Anzeige

So leichtfertig gehen AfD-Leute mit dem Begriff „Zensur“ um

Petr Bystron, The Boris, The Donald und die Welt zur Lage der Nation

Wie leichtfertig AfD-Leute mit dem Begriff „Zensur“ umgehen, zeigt ein Beispiel aus der Huffington Post. Die Redenschreiberin, die angeblich für Melania Trumps Reden-Debakel verantwortlich sein soll, gibt es vielleicht gar nicht. Boris Johnson wird von der Presse gegrillt. Bei der Welt gibt es angeblich einen „totalen Exodus“. Und wir haben eine Podcast-Empfehlung. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

Anzeige

Petr Bystron ist Mitglied des Vorstandes der AfD in Bayern und hat einen eigenen Blog bei der deutschen Huffington Post. Früher schrieb er dort AfD-Artikel als „Politologe und Kommunikationsberater“. Aber das war eine andere Geschichte. Aktuell hat Bystron bei der Huffington Post seine Sicht der Dinge zu dem Amoklauf in einem Regionalzug bei Würzburg niedergeschrieben. Der Artikel trägt die Überschrift „Rückführung statt sinnlose Integrationsversuche!“ und ist, nun ja, ein typischer AfD-Text. Kurzzeitig hieß der Text anders, nämlich: „Ohne Merkels Willkommens-Wahn hätte es das Blutbad von Würzburg nicht gegeben“. Das wäre vermutlich die klickstärkere Überschrift gewesen aber selbst bei der HuffPost machen sie offenbar nicht mehr jeden Mist mit, um ein paar billige Klicks abzugreifen. Mit der Betonung auf „jeden“. Die Redaktion dort hat offenbar die Überschrift geändert und an einigen wenigen Stellen im Text einige allzu wüste Tiraden herausgenommen. Eine eher sanfte Bearbeitung des Original-Textes von Bystron und ein stinknormaler redaktioneller Vorgang. Trotzdem ruft Bystron bei Facebook „Zensur“ zu rufen:

Bildschirmfoto 2016-07-22 um 11.50.35

Wenn schon das Ändern einer Überschrift und wirklich sehr zurückhaltende Kürzen eines Textes „Zensur“ sein soll … Das kleine Beispiel zeigt einmal mehr, wie die AfD tickt und versucht, Menschen aufzuhetzen. Und wie sehr bei einigen Zeitgenossen dort Maßstäbe verrutscht sind.

Wo wir gerade beim Aufhetzen sind. The Donald Trump wurde diese Woche ja nun zum republikanischen Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl gekürt. Bei dem Parteitag der Republikaner in Cleveland gab es dann u.a. diesen lustigen Fettnapf-Tritt von Trumps Frau Melania, deren Rede teilweise von einer Rede der noch aktuellen First Lady Michelle Obama abgeschrieben war. Vermutlich hat keiner geglaubt, dass Frau Trump die Rede selbst geschrieben hat und in der Tat hat nach einigem Hin und Her eine Redenschreiberin aus dem Trump-Team die Verantwortung für die Blamage übernommen. Eine gewisse Meredith McIver ließ eine Erklärung veröffentlichen, in der sie sich entschuldigt und erläutert, Melania Trump habe sich schon immer von Michelle Obama inspiriert gefühlt. Melania habe Meredith am Telefon dann – tüdelüüüt – ein paar Passagen von Michelles Reden vorgelesen, Meredith habe sich das notiert und – sowas Dummes! – diese Notizen sind dann irgendwie in die finale Version der Melania-Rede gerutscht. Großherzig, wie man ihn kennt, hat The Donald darauf verzichtet, die reumütige Redenschreiberin zu entlassen. In den USA ging daraufhin die Jagd nach Frau McIver los, die bislang erstaunlich wenig Spuren hinterlassen hat.

So hatte sie eine Facebookseite ohne Freunde, die just am Tag ihrer Erklärung entstanden war. Das schürt Verdächtigungen.

Donald Trump immerhin schon einmal einen Sprecher namens John Barron erfunden, für den er eine Fake-Facebookseite anlegen ließ. Gibt es diese Meredith McIver also vielleicht gar nicht? Egal, wie das mit diesen Trumps ausgeht: Es muss ein Film her.

