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“Le Monde” kein Vorbild für deutsche Medien: Die meisten wollen weiter Terroristen-Fotos zeigen

Die Tageszeitung Le Monde will in Zukunft keine Fotos von Terroristen mehr zeigen
Die Tageszeitung Le Monde will in Zukunft keine Fotos von Terroristen mehr zeigen

Die französische Tageszeitung Le Monde hat sich entschieden, keine Bilder mehr von Terroristen zu zeigen. Die meisten deutschen Medien wollen dem bewußten Schritt der Franzosen nicht folgen. So lehnt der Springer-Konzern hierzu eine Grundsatzentscheidung ab. Auch Spiegel und stern wollen nicht auf Fotos von Attentätern verzichten.

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Ob das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo oder der grausame Mord an einem Priester in Saint-Etienne-du-Rouvray – vor allem Frankreich ist immer wieder Ziel von islamistischem Terror. Jedesmal zeigen Medien weltweit die Bilder der Terroristen, die teils mit ihren Waffen posieren. Für Jerome Fenoglio, Chefredakteur der französischen Tageszeitung Le Monde, ist dies nicht tragbar. Er hat sich entschieden, in seiner Zeitung keine Bilder mehr von Terroristen abzulichten. Fenoglio will damit vermeiden, dass die Terroristen posthum glorifiziert werden. Auch Propagandamaterial des „Islamischen Staates“ will die Zeitung nicht mehr drucken.

Der bislang einzigartige Schritt von Le Monde hat auch hierzulande in vielen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen eine heftige Diskussion ausgelöst. Dennoch wollen viele Medien trotz der jüngsten Vorfälle in München, Ansbach und Würzburg nicht dem Schritt der französischen Zeitung folgen, sondern bei der Berichterstattung „einzelfallbezogen” entscheiden. Dazu gehört der Berliner Springer-Konzern: „Ein verantwortlicher Umgang mit Fotos und anderem Material heißt für uns: Wir berichten frei, immer basierend auf Einzelentscheidungen. Natürlich muss vermieden werden, was aus Tätern Helden oder Märtyrer macht oder zu Folgetaten ermuntert. Aber bei Axel Springer wird es keine Grundsatzentscheidung geben“, erklärt eine Springer-Sprecherin. Einen ähnlichen Tenor schlägt auch die zu Springer gehörende Bild-Zeitung an: “Auch für Bild ist der Umgang mit Propaganda-Material von Terroristen und Fotos von Attentätern eine wichtige Frage, die wir in jedem speziellen Fall diskutieren und individuell entscheiden“, erklärt eine Bild-Sprecherin gegenüber MEEDIA.

Auch Spiegel und Stern beabsichtigen, weiterhin die Fotos von Attentätern und Terroristen zu zeigen. „Der Spiegel wird Bilder der Täter drucken, aber dezent und schon gar nicht in reißerischer, heroisierender Form“, erklärt ein Spiegel-Sprecher. Der stern ist hier offensiver. In seiner heute am Kiosk erscheinenden Titelgeschichte lichtet das zu Gruner + Jahr gehörende Magazin auf dem Cover die Bilder von Attentätern ab, darunter von Mohamed B., der in Nizza mit einem geliehenen 19-Tonner 84 Menschen in den Tod riss. Dabei werden allerdings die Augen der Attentäter durch einen gelben Balken auf dem Cover verdeckt, auf dem die Zeile „Wütend bis in den Tod steht“ steht. In der Berichterstattung auf den hinteren Seiten lässt die zu Gruner + Jahr gehörende Zeitschrift jedoch jedwede Zurückhaltung vermissen. Ungepixelt werden hier die Fotos von Terroristen und Attentätern gezeigt. Auch das Foto von zwei Teenies aus einer Überwachungskamera, die Waffen in den Händen halten, zeigt das Blatt. „Jeder Einzelfall wird auch beim stern nach den Kriterien abgewogen, die für jede Veröffentlichung gelten. Soweit es aus dokumentarischen Gründen nötig ist, werden wir auch weiterhin Bilder von Terroristen zeigen, so wie zum Beispiel auch in der aktuellen Ausgabe des stern. Das kann sinnvoll sein, beispielsweise im Rahmen einer Schilderung des Lebensweges eines Täters. Bei der Frage des Verzichts geht es vor allem um Propagandamaterialien des ‘Islamischen Staats’, die vom IS selbst zum Zweck der Glorifizierung und der Rekrutierung von Nachahmern verbreitet werden. Unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse werden wir auch in der Redaktion des stern intensiv diskutieren, wie mit solchen Materialien künftig umzugehen ist“, rechtfertigt eine stern-Sprecherin das Vorgehen.

