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Correