u.a. ausführlich zu den Paid Content-Plänen bei Zeit Online äußert. Viele Erkenntnisse Wegners widersprechen dabei den landläufigen „Flurparolen“ des Onlinejournalismus. MEEDIA hat die fünf ungewöhnlichsten gesammelt.

Anzeige

1. Mathe ist wichtig für Medien

Zahlen sind für Online-Medien enorm wichtig und durch Social Media gibt es heute mehr Zahlen über Nutzer-Bewegungen als jemals zuvor. Jochen Wegner im journalist: „Als ich 2013 bei Zeit Online anfing, kamen zwei oder drei Prozent unserer User von Facebook. Wir hatten damals eine einzige Social-Media-Kollegin, die postete fünfmal am Tag einen Beitrag, alles andere wäre Spam gewesen. Heute postet die gesamte Redaktion 50-mal am Tag, vieles davon ist originär, wir haben ein Engagement-Team mit sechs und ein Audience Development mit weiteren drei Leuten.“ Außerdem hat Zeit Online einen promovierten Mathematiker eingestellt, der die Nutzerbewegung noch detaillierter erforschen soll. Wegner: „Nicht alle Onlineredaktionen wissen, wer eigentlich ihre Leser sind, wo genau sie herkommen und welche Vorlieben sie haben. Der Umstand, dass man online einfach jede Interaktion direkt messen kann, führt zu dem Missverständnis, man wisse bereits alles.“

2. Die Homepage lebt

Bei Zeit Online kommt ein gutes Drittel der Reichweite „von außen“, sagt Jochen Wegner. Also etwa von Facebook oder der Google-Suche. Das ist vergleichsweise wenig. Wegner: „Unsere Desktop-Homepage ist stabil, so etwas darf es eigentlich nicht mehr geben, wenn man all den Digitalexperten glaubt. Und die Homepage insgesamt wächst deutlich – dank der mobilen Nutzung. Die alten Flurparolen des Onlinejournalismus müssen nicht für alle gelten. Die Homepage ist nicht tot. Wenn man viel Liebe drauf verwendet, dann kommen die Leute auf die Homepage, und sie kommen auch wieder.“ Das passt zu der Auffassung, dass eine starke Homepage mit einer starken (Medien)-Marke korrespondiert. Eine starke Homepage schützt gleichzeitig vor einer zu großen Abhängigkeit von Plattformen.

3. Länge läuft

Kurz und knackig soll es heute im Online-Journalismus meistens sein. Oder, wie man so schön sagt: snackable. Die schnelle News für den Smartphone-Bildschirm, die sich in der U-Bahn oder im Arzt-Wartezimmer konsumieren lässt. Wegners Erfahrungen bei Zeit Online sind andere: „Unser mit Abstand meistgelesener Kolumnist, der Bundesrichter Thomas Fischer, schreibt jede Woche 25.000 Zeichen – im Schnitt. Offensichtlich haben wir Leser, die sich auf diese Marke eingelassen haben und deswegen wachsen wir. Wir machen vieles anders, als es im Lehrbuch für Onlinejournalismus steht. Mit diesem kontraintuitiven, aber evidenzbasierten Ansatz haben wir sz.de und faz.net mittlerweile deutlich hinter uns gelassen.“

4. Micro-Payment bringt Micro-Money

Viele Digital-Experten halten Abo-Modelle für Medien im Digitalzeitalter für altbacken. Unbundling ist das Stichwort, das „Entbündeln“ der Inhalte und verkaufen via Micro-Payment. Der Spiegel experimentiert damit gerade und verlangt pro Artikel bei Spiegel Plus 39 Cent. Wegner hält von Micro-Payment bei General Interest-Medien nichts: „Einzelverkauf bei Nicht-Fachmedien funktioniert nur in einem Fall in Deutschland, und das ist die Stiftung Warentest. Was der Marktführer Spiegel derzeit testet, finde ich bemerkenswert. Ich glaube bis auf weiteres nicht, dass das zu wirklich relevanten Umsätzen führt – und gebe an der Ericusspitze mit Freuden eine Runde Bier aus, falls ich mich irre. Alle Erfolgsmodelle, die ich sehe, konzentrieren sich darauf, Leser langfristig zu binden. Ein Bezahlmodell funktioniert nur mit Menschen, die die Marke lieben und deshalb sagen, ich bin an einer dauerhaften Beziehung interessiert.“ Und die zahlen dann auch hoffentlich mehr als nur die berühmten „lousy Pennies“.

5. Es lebe das Abo

Daraus folgt im Umkehrschluss, dass das gute alte Abo Mittel der Wahl auch und gerade beim digitalen Paid Content ist. Damit ein Medium abonniert wird, muss natürlich vorher eine starke Marke aufgebaut worden sein. In Bezug auf die Zeit ist Wegner optimistisch: „Meine Erfahrung ist, dass diese Marke große Liebe erfährt. Es ist für viele wichtig, Teil dieser Community zu sein. Und das seit mehr als 70 Jahren. Das gilt auch für unsere Onlineleser, obwohl wir nur eine Überschneidung von 10 Prozent mit Print haben. 90 Prozent unserer User haben noch keinerlei Beziehung zu irgendeinem unserer Print-Produkte.“ Einsteiger- und Zwischen-Angebote sollen Online-Lesern den Schritt hin zum Abo erleichtern. Wegner verweist außerdem darauf, dass er keineswegs der einzige ist, der im Digitalen auf Abos setzt: „Vielleicht ist diese alte Print-Denke heute wieder ganz neu: Spotify und iTunes Music, Netflix und Amazon Prime – alles Abo-Modelle, kein Einzelverkauf, nirgends.“

Das komplette Interview des journalist mit Jochen Wegner lesen Sie hier.

Anzeige