Verantwortungsvoller gehen die Zeit und Zeit Online mit dem Thema um: „Zeit Online verzichtet seit jeher auf Darstellungen, die zur Überhöhung von Gewalttätern beitragen könnten. Eine absolute Selbstverpflichtung, gar keine Bilder etwa von Terroristen oder Amokläufern zu zeigen, wollen wir aber nicht eingehen. Wenn es uns journalistisch geboten erscheint, müssen wir stets die Möglichkeit haben, dies zu tun, und wollen dies weiter im Einzelfall entscheiden können“, betont Jochen Wegner, Chefredakteur Zeit Online. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zeigt so gut wie keine Fotos von Terroristen oder Attentätern. „Die F.A.Z. ist bei Bildern schon immer zurückhaltend gewesen. Weder in Würzburg noch in München oder Ansbach hatten wir Fotos der Täter in der Zeitung. Darüber gab es auch keine ernsthafte Diskussion. So werden wir es auch in Zukunft halten“, erklärt eine F.A.Z.-Sprecherin.

Viele TV-Sender – ob öffentlich-rechtlich oder private Fernsehstationen – hingegen haben sich entschlossen, die Bilder von Tätern zu pixeln. Dazu zählt auch die Mediengruppe RTL. „Nach Ereignissen wie denen am Wochenende diskutieren wir bei uns ganz regulär die eigene Berichterstattung sowie die der Medien generell, Social Media inklusive. Im Ergebnis pixeln wir seit vorgestern die Täter im Rahmen der Berichterstattung zu Würzburg und München, seit gestern auch den Täter aus Ansbach“, erklärt eine RTL-Sprecherin. Der Kölner Sender will aber nicht gänzlich darauf verzichten, Bilder von Terroristen zu veröffentlichen. „Das Zeigen etwa von Tätern kategorisch auszuschließen, fällt schwer angesichts der Tatsache, dass solche Ereignisse sehr unterschiedlich sein können. So oder so steht für uns nicht der Täter im Vordergrund, sondern die Aufgabe, dem Zuschauer zu erklären und einzuordnen, warum so etwas passiert, wieso jemand so handelt und was die Hintergründe sind. Richtig und wichtig ist jedoch ohne Zweifel, gerade auch nach München, zu bewerten, in welcher inhaltlichen Gewichtung in solchen teils ungeklärten Situationen berichtet wird“, erklärt die Sender-Sprecherin.

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Auch n-tv Chefredakteurin Sonja Schwetje will keine pauschale Regel aufstellen, sondern jeden Fall einzeln betrachten: „Es ist immer eine Abwägung zwischen unserer Aufgabe, die Zuschauer und Nutzer so umfassend wie möglich zu informieren und der Verantwortung, die wir bei der Auswahl von Informationen haben. Ein offen gezeigtes Täterbild kann zum Beispiel zu Hinweisen an die Ermittler führen. Ein unkenntlich gemachtes Bild lässt schnell den Eindruck entstehen, hier habe eine Art unmenschliches Monster ein Verbrechen begangen. Das würde den Eindruck von verbreitetem Schrecken unterstützen“, so die Chefredakteurin und ergänzt: „Wir haben uns nach längerer Diskussion entschieden, die Täter von Würzburg, München und Ansbach inklusive des sogenannten Bekennervideos ab einem bestimmten Zeitpunkt unkenntlich zu machen, weil eventuell die Gefahr besteht, dass sich eine perfide Art von Personenkult um sie entwickelt. Diesen Stellenwert wollten wir ihnen nicht einräumen. Wie gesagt, es gibt hier kein generelles „richtig“ oder „falsch“. Für jede Entscheidung gibt es in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Argumente, die man dann gewichten muss.”

