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Debatte nach Nizza und Türkei: Warum es keinen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender geben wird

Ulrich Deppendorf forderte auf Twitter einen echten öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal - leider wohl vergeblich

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Nach Breaking-News-Lagen wie dem Terror von Nizza oder dem Putschversuch in der Türkei wird immer wieder der Ruf nach einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender laut. Aktuell forderte der frühere ARD Aktuell-Chefredakteur Ulrich Deppendorf einen solchen. Die Forderung ist berechtigt – allein: ein öffentlicher Nachrichtenkanal wird nicht kommen.

Man kann nachvollziehen, was Ulrich Deppendorf nach dem Putschversuch in der Türkei twitterte:

Im Tagesspiegel hat Deppendorf seine Forderung konkretisiert: „Wenn das ZDF bei Phoenix nicht mitmacht, dann muss die ARD es bei tagesschau24 alleine machen.“ Die Zukunft der ARD werde durch die Information gesichert, so Deppendorf.

Allein: Das wird nicht passieren. Deppendorf hat die beiden Lieblings-Ausreden der öffentlich-rechtlichen Sender schon genannt: tagesschau24 und Phoenix. Letzterer ist ein gemeinsam von ARD und ZDF betriebener „Ereignis“-Kanal mit überschaubarem Budget und vielen Dokus. „Ein Nachrichtenkanal sollten wir nie sein und haben dazu auch keine Kapazitäten. Über die Einführung eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals im öffentlich-rechtlichen Rundfunk müsste im Übrigen die Politik entscheiden“, sagt Phoenix-Sprecherin Gudrun Hindersin dem Tagesspiegel. Da hat sie natürlich recht. Trotzdem verweisen Verantwortliche bei ARD und ZDF bei Rufen nach einem öffentlichen Nachrichtensender gerne mal auf Phoenix.

Phoenix war bei der jüngsten Nachrichten-Großlage auch Stein des Anstoßes zur Debatte mit diesem Tweet:

Man kann die Beamten-Mentalität in Teilen des öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Apparates nicht besser zusammenfassen. Während sich in der Türkei die Ereignisse überschlagen, macht man beim öffentlichen „Ereignis“-Fernsehen den News-Schalter dicht. Die Verhältnisse sind halt so.

Dann wäre da noch tagesschau24, nach eigener Beschreibung „der ARD-Nachrichtenkanal“, der Zuschauern „das umfangreichste Nachrichtenangebot im deutschen Fernsehen“ bietet. Das besteht freilich in erster Linie aus den „Tagesschau“- und „Tagesthemen“-Sendungen, die ohnehin fürs Erste produziert werden plus allerlei Dokus im Wiederholungsmodus und News-Blöcken in Dauerschleife. Dass ARD Aktuell-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke meint, tagesschau24 komme den Forderungen nach einem Nachrichtenkanal schon recht nahe, muss man nicht ernst nehmen. Erklären lässt sich das nur damit, dass er vielleicht noch nie CNN oder BBC News geschaut hat.

Da wären also die Top-2-Ausreden, warum ein öffentlich-rechtlicher News-Kanal in Deutschland gerade nicht geht:

1. Wir haben doch schon so was Ähnliches (tagesschau24)
2. Die Politik muss das entscheiden

Wobei Ausrede 2 besser ist als Ausrede 1. In der Tat müsste die Politik sich dazu bequemen, einen Nachrichtensender in den Rundfunkstaatsvertrag reinzuschreiben. Das würde aber bedeuten, die Büchse der Pandora zu öffnen. Ein solcher Kanal wäre nämlich sehr teuer, vor allem bei dem Anspruch 24/7, also rund um die Uhr, zu senden. Die Rundfunkbeiträge müssten sehr deutlich steigen – politisch nicht durchzusetzen. Oder aber ARD und ZDF müssten signifikante Teile ihres Budgets abgeben. Dabei jammern die öffentlichen Sender schon jetzt, dass sie bei ihrer Finanzierung mit über acht Milliarden Euro jährlich praktisch am Hungertuch nagen. Beim armen WDR mussten sie neulich sogar Gemälde verkaufen.

Mit den Groß-Redaktionen von ARD Aktuell und heute beim ZDF haben beide Anstalten zudem ihre nachrichtlichen Pfründe, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. So sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey ernsthaft, heute.de sei „doch heute schon unser Nachrichtenkanal. Hier wollen wir die Livestrecken ausbauen.“

Es fehlt im bestehenden System also am Geld und am Willen, einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal aufzubauen. Möglich wäre dies nur, bei einer umfassenden, grundlegenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt. Und die wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Der öffentlich-rechtliche Newskanal in Deutschland bleibt also leider Wunschdenken.

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