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Wirklich nur „widerlich“? Der schwierige Umgang mit Opfer- und Täterfotos nach Amokläufen

Weglassen oder Zeigen? Zwei Zeitungen, zwei Wege mit Opfer- und Täterfotos umzugehen
Weglassen oder Zeigen? Zwei Zeitungen, zwei Wege mit Opfer- und Täterfotos umzugehen

Die Bild am Sonntag zeigte Bilder der Opfer des Amoklaufs von München und erntete im Social Web teils harsche Kritik und Beschwerden beim Presserat. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verzichtete auf Namensnennungen und Fotos. Bei der Frage, wie mit Opfer- und Täterbildern umzugehen ist, ist aber auch der Presserat mit seinen Empfehlungen nicht eindeutig. Annäherung an ein heikles Thema.

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„Widerlich“ sei die Bild am Sonntag, weil sie mehrere Fotos von Opfern des Münchner Amoklaufs auf ihrer Titelseite und im Innenteil zeigt. So urteilten einige Nutzer auf Twitter und bei Facebook. Schnell gingen zu dem BamS-Titel erste Beschwerden beim Deutschen Presserat ein.

Dass sich der Presserat nach Ausnahme-Situationen mit vielen Todesopfern mit solchen Beschwerden befassen muss, ist mittlerweile normal. Siehe u.a. die Germanwings-Katastrophe, bei der der Co-Pilot Andreas Lubitz einen voll besetzten Airbus absichtlich an einem Berg zerschellen ließ.

Das Zeigen von Bildern – der Täter wie der Opfer – ist dabei ein Reflex vor allem von Boulevardjournalisten aber nicht nur von denen. So missbilligte es der Presserat im Falle des über der Ukraine abgeschossenen Malaysia Airline Fluges MH17 sowohl bei Bild, stern und Spiegel, dass alle drei Medien Fotos der Opfer zeigten. Auch der Spiegel hatte mit einem in der Branche so genannten „Opfer-Teppich“ auf dem Titel aufgemacht und dazu die umstrittene Zeile „Stoppt Putin jetzt!“ getextet.

Der Impuls, Bilder zu zeigen (zeigen „was ist“, in Abwandlung des berühmten Rudolf Augstein-Zitats, das im Spiegel-Foyer hängt), liegt in der DNA des Journalismus. Gerade in Zeiten von Social Media, in denen scheinbar alles Private öffentlicher ist als jemals zuvor, stellen viele aber die Frage, ob man das darf. Darf ein Medium in die Privatsphäre von Opfern einer Gewalttat und deren Angehörigen eindringen? Früher mussten für die Bilder Reporter von Haustür zu Haustür ziehen, klingeln und Freunde und Verwandte mit teilweise zweifelhaften Methoden zur Herausgabe von Fotos bewegen. Das nannte man „Witwenschütteln“. Heute ist es dank Facebook ungleich leichter, an Bildmaterial zu kommen. Für die Medien ist es verführerisch, davon Gebrauch zu machen.

Dem Reflex, Bilder zu zeigen wird fast immer nachgegeben. So hat sich zu dem Reflex eine Art Gegenreflex ausgebildet. Sehr schnell werden Fotos von Tätern oder Opfern als „widerlich“ oder „ekelhaft“ gebrandmarkt. Dabei wird selten gefragt, ob und welchen Sinn sie erfüllen könnten oder ob Angehörige eine Veröffentlichung vielleicht sogar wünschen. Im Innenteil der Bild am Sonntag sieht man den Vater eines der in München getöteten Jugendlichen mit dem Foto seines toten Sohnes, das er in die Kamera hält. Der Vater wird zitiert, offenbar hat er freiwillig mit der Zeitung gesprochen und das Foto hergezeigt.