Noch ein politischer Grenzgänger ist der nagelneue britische Außenminister Boris Johnson. Der hat in seiner Vor-Außenminister-Zeit schon so ziemlich jeden anderen Politiker deftig beleidigt. U.a. hat er den russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Hauselfen Dobby aus Harry Potter verglichen, was äußerlich betrachtet zugegebenermaßen nicht komplett unzutreffend ist. Und der britische Außenminister ist – daran muss immer wieder erinnert werden – der Sieger des Erdogan-Schmähgedicht-Wettbewerbs, den der Spectator nach der Böhmermann-Affäre ausgerufen hatte („There was a young fellow from Ankara, Who was a terrific wankerer …“). Dieser Mann also wurde bei seinem ersten offiziellen Auftritt als Außenminister Großbritanniens an der Seite seines US-Kollegen John Kerry von Medienvertretern damit konfrontiert, dass er Hillary Clinton einmal als „jemanden mit gefärbten blonden Haaren, Schmollmund und dem stahlblauen Starren einer sadistische Krankenschwester einer psychiatrischen Klinik“ beschrieben und mit Lady Macbeth verglichen hat. Die nachvollziehbare Frage des Reporters: „Nehmen sie diese Kommentare zurück oder nehmen sie sie mit in ihren neuen Job, als eine Art von Indikator für die Art von Diplomatie, die sie praktizieren?“

Es ist sehenswert, wie sich Boris Johnson windet und sich John Kerry neben ihm amüsiert. Aus Entertainment-Gesichtspunkten hat sich Johnsons Berufung schon jetzt gelohnt. Mit Blick auf Mister Trump muss man sagen: Der Bedarf an Witzfiguren auf der internationalen politischen Bühne wäre damit dann aber auch prinzipiell gestillt.

Aus der großen weiten Welt zurück in unser kleines bundesrepublikanisches Medienhausen. Im aktuellen Medium magazin ist mir bei den Personalien im hinteren Teil des Heftes eine Notiz aufgefallen, in der von einem „totalen Exodus“ bei Springers Welt die Rede ist.

IMG_0487

„Immer mehr leere Tische und Zukunftsangst“ würden die Arbeit bei WeltN24 prägen ist da zu lesen. Huch Gott! Es folgt eine stattliche Aufzählung an namhaften Mitarbeitern, die bereits gegangen sind. Auch viele junge Hoffnungsträger würden „fliehen“. U.a. habe sich Feuilletonredakteur Frédéric Schwilden zum Focus „retten“ können. So steht das da: „fliehen“ und „retten“. Die Abgänge würden belegen, was in der Redaktion „gemunkelt“ würde: „Aust hat kein Konzept fürs Digitale, in dem die Welt einst vorbildlich war.“ Dass die Welt ein Sparprogramm durchzieht, bei dem 50 Stellen wegfallen, war bekannt. Die kleine Meldung im Medium Magazin erzeugt freilich den Eindruck weit größerer Dramatik. Erstaunlich, dass die Story dann nicht auch größer aufgemacht wurde.

Zum Schluss noch etwas Erbauliches. Als großer Freund von Podcasts habe ich ein tolles neues Audio-Format für mich entdeckt: „Die Lage der Nation“. Der Journalist Philip Banse (u.a. Deutschland Radio Kultur, Heise) und der Jurist Ulf Buermeyer sprechen dort einmal pro Woche rund eine Stunde lang über eben jene Lage der Nation. Also in erster Linie über das politische, gesellschaftliche Geschehen im Lande. Der Podcast ist als Zwiegespräch der beiden eine Art kommentierte Presseschau, garniert mit Interviewgästen und O-Tönen. Dem Format gelingt dabei das gar nicht mal kleine Kunststück, sachlich und unaufgeregt zu sein, ohne zu langweilen. Mittlerweile gibt es zur „Lage der Nation“ auch schon das erste (ausverkaufte) Live-Event. Eine prima Sache und zum Reinhören empfohlen!

Schönes Wochenende!

Anzeige