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Bild macht den Wallraff: Reporter vier Monate als Undercover-Angestellter im Bundesamt für Flüchtlinge

Bild-Chefin Tanit Koch sieht in Ziffer 12.1 des Pressekodex' eine Bevormundung

In den 70er Jahren machte ein Enthüllungsbuch Günter Wallraff berühmt. In „Der Aufmacher“ schilderte der Schriftsteller seine Erfahrungen als Reporter „Hans Esser“ in der Bild-Redaktion. Jetzt landet das Boulevardblatt einen ähnlichen Scoop: Bild-Reporter Abdullah Khan, 27, heuerte im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an und arbeitete dort vier Monate lang unentdeckt. Seine Erfahrungen dokumentiert eine Serie, die am Montag in Bild startet.

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Die Geschichte hinter der Geschichte geht so: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist die wichtigste operative Schaltstelle zur Bewältigung der Flüchtlingskrise. Während die Politiker meist mauerten, wenn es darum ging, Details zu nennen oder zu erklären, wie die im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegene Zahl von Zuwanderern bewältigt und betreut werden können, musste dort gehandelt werden. An die Öffentlichkeit drang aber wenig, was die Arbeit des BAMF betraf.

Abdullah Khan bewarb sich nach MEEDIA-Infos im Zuge einer Stellenanzeigen-Kampagne, die das BAMF im letzten Herbst schaltete, unter seinem echten Namen um eine Stelle. In Absprache mit der Bild-Chefredaktion nahm er die ihm zugesagte Stelle im Februar an. Der freie Mitarbeiter wurde 1989 in Hamburg geboren. Seine Eltern stammen aus Pakistan und leben seit 1971 in Deutschland. Khan arbeitet seit Jahren als Reporter, u.a. für Bild und für TV-Produktionen. Bei Bild recherchierte er im Jahr 2015 für das Investigativ-Ressort mehrere Geschichten zur Flüchtlingskrise.

Bildschirmfoto 2016-08-07 um 19.25.01

Das BAMF wurde dem Vernehmen nach erst am heutigen Sonntag über die journalistische Tätigkeit des Angestellten Khan informiert. Wie aus dem Verlagsumfeld verlautet, beruft sich die Bild-Chefredaktion bei ihrer Entscheidung für die Undercover-Operation auf den Pressekodex, wonach verdeckte Recherche in Einzelfällen gerechtfertigt ist. Ein solcher Einzelfall liegt nach Ansicht der Bild-Verantwortlichen vor, da das BAMF seit Beginn der Flüchtlingskrise im Fokus des öffentlichen Interesses und teils auch in der Kritik stehe. Keine Bundesbehörde spiele für die Bewältigung der Flüchtlingskrise eine so zentrale Rolle spielt wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die langfristige, verdeckte Recherche sei wichtig gewesen, um eine ungeschönte Einschätzung der Lage zu erhalten – die die Redaktion auf andere Weise nicht hätte bekommen können.

Dennoch war man sich bei dem Springer-Titel der Brisanz der Aktion bewusst: Gemeinsam mit Abdullah Khan, der Bild-Chefredaktion und der Rechtsabteilung der Axel Springer SE wurde nach Informationen von MEEDIA ein Verhaltenskodex für die Tätigkeit des Maulwurfs im Bundesamt abgestimmt – dazu zählen demnach u.a. keine Weitergabe von geschützten Daten, Erfüllung der dortigen Aufgaben sowie den Weisungen seiner dortigen Vorgesetzten Folge leisten. Betreut wurde die Serie bei Bild von Nannen-Preisträger Martin Heidemanns. Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt twitterte am Abend ein Video:

Der Undercover-Reporter habe zudem zu keinem Zeitpunkt über das Schicksal von Asyl-Antragstellern entschieden. Khan war Sachbearbeiter einer BAMF-Außenstelle in Berlin im Asylverfahrenssekretariat und leitete in dieser Funktion personenbezogene Daten wie z.B. Fingerabdrücke an die Entscheider weiter, entschied aber nicht selbst über Anträge. Wie es aus Insiderkreisen heißt, werde die fünfteilige Serie bestehende Mängel in der Organisation des BAMF, in der technischen Ausstattung und der Umsetzung der Aufgaben publik machen. Die Recherche belege zudem en Detail, mit welchen Problemen das BAMF durch das massive Flüchtlingsaufkommen konfrontiert ist.

Das Bundesamt gab am Montag auf Anfrage nur einen knappen Kommentar ab: „Wir bitten um Verständnis, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Stellungnahme zu dem Thema abgeben können.“

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