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Mediale Chaosstunden beim Amoklauf: journalistischer Aktionismus statt Nachrichtenfernsehen

Sollte es einen öffentlich-rechtlichen Newssender geben? Eine Mehrheit der Deutschen sagt: Nein.
Sollte es einen öffentlich-rechtlichen Newssender geben? Eine Mehrheit der Deutschen sagt: Nein.

Eine doppelte Lehrstunde: Einhellig fällt das Urteil aus: Höchstes und von allen Medien übereinstimmend uneingeschränktes Lob dem Polizeisprecher von München, Marcus da Gloria Martins während der Chaosstunden von München am Freitagabend bis spät in die Nacht. Über Stunden hinweg ruhig, gefasst und – wortstark, ohne Redundanzen, klar, eindeutig, auch wenn er etwas ausweichend antworten musste. Eine grandiose Lehrstunde professionaler Pressearbeit – auch und gerade für Redaktionen. Das Video gehört ins Lehrbuch aller Journalistenschulen.

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Von Ulrich Werner Schulze

Aber nicht nur, weil der Polizeibeamte zeigte, wie man sich verhält, wie man ruhig und gefasst und jederzeit auf der Höhe der oft genug verwirrenden Informationen bleibt. Sondern vor allem, weil (nicht nur) an diesem Video zu studieren ist, wie man es nicht macht – wie Journalisten, wie Fernsehsender es nicht machen soll(t)en. Nämlich hektisch, aufgeregt, insistierend Suggestivfragen stellen in einer Situation, die sie ganz offensichtlich überforderte. Glänzend die Antwort da Gloria Martins in einem  beschämenden Augenblick der Szene: „Ich erkenne den Konjunktiv in ihrer Frage, doch . . .“  Da hatte er es, der angeblich so wortgewandte Fragesteller.

Es hatte routiniert begonnen: in die laufende Sendungen blendeten am frühen Freitagabend ARD und ZDF am unteren Bildschirm ein Nachrichtenband ein: Schießerei in München. Was dann in den nächsten 45 Minuten folgte, bis es allmählich etwas besser wurde, war ein journalistischer Skandal, eine redaktionelle Katastrophe, eine Regie-Blamage: eine junge Frau, ein junger Mann am Moderatoren-Tisch, hastig und nervös mit Blättern mit offenbar jüngsten Informationen raschelnd, hektische Schaltungen zum Reporter vor dem Olympia-Einkaufszentrum, der nun gar nichts weiter dazu sagen konnte, denn das Gelände war weiträumig abgesperrt – uralte Lehre: Aus der Distanz erfährt man oft mehr als aus der unmittelbaren Nähe. Töricht geradezu die Bemerkung der Moderatorin: „Wir haben hier Informationen, dass . . .“, ja wie soll der Reporter draußen an diese Informationen kommen, wie sie interpretieren?

Gewiss: von dem Ereignis waren alle überrascht, seine monströsen Ausmaße kaum vorstellbar, der Ort des Mordens erschien unwirklich, ein „weiches“ Ziel. Wirklich? Ist das Attentat auf die Westgate Mall vom September 2013 (67 Tote) im Herzen der kenianischen Hauptstadt Nairobi schon vergessen? Um nur ein griffiges Beispiel zu nennen.

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Ein anderes Beispiel dürfte vielleicht noch in aktueller Erinnerung sein: die Katastrophe bei der Love-Parade in Duisburg vor sechs Jahren, am 24. Juli 2010, ein Samstagnachmittag. Die jungen WDR-Moderatoren Catherine Vogel und Mike Litt berichteten live vom bunten Treiben – bis sie einiger Szenen gewahr wurden, die überhaupt nicht in diese heitere Atmosphäre passten: Menschenstau, Tumulte, erste Schreckensbilder, erste Informationen über mögliches Gedränge, tödliches Gedränge. Den beiden Moderatoren war der Schrecken im Gesicht abzulesen, gleichwohl versuchten sie ruhig und klar zu bleiben, berichteten, was sie wussten und nicht wussten. Blieben gefasst angesichts der Schreckensbilder – ihre Auftritt war so professional wie nötig und so eindringlich wie möglich. Und er dauerte so lange wie der Situation angemessen schien.

Vielleicht sollten ARD und ZDF sich diese Szenen noch einmal ansehen. Aber ganz bestimmt müssen die Anstalten ihre Moderatoren ausbilden für spontane Situationswechsel. Und wenn es nichts zu sagen, keine neuen Informationen gibt, dann sollte es sich von selbst verbieten, einfach weiter zu schwafeln, nochmals zu wiederholen, abermals zu sagen: „Nach letzten Informationen sind es drei Tote, Minuten später dann: „viele Verletzte“, dann waren es neun, dann wieder drei, dann sechs Tote . . . Das ist nicht Nachrichtenfernsehen, das ist journalistischer Aktionismus . Wobei nicht nur die vom Ereignis und der Situation überforderte Moderatorin zu kritisieren ist, sondern vor allem die Regie, die Redaktion. Dass eine große Zahl Zuschauer das Geschehen über Stunden verfolgte, dass die Quote hoch war, lag am Ereignis, nicht an seiner redaktionellen Präsentation.

Beide Sender holten danach als solche bezeichnete Experten ins Studio, Georg Mascolo (Terrorexperte beim WDR/NDR und der Süddeutschen) im Ersten und Elmar Theveßen im Zweiten. Das wirkte etwas beruhigend – aber Licht in den Dschungel der Informationen und das Dunkel der Ereignisse konnten beide naturgemäß auch nicht bringen. Dass beide Sender durchschalteten und ohne Pause (ARD) oder mit Unterbrechungen (ZDF) die halbe Nacht live aus München sendeten – das gehört offenbar zum Geschäft. Und wird sich wiederholen. Entgegen der journalistischen Regel: etwas Distanz zur Sache schärft den Blick und erhöht den Informationswert.

Nachtrag: Inzwischen ist klar, dass es sich um den Amoklauf eines offenbar psychisch kranken Schülers gehandelt hat. Der 18-Jährige ist in München geboren worden. Einen terroristischen Hintergrund oder einen Bezug zu den Taten der Terrormiliz Islamischer Staat schließt die Polizei nach derzeitigem Kenntnisstand aus. 

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Alle Kommentare

  1. Nicht nur im TV kann man “mediale Chaosstunden” erleben.

    Der Spiegel (z.B.) verschleiert bewußt den Namen des Attenäters!

    Der Täter heißt “Ali David Sonboly” und wird überall, besonders in ausländischen Medien, unverfälscht erwähnt, aber der Spiegel macht daraus “David S.”!!!

    Der erste Vornahme wird einfach “vergessen” und der Nachnahme gekürzt weil das den Ideologen und Gesinnungstätern beim Spiegel nicht in den Kram passt.

    Das alles ist nur noch übelster Gossenjournalismus.

    1. Und, wie lautet hier ihr Subtext? Was hilft das? Die Zusammenhänge sind zu analysieren, aber wollen Sie mehr bspw. bei der Familie klingeln oder was?

      1. Mein Subtext lautet, dass deutsche Medien nichts mehr mit “Journalismus” zu tun haben da sie auf der einen Seite, wie aufgeschreckte Kleinkinder, herumschreien und übertreiben und auf der anderen Seite ganz bewusst und gezielt Informationen weglassen, in der Hoffnung beim Leser einen falschen Eindruck zu erwecken (das weglassen des Vornamen “Ali” und das Abkürzen des Nachnamen zu einem “S.”, sodass nur noch “David S.” übrig bleibt, soll den Leser nämlich vom Täter-mit-Migrationshintergund wegführen, was mit der Realität aber nichts zu tun hat).

        In den Redaktionen sitzen nur noch Ideologen und Gesinnungstäter die mit aller Macht versuchen ihre eigene Weltanschauung in die Köpfe der Leser zu transportieren (und das kann man nur noch übelsten Gossenjournalismus nennen).

        Und der Spiegel hat hierbei eine erbärmliche Vorreiterrolle inne.

        Ich hoffe, dass Sie den Subtext jetzt verstanden haben!

    2. Manche Menschen töten, damit sie berühmt, oder wenigstens berüchtigt werden. Den wahren Namen überall zu verbreiten, unterstützt das. Damit zeigt man nur, dass dieser Plan immer wieder funktioniert. Weniger Amokläufe wird man so nicht erreichen.

      Aber klar, wenn einem hauptsächlich daran gelegen ist, Stimmung gegen Menschen ohne Ariernachweis in der dritten Generation zu machen, ist es natürlich IRRE wichtig, dass der Typ ein Ali im Namen hatte…

      1. @Michael Heide
        In ausländischen Medien wird das alles korrekt erwähnt und niemand will dort Stimmung gegen “Menschen ohne Ariernachweis” machen.

        Die Realität ist nun mal die Realität und “Medien” die diese Realität falsch darstellen wollen, egal aus welchem Grund, sind gefährlich und unseriös!

  2. “Dass Video gehört ins Lehrbuch aller Journalistenschulen”

    Hat nichts mit dem Amoklauf zu tun, aber was auch unbedingt ins Lehrbuch aller Journalistenschulen gehört: der Unterschied zwischen “dass” und “das”.

  3. Die Heute-Nachrichten soeben Samstag 23.7. 19 Uhr haben tatsächlich kein Wort über die ethnischen Wurzeln der meisten München-Amok-Opfer (Kosovaren; Türkischstämmige) verloren, aber breit die Herkunft der Eltern (Iran) des deutschen Amokmörders thematisiert.
    Nur de Maizière hat wirklich die Opfer und deren Angehörige ins Zentrum gerückt.

  4. Ich bin Journalist und in diesen Tagen mit München befasst. Den Nachnamen zum Schutz der Familie wegzulassen, ist ganz normal und auch richtig. Wir haben den Attentäter Ali S. genannt, man hätte ihn auch David S. nennen können – wir wissen alle nicht, wie er im Alltag gerufen wurde. Nur das ist entscheidend. Das hat mit Ideologie nichts zu tun.
    Ich kann dieses Gequatsche über Lügenpresse nicht mehr hören. Das ist blanker Unsinn

    1. Es kann leider niemand bestreiten, dass die Presse zur Meinungsmache missbraucht wird. Viele Artikel werden einfach kopiert ohne auf alternative Standpunkte zu schauen. Ob das als Lügenpresse bezeichnet oder anders benannt wird ist egal.

      Die Berichterstattung über solche Gewalttaten in Nizza oder München sollten sich auf 2 Minuten beschränken und Analysen frühestens nach einer Woche vorgenommen werden. Was hilft es, so hektisch und unkoordiniert zu berichten und damit die Arbeit der Polizisten zu behindern? Geändert wird dadurch nichts mehr.

      Sich auf Informationspflicht oder -recht zu berufen macht keinen Sinn wenn stundenlang nur Gerüchte und widersprechende Informationen zur Verfügung stehen. Qualitätsjournalismus sieht anders aus.

    2. Wie nennt man dass, wenn man gewisse Tatsachen bei der Medienberichterstattung weglässt oder Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen runter bzw. hoch rechnet ?
      Ich finde es schon nicht unbedeutend wenn man den tatsächlichen Vornamen unvollständig nennt.

  5. Alle Deutschen sind gleich, egal welchen Vornamen sie von ihren Eltern bekommen haben und egal, nach welcher Herkunft sie äußerlich aussehen, wenn ihre Eltern Iraner sind oder waren. Offenkundig haben selbst die Opfer des NSU, die wegen ihres Aussehens gemordet wurden, nicht zur Einsicht in diese Selbstverständlichkeit bewirkt. Manche Beiträge in diesem Forum machen einfach fassungslos. Warum urteilen einige nach Namen und Aussehen? Machen aus einem Opfer einen Täter. Wer trägt alles Mitschuld an dem grausamen Tod so vieler unschuldiger unbeteiligter Schüler?

    1. Eine Person die perfide und hinterhältig Menschen erschießt , ist kein Opfer !
      Zitat von 2010 von Merkel : Multikulti für gescheitert !

      Da hat diese Frau FDJ – Sekretärin einmal Recht !

      PS: und wieder ein Einzeltäter in Reutlingen !

  6. Alle Deutschen sind gleich, egal welchen Vornamen sie von ihren Eltern bekommen haben und egal, nach welcher Herkunft sie äußerlich aussehen, wenn ihre Eltern Iraner sind oder waren. Offenkundig haben selbst die Opfer des NSU, die wegen ihres Aussehens gemordet wurden, nicht zur Einsicht in diese Selbstverständlichkeit bewirkt. Manche Beiträge in diesem Forum machen einfach fassungslos. Warum urteilen einige nach Namen und Aussehen? Machen aus einem Opfer einen Täter. Wer trägt alles Mitschuld an dem grausamen Mord an so vielen unschuldigen unbeteiligten Schülern?

  7. Bei Unfällen werden Gaffer auf der Autobahn gerichtlich belangt.
    Warum werden dann alle Fernsehzuschauer zu Gaffern erzogen? Mit Sicherheit nicht um alle dazu zu bewegen Mitleid mit den Opfern zu zeigen.

    Vor- und Nachname hin oder her. Mir wäre am vollen Namen des nächsten Attentäters gelegen. Mir geht es gegen den Strich wenn mit Fingern auf alle gezeigt werden, die irgendeine Gemeinsamkeit mit dem Schüler haben. Da ist Nationalität, Glaube und Aussehen nur eine Ausrede um den eigenen Anschauungen recht zu geben.

  8. Danke für den einordnenden Artikel an dieser Stelle. Entspricht ganz meiner Meinung. Der Tagesschau-Redaktion habe ich am Freitagabend um 20.15 Uhr folgende E-Mail geschrieben. Zitat:
    “Betr.: “Live“ Berichterstattung der Tagesschau
    Zwei Stunden nach der Tat und einigen vergeblichen Kontaktversuchen mit Ihrem Reporter Gutjahr fällt diesem nicht anderes ein, als von „martialischem Auftritt“ der Polizei zu sprechen. „Martialisch“???
    Bemerkenswert, wenn „objektiven“ Reportern nach mindestens drei Toten das Verhalten der Beamten gleich als “grimmig, wild; als sehr kämpferisch empfunden (Duden)” vorkommt. Bei Ihnen haben offenbar die üblichen „Künast-Jünger“ das Sagen.
    gez. R.S.
    Übrigens: Wenn sie schnell und objektiv informiert werden wollen, empfehle ich RTL. Peter Klöppel gewohnt souverän, ruhig, einordnend. Erinnert mich alles an “9/11″ vor 15 Jahren. Damals war Ihre famose Sabine Christiansen auch vollkommen überfordert. Guten Abend”
    Zitat Ende.
    Was ich damit sagen wollte ist zweierlei:
    1. Offenbar ist die NDR/Tagesschau-Redaktion auf Grund der überragenden technischen und journalistischen Möglichkeiten schlicht überfordert, wenn es darauf ankommt schnell und klar zu reagieren. Der “Wasserkopf” lässt grüßen.
    2. Offenbar steckt in der NDR/Tagesschau-Redaktion nach jahrzehntelanger Einflussnahme soviel links-grünes Gedankengut in den Köpfen der Mitarbeiter, dass eine distanzierte Berichterstattung nur durch die besagte rot-grüne Brille möglich ist. Die Rundfunkräte lassen grüßen.

    In diesem Sinne
    R. S.

  9. Als der “Augenzeuge” von Springerstiefeln und “Scheiß Ausländer”- Gebrüll berichtete, war die Hoffnung fast mit Händen zu greifen, hier nun endlich, endlich einen rechtsradikalen Hintergrund präsentieren zu können. Hat nicht ganz geklappt, also wieder her mit der üblichen Verfahrensweise: hat nichts mit nix zu tun, Einzeltäter, psychisch krank, Deutsch- Iraner(?) namens David. Den Ali lässt man ebenso dezent unter den Tisch fallen wie Allahu Akbar. Was für eine widerliche Farce.

  10. Peinliche Reporter und unsägliche Moderatoren im Studio, Fremdschämen ohne Ende, was passiert eigentlich mit unseren Gebührengeldern, fliesen die all in eine Bayern3 Morgenshow mit 3 unsäglichen Moderatoren.

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