Oben auf der nächsten Seite sind sieben weitere Opfer-Bilder, offenbar aus Facebook entnommen. Im Text finden sich die Namen der Getöteten. Man erfährt, dass alle, die von dem Amokläufer erschossen wurden, einen Migrationshintergrund hatten. Die Berichterstattung ist eher nicht sensationsheischend. Ist das nicht eine interessante Information in einer Zeit, in der der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch ist und eine Partei wie die AfD nichts unversucht lässt, einen Vorfall wie München für ihre Zwecke zu nutzen? Wieviele der Facebook-Medienkritiker haben nur den Titel der Bild am Sonntag gesehen?

Der Presserat hat nach dem Amoklauf von Winnenden „Empfehlungen für den ethischen Abwägungsprozess“ bei der Berichterstattung über Amokläufe gegeben. Darin heißt es bezüglich Opferfotos:

Opferfotos dürfen nicht als reine Symbolfotos zur Illustration einer Geschichte verwendet werden.

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Sind die Fotos in der BamS „reine Symbolfotos“? Man kann argumentieren, dass sie darüber hinaus gehen, denn sie sind integraler Bestandteil der Geschichte, die erzählt wird. Mag sein, dass der Presserat in seiner Beurteilung das später anders sieht.

Zu Täterfotos nach Amokläufen schrieb der Presserat:

Wenn eine Redaktion Foto und Namen eines Amokläufers veröffentlichen will, muss sie sorgfältig zwischen dem öffentlichen Interesse an dem Geschehen und den Persönlichkeitsrechten des Täters abwägen. Liegen besondere Begleitum­stände vor (die Tat hat sich vor den Augen der Öffentlichkeit abgespielt, öffent­licher Suizid des Täters, Ausmaß der Tat), die den Täter als relative Person der Zeitgeschichte einstufen und eine nicht anonymisierte Darstellung rechtfertigen? Ist eventuell aufgrund des jugendlichen Alters eine teilweise Anonymisierung er­forderlich?

Man sieht: auch der Presserat stellt Fragen und gibt keine abschließenden Handlungs-Anweisungen. Die Tat von München macht den Amokläufer Ali S. mit ziemlicher Sicherheit zu einer Person der Zeitgeschichte. Öffentlicher geht es kaum, der Suizid war öffentlich, das Ausmaß der Tat enorm. Seine Jugend könnte als Grund für eine teilweise Anonymisierung stehen. Aus diesem Grund wäre es vermutlich tatsächlich – anders als im Fall des erwachsenen Germanwings-Piloten Lubitz – ratsam, nicht seinen vollen Namen zu nennen, um die Familie zu schützen. Es ist eine Frage von Abwägungen. Wirklich eindeutige Regeln gibt es nicht.

Ganz anders als die BamS ging die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vor. Hier gab es keine Fotos – weder vom Täter noch von den Opfern und es wurden auch keine Opfer mit Namen genannt. Roland Tichy, der frühere Chefredakteur der WirtschaftsWoche, der die oft ins Populistische changierende Website „Tichys Einblick“ betreibt, kritisiert die Herangehensweise der FAS als im Kern unjournalistisch:

Journalismus nimmt die Leser mit an die Orte des Geschehens, der Reporter ist das Auge und das Ohr des Lesers. Bei der FAS sind die Augen vor Schreck verbunden und in den Ohren ist Wachs; wie schön für die Reporter, die das Leid nicht ansehen müssen, sich in ihrer inneren Betroffenheit suhlen und den Leser nicht mitnehmen. Der würde diese Zeitung sowieso nicht kapieren.

Egal wie man zu der Frage steht: Bilder zeigen oder nicht – man verkürzt die Frage und die Debatte, wenn man auf die Veröffentlichung von Bildern und Namen, also im Kern von Informationen, pauschal und reflexhaft mit einem „widerlich“ oder „ekelhaft“ reagiert. Das wird weder den Opfern und ihren Angehörigen noch den beteiligten Redaktionen gerecht.

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Alle Kommentare

  1. Fotos und volle Namen von Terroristen sollte man überhaupt nicht publizieren. Wenn die durch solche Verbrechen in alle Medien gelangen, kann das Nachfolgetäter zusätzlich animieren. Für solche Leute hat auch negativer Ruhm seinen Reiz.

  2. Terroristen, Amokläufer und psychisch Kranke eins zu eins mitenander zu vergleichen und in einen Topf zu werfen, finde ich sehr kritisch. Denn ausser den Begriff “Massenmord” haben die nichts gemeinsam.

    Terrorist (Anders Breivik, Mohammed Atta) -> jemand der aus politschen oder religiösen Gründen mordet, je mehr Opfer desto besser.
    Amokläufer (Tim Kretschmer, Robert Steinhäuser, Ali David S.) -> jemand der sich an anderen rächen will (meistens an Mitmenschen wie ehemaligen Schulkameraden, Lehrern etc., aber auch an Gesellschaft wie Ali David S.)
    Psychisch Kranker (Lubitz, 99% Geisterfahrer die Suizid begehen wollen) -> jemand der durch eine seelische Störung (Psychose, Schizophrenie etc.) den Bezug zur Realitiät verliert und in der Regel unter §20 des StGB fällt (nicht oder gemindert schuldfähig ist). Laut dem Abschlussbericht der BEA hatte Lubitz Psychose.

    Diese Personen in einen Topf zu werfen ist mMn mehr als fraglich. Natürlich haben alle viele Menschen umgebacht, aber kaltblütige Killer wie Breivik, Atta, Stenhäuser etc., die in vollem Bewusstsein und 100% klar im Kopf morden, mit einem psychiatrisch Kranken der den Bezug zur Realitiät verloren hat wie Lubitz 1zu1 zu vergleichen, passt mMn so nicht.
    Das käme nahezu gleich einen fahrlässigen mit einem vorsätzlichen Täter 1zu1 gleich zu stellen.

    Allein Terroristen wie Breivik und Atta mit Amokäufern wie Steinhäuser und Kretschmer 1zu1 vergleichen ist fraglich.
    Aber der Vergleich von Amokläufern und Terroristen mit psychiatrisch Kranken (Lubitz) geht überhaupt nicht.
    Breivik wurde zurecht für voll schuldfähig befunden, Atta wäre es auch. Steinhäuser und Kretschmer wären warscheinlich auch voll schuldfähig gewesen. Lubitz hatte aber eine der Krankheiten (u. a. Schizophrenie, Psychose) die Betroffene wie gesagt unter §20 StGB fallen lassen, nicht oder nur gemindert schuldfähig da Wahrnehmung und Realitätsbezug gestört ist.
    Der Typ war weder ein Amokäufer, Attentäter noch Terrorist.

    Ansonsten Zustimmung und lobenswerter Artikel.

  3. Solange ein Herr Tichy die FAS immer wieder mit seinen haltlosen und überzogenen Anwürfen traktiert, scheint man in der Hellerhofstraße (Sitz der FAZ bzw. FAS) ja alles richtig zu machen …

    1. Gut, dass es Tichy gibt… Da sind eine Menge Leute höchst dankbar. Und gut, dass wir eine Demokratie haben gell???? Für Journalisten ganz wichtiger oder? Vermutlich gilt das bei Ihnen nur dann, wenn es um die unterdrückten Journalisten in der Türkei geht.. Sonst käme Ihr Post gegen Tichy und zum Schutz der FAS oder FAZ nicht so unglaublich dümmlich daher. In der Türkei die Journalisten, die anderer Meinung als das dortige Establishment sind, vehement verteidigen. Für diejenigen, die hier gegen den immer noch extrem stark vorhandenen, linken Mainstream schreiben, gilt die Meinungsfreiheit dann nicht oder wie? Typisch deutsche Besserwisser.. Bäh..

  4. Bilder sind viel eindringlicher als faktisch vergleichsweise unemotionale Texte. Krasse, unverpixelte Fotos und Videos haben den Vietnam-Krieg gestoppt, Sarajewo gerettet, die deutsche Wiedervereinigung ausgelöst, Millionen andere Entwicklungen beschleunigt, gute wie auch schlechte.
    Bilderlose Texte alleine hätten nichts ausgerichtet. Was auffällt: Ausländische Opfer (weinende Angehörige nach Flugzeugabsturz), Flüchtlingsgesichter werden ganz selbstverständlich von allen Medien gezeigt. Nur wenn es deutsche Opfer sind, schlägt angeblich das Medien-Gewissen.
    Es ist politisch motiviertes Bashing, weil die Vorlage “BILD” heisst.

  5. Hör ma Stefan Winterbauer. Was soll bitte der Satz, den Sie der Seite von Roland Tichy (Tichys Einblick) mal so by the way mitgeben?? “Changierend populistisch”???? Was soll das sein. Ich finde dort nur ausgesprochen realistisch-klar schreibende Journalisten, die hervorragende Texte schreiben und eine Klasse für sich sind. Ich finde auch, dass Nikolaus Fest – ehemals wegen einer mit seinem Namen gekennzeichneten Meinung bei Springer geschasst – sehr guten Journalismus auf seiner Webseite bietet. Beides Seiten, deren Bearbeitung größerer Zusammenhänge wesentlich besserer Journalismus ist als die ganzen Aufreisser-Titelgeschichten mit Behauptungen und dünnem Inhalt, die nur der eigenen Wichtigkeit geschuldet sind. Nachfassen, tiefer schürfen, dran bleiben ist nicht (mehr) die Stärke heutiger “Journalisten” und/oder Redakteure. Leider! Insofern, Herr Winterbauer, finde ich diesen “Populismus”-Käse oder dieses tägliche AfD-Bashing als entlarvend. Traurigerweise schreiben ALLE über irgendeinen Twitter-Mist aber NIEMAND über die schrecklichen sexuellen Belästigungen der jungen Mädchen und Kinder in Schwimmbädern wie Kirchheim-Teck (Juli), Gladbach, Reutlingen (Juli), Neunburg (Ende Juni) und viele mehr. Der SWR bringt auf seiner Seite den Horror-Nachmittag in Kirchheim.. Polizei verletzt, Bademeister verletzt.. und lässt nebenan einen “Experten” rumlabern, die Mädchen sollen laut Leute ansprechen, es seien ja genug da. Toll! Zwei Polizisten und ein Bademeister angegriffen vom Täter aber die Kinder sollen laut schreiben, dann ist schon alles gut. Dieser ständige Versuch von Euch, alles Schlimme runter zu reden, nichts gelten zu lassen, alles zu verharmlosen aber dann NULL INTERESSE beim Angrapschen von Kindern im Schwimmbad zu zeigen – aber Tichys Einblick als “populistisch” zu bezeichnen , das geht..

  6. Das ist der moderne Voyeurismus in der heutigen Zeit.
    Es bleibt einem selber überlassen ob die Zeitung am Kiosk kauft oder nicht.
    Nach den aktuellen IVW Verkaufszahlen der BILD habe ich noch Hoffnung dass doch noch ein bisschen Verstand da ist.

  7. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, wie viele Eltern die Bilder ihrer Kinder in die Kameras gehalten haben, um an sie zu erinnern, um zu zeigen, WER so heimtückisch ermordet wurde, wen sie verloren haben. Der Bruder, der seine Schwester died ganze Nacht gesucht hat – hat uns allen über seine Schwester berichtet und über sein Leid. Man kann es genau so gut als Achtung vor den Ermordeten betrachten und vor den Familienmitgliedern, die sich freiwillig äussern, um uns und anderen von ihren Kuebeb zu erzählen, was sie ausgemacht hat, welche Hoffnungen sie hatten, welche Pläne es gab. Was sollte daran falsch sein? Wer SO denkt, hat nichts begriffen, finde ich. Und die BamS hat das sehr gut gemacht. Denke nach all dieser Hofberichterstattung, einer Presse, die den Politiker entweder auf dem Schoß sitzt oder direkt von ihr beeinflusst wird, braucht Null Getue rund um einen “Pressekodex”, der sowieso ständig untertreten wird…

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