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Soziale Medien als Waffe: „München“ als Matrix für die Attentäter und Amokläufer der Zukunft

Udo Röbel macht sich Gedanken über die Rolle der Medien beim Amoklauf von München

Udo Röbel war Chefredakteur der Bild-Zeitung und berät aktuell die Hauptstadt-Redaktion der Verlagsgruppe Madsack. Nach dem Amoklauf von München hat sich Röbel bei Facebook Gedanken zu den vielfach übersteigerten Reaktionen von Medien und Öffentlichkeit gemacht. Stichwort: Hyperreagibilität. MEEDIA dokumentiert Udo Röbels Text als Gastbeitrag.

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Von Udo Röbel

In der Medizin gibt es das Wort Hyperreagibilität. Ärzte bezeichnen damit die übersteigerte Reaktionsbereitschaft des Organismus ausgelöst durch einen exogenen, also äußeren Reiz. Hauptsächlich im Zusammenhang mit einer Überempfindlichkeit der Atemwege wie bei Asthma oder Reizhusten. Ausgelöst etwa durch Pollenflug oder Zigaretten-Rauch.

Das Wort Hyperreagibilität wird inzwischen auch von Terror-Experten verwandt. Sie bezeichnen damit die übersteigerte Reaktionsbereitschaft des Menschen auf Anschläge. Von Sensationsgier bis hin zu Panik-Reaktionen. Ausgelöst durch ein virales Gerücht. In rasender Geschwindigkeit millionenfach verbreitet über die Kanäle der sozialen Netzwerke.
Exakt so geschehen in der Horror-Nacht von München.

Schon wenige Minuten nach den Schüssen am Olympia-Einkaufszentrum in München überschlagen sich bei Twitter, Facebook oder Whats App Fakten und Spekulationen genauso wie Halbwahrheiten oder gezielt ins Netz gestellte Fakes. Getriggert von Live-Videos vom Tatort, die den Amokläufer noch beim Schießen zeigen oder bei einem bizarren Dialog mit einem filmenden Anwohner auf dem Balkon.

Weiter transportiert von Online-Medien und dem Fernsehen, die jedes Informations-Fitzelchen sekundenschnell als Breaking News im Laufband oder im Live-Blog einblenden. Missbraucht von skrupellosen rechten Politikern, die offensichtlich sehnsüchtig darauf gewartet haben, dass der islamistische Terror endlich auch „unser“ Land erreicht – und mit ihren Äußerungen neue Wellen von Hass-Kommentaren im Netz auslösen.

München in der Nacht zum Samstag. Teilweise hatte man den Eindruck, als sei in Deutschland ein Krieg ausgebrochen.
Die Polizei versucht sich dem medialen Tsunami entgegenzustellen, Reale Faktenlage versus Gerücht. Und immer wieder der Appell , keine Fotos von Opfern ins Netz zu stellen, keine Videos, die die Polizei im Einsatz zeigen. Die Polizei hat in dieser Situation nicht nur mit einer realen Bedrohung zu kämpfen, sondern mit einem zusätzlichen Feind: Hyperreagibilität ausgelöst durch das virale Gerücht. Sie muss immer noch davon ausgehen, dass in der Stadt wirklich bewaffnete Terroristen unterwegs sind, dass jedes Instagram-Foto, jede Twitter-Meldung den Tätern wertvolle Informationen liefert. Oder steckt hinter den Meldungen über Schüsse am Stachus sogar eine neue perfide Strategie von Terroristen, Polizeikräfte zu binden und in die Irre zu führen? Schon ein Böller, gezündet von irgendwelchen Idioten, genügt, dass die Redaktion der Münchener Abendzeitung evakuiert werden muss. Und im Hofbräuhaus verletzen sich Menschen, als sie in Panik aus den Fenstern springen.

In den Krisenstäben und Lagezentren der Sicherheitsbehörden hat man schon am Sonntag begonnen, die Ereignisse von München zu analysieren. Und dabei wird das Thema Hyperreagibilität eine zentrale Rolle spielen.

„In München haben Terroristen gesehen, was machbar ist.“, sagt ein Sicherheitsexperte. „Und es ist zu befürchten, dass wir demnächst bei neuen Anschlägen, genau das sehen werden: Attentäter, die schießen und sich selbst in die Luft sprengen. Und Komplizen im Hintergrund, die via Smartphone psychologische Bomben zünden.“

München so die große Sorge der Experten könnte eine neue Matrix sein. Für Terroristen wie auch für zukünftige Amokläufer. Mit den sozialen Medien haben sie eine neue Waffe in der Hand, mit der sie ihr Ziel erreichen können. Die einen, um Schrecken, Angst und Panik zu verbreiten und unsere Gesellschaft bis ins Mark zu erschüttern. Die anderen, um sich den größtmöglichen spektakulären Abgang zu verschaffen.

Hätte sich David S., der Täter von München, ein paar Minuten später erschossen, hätte er auf seinem Smartphone sehen können, dass sich selbst ein US-Präsident plötzlich für ihn, den kleinen gemobbten Wicht, und seine Tat interessiert. Auch wenn Barack Obama –genauso wie Russlands Präsident Putin oder Frankreichs Staatspräsident Hollande – noch von einem Terror-Anschlag ausging, als er an diesem Abend via Twitter Deutschland sein Mitgefühl und seine Unterstützung übermittelte.

Selbst die, von denen man in solchen Krisensituationen besondere Besonnenheit erwartet, sind offensichtlich auch nicht mehr vor Hyperreagibilität gefeit.

Dieser Text wurde von Udo Röbel zuerst auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Udo Röbel, 66, war in seiner journalistischen Laufbahn unter anderem stellvertretender Chefredakteur des Kölner Express, Mitglied der BamS-Chefredaktion und Chefredakteur der Bild-Zeitung. Im Rahmen einer Geiselnahme mit zwei Toten, die 1988 bundesweites Aufsehen erregte, wurde Röbel für sein Verhalten heftig kritisiert. Später hat sich Röbel von seinem Verhalten distanziert. Es sei ein „Rausch“ gewesen und man sei damals „kollektiv duchgeknallt“.

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