Auch ARD aktuell hält sich zurück, bei Amokläufern Fotos der Täter zu zeigen. “Nach Beratung durch namhafte Kriminologen und Psychologen verzichtet ARD-aktuell bei Amokläufen komplett auf erkennbare Fotos der Täter, so dass es nicht zu einer Heroisierung kommt, die sie anstreben und die außerdem Nachahmer zu ähnlichen Taten animieren kann. Bei politisch bzw. religiös motivierten Terroranschlägen gelten diese Grundsätze zwar nicht, dennoch halten wir uns auch hier bei Täterfotos sehr stark zurück, da es bei den Persönlichkeitsmerkmalen der Täter durchaus Schnittmengen zu Amoktätern gibt. Einen generellen Verzicht auf Täterfotos bei Terroranschlägen gibt es aber nicht“, erklärt Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, gegenüber MEEDIA.

Ebenso vorsichtig sind Michaela Kolster, Phoenix-Programmgeschäftsführerin, und Helge Fuhst, stellvertretender Programmgeschäftsführer, bei der Veröffentlichung von Täterbildern: „Da wir uns der Hintergrundberichterstattung verpflichtet fühlen, herrscht bei uns ohnehin eine hohe Sensibilität bezüglich des Einsatzes von Bildern. Das gilt umso mehr für den sog. Islamischen Staat, der ganz bewusst Bilder für seine Propaganda einsetzt. Wir stellen uns die Frage, ob ein Bild oder Video wirklich notwendig ist, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn überhaupt, zeigen wir solche Bilder nicht unkommentiert. Bei ARD und ZDF, zu denen Phoenix gehört, werden Bilder ohnehin unter hohen journalistischen Ansprüchen auf ihre Authentizität geprüft.“ Ein ZDF-Sprecher ergänzt: „Aktuell diskutieren die zuständigen ZDF-Redaktionen in jedem Einzelfall, ob die Fotos von Terroristen verpixelt werden oder nicht. Die Debatte in Frankreich verfolgen wir sehr interessiert“.

Auch viele Regjonalzeitungen beschäftigt das Thema: „Unsere Zentralredaktion und unsere Titel treffen keine allgemeinen Festlegungen, sondern gehen davon aus, dass jeder Fall einzigartig ist und entsprechend einzeln beurteilt werden muss. Bisher ist verantwortungsvoll mit dem Thema umgegangen worden, so unterschiedlich es auch in den einzelnen Funke-Medien behandelt wird. Es gab keine Fotos von Tätern in selbstinszenierten Siegerposen, kein Abdruck von Propagandamaterial des IS (es sei denn man berichtet z.B. über den Propagandakrieg des IS), Fotos von Opfern nur so, dass ihre Würde nicht verletzt wird“, erklärt ein Sprecher von Funke. Das zur Funke Mediengruppe gehörende Hamburger Abendblatt (HA) plant zu dem Thema morgen eine Leserbefragung. Am Montag hat sich Mathias Ikeln, stellvertretender Chefredakteur in einem Essay zu der Frage geäußert. Auch Lars Geipel, stellvertretender Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, schaltet sich in die Diskussion ein: „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung. Die Redaktion der Mitteldeutsche Zeitung wägt vor einer möglichen Veröffentlichung von entsprechenden Fotos Vor- und Nachteile genau ab. Eine grundsätzliche Entscheidung, Bilder von Terroristen nicht zu zeigen, gibt es bei uns nicht“.

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