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“Möglichst große Transparenz” – wie das SZ-Magazin auf Rufmord-Vorwürfe reagiert

SZ-Magazin Chefredakteur Michael Ebert
SZ-Magazin Chefredakteur Michael Ebert

Das SZ Magazin brachte am 22. April 2016 eine aufsehenerregende Story des Autors Johannes Boie über eine schrecklich missglückte Gentherapie-Studie bei der mehrere Kinder an Blutkrebs erkrankten und drei sogar starben. Der Arzt, der die Studie durchführte, ging juristisch gegen einige Aspekte des Artikels vor. Das SZ-Magazin entschloss sich daraufhin, den Text online frei verfügbar zu machen. MEEDIA sprach mit SZ-Magazin Chefredakteur Michael Ebert über den Fall.

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Das SZ-Magazin stellte eine Erklärung auf Facebook, in der über den Artikel “Arzt ohne Grenzen” und die juristische Auseinandersetzung mit Professor Dr. Christoph Klein berichtet wird.

Die Redaktion hat die von Klein angegriffenen Passagen geändert und den Text nunmehr frei zugänglich online gestellt – auch in einer englischen Fassung. Damit sich jeder ein Bild machen kann, wie Michael Ebert, neben Timm Klotzek einer der beiden Chefredakteure des Magazins, sagt. Nach der ursprünglichen Veröffentlichung des Artikels berichteten auch zahlreiche andere Medien über den Fall. Dr. Klein nahm die Dienste des Medienberater Christoph Fasel in Anspruch, der auch schon mal Chefredakteur der Zeitschrift Reader’s Digest, Autor des Buchs von Samuel Koch, Leiter der Henri Nannen Schule und Autor beim SZ Magazin war. Die Fragen an Michael Ebert wurden via E-Mail gestellt.

Warum hat sich das SZ-Magazin entschlossen, die Geschichte rund um die Gentherapie-Studie von Professor Dr. Christoph Klein online frei verfügbar zu machen und auch ins Englische zu übersetzen?

Michael Ebert: Unsere Veröffentlichung im SZ-Magazin hatte zwei Ziele. Zum einen wollten wir die fachlichen, ethischen und rechtlichen Schwierigkeiten darstellen, vor denen Wissenschaftler und Behörden bei medizinischen Forschungsprojekten in Deutschland häufig stehen. Zum anderen wussten wir durch die zweijährige aufwändige Recherche unseres Autors, dass die vielfach ausgezeichnete medizinische Forschungsarbeit von Dr. Klein am Ende zu einem verheerenden Ergebnis geführt hat. Von zehn Kindern, die im Rahmen seiner Studie behandelt wurden, sind schließlich acht an Leukämie erkrankt, drei sind verstorben. Die Vorwürfe, die Dr. Klein und sein „Medienberater“ gegen unsere Geschichte öffentlich vorgebracht haben, waren schwerwiegend – aber aus unserer Sicht falsch. Um diesen Vorwürfen inhaltlich zu begegnen, haben wir uns für möglichst große Transparenz entschieden und den Text auf sz.de/magazin nun kostenlos lesbar zur Verfügung gestellt. Wer möchte, kann sich jetzt selbst ein Bild machen. Die englische Fassung gibt es, weil das auch für interessierte Leser aus dem Ausland gelten soll.

Kollegen von Dr. Klein werfen dem SZ-Magazin in einem offenen Brief vor, eine Rufmord-Kampagne zu betreiben und Vergleiche zu Nazi-Ärzten zu schüren. Wie bewerten Sie diese Vorwürfe?

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Natürlich haben wir nach der Veröffentlichung des „Unterstützerbriefes“ versucht, die entsprechenden Kollegen von Dr. Klein zu erreichen. Der Einzige aus der Gruppe, der für uns erreichbar war, war ein nicht deutschsprachiger Arzt, der am Ende nicht einmal bestätigen wollte, den Text überhaupt gelesen zu haben. Gleichzeitig haben wir auch aus Fachkreisen viel Unterstützung und positive Rückmeldungen erhalten – selbst aus dem direkten Umfeld von Dr. Klein. Dass wir in unserem Text Vergleiche zu „Nazi-Ärzten“ gestellt haben sollen, ist ein abstruser Vorwurf, den ich nicht ernst nehme. Aber bitte: jeder kann den Text lesen und selbst entscheiden.

In anderen Veröffentlichungen im Nachgang zur SZ-Magazin Story, u.a. in der Zeit oder der Welt, wird die Rolle von Dr. Klein nicht ganz so negativ dargestellt wie im SZ-Magazin. Wie wurde vor der Veröffentlichung berücksichtigt, dass der Artikel auch enorme negative Auswirkungen auf das Berufsleben des Arztes Dr. Klein haben wird? Was das ein Thema, das diskutiert wurde?

Viele haben das Thema aufgegriffen, oft auch in unserem Sinne. Die Zeit kommt sogar zu einem härteren Urteil als wir: „Noch nie in der Geschichte der Gentherapie hat es eine Studie mit derart desaströsem Ergebnis gegeben“, analysieren die Kollegen. Und weiter schreiben sie, dass es in anderen Ländern richtigerweise üblich sei, unabhängige Kommissionen über Studien beraten zu lassen: „Auch die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover, die Kleins Studie in dieser Form bewilligte, muss sich fragen lassen, warum sie nicht noch kritischer hingeschaut hat. Lag das daran, dass Christoph Klein zur damaligen Zeit selbst Mitglied dieser Ethikkommission war? Er war zwar an der konkreten Abstimmung über seinen Antrag nicht beteiligt. Aber es dürfte wenig überraschen, wenn das Ethikgremium Anträge ihrer Mitglieder eher wohlwollend beurteilte. Damit dieser Vorwurf des Klüngels gar nicht erst laut wird, gibt es in anderen Ländern unabhängig zusammengesetzte Ethikkommissionen. Diese sollen sicherstellen, dass Forscher nicht über die Pläne ihrer nächsten Kollegen abstimmen. Wenn man dort von den deutschen Verhältnissen erzählt, erntet man oft nur mitleidiges Lächeln“. Welche Auswirkungen unsere Veröffentlichung auf das Berufsleben von Dr. Klein hat, ob überhaupt, weiß ich nicht. Aber dass dieser konkrete Fall berichtenswert ist, zeigt doch schon das verheerende Ergebnis der Studie. Und dass es Bedarf gibt an einer ernsthaften Debatte über Genehmigungsverfahren medizinischer Studien in Deutschland – das zeigen die Prüfungskommissionen, die zu diesem Fall sowohl von der Ludwig-Maximilian-Universität in München als auch von der Medizinischen Hochschule in Hannover eingerichtet wurden. Das wird spätestens jetzt auch niemand mehr ernsthaft bestreiten.

Die Änderungen, die Dr. Klein in dem Artikel juristisch durchgesetzt hat betreffen laut redaktionellen Angaben nicht den inhaltlichen Kern der Geschichte. Warum wurde von Seiten der Redaktion nicht abgewartet, bis der juristische Streit ausgefochten ist?

Warum sollten wir unseren Leserinnen und Lesern eine Geschichte vorenthalten, die wir für richtig und wichtig halten? Es gab ja auch zu keiner Zeit einen gerichtlichen Beschluss, der uns verboten hätte, den gesamten Text zu veröffentlichen. Die Untersagung bezieht sich vor allem auf angeblich erzeugte Eindrücke und geschilderte Verdachtsmomente. Die einzige Tatsache im Text, über die Dr. Klein vor dem Landgericht Hamburg mit uns gestritten hat, betraf die Anzahl der gentherapeutisch behandelten Kinder. Auch da hatten wir gute Argumente, aber das Gericht hat anders entschieden. Jetzt haben wir die Änderungen entsprechend des Urteils des Landgerichts umgesetzt und im Sinne größtmöglicher Transparenz für unsere Leser kenntlich gemacht. Wie man sieht, ändert das an den wesentlichen Inhalten der Geschichte nichts.

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Alle Kommentare

  1. Der offene Brief spricht für sich. Von einer Rufmordkampagne ist dort schon in der Einleitung die Rede. Und weiter “Das SZ Magazin setzt Christoph Kleins Arbeit jedoch in Beziehung zu dem unethischem Handeln von Ärzten in der Nazi-Zeit und schürt damit bewusst die öffentliche Wahrnehmung eines direkten Vergleichs seiner Person mit NS-Verbrechern”. Da kann sich jeder Leser sein eigenes Bild machen, ich halte das für einen glänzend recherchierten und geschriebenen Artikel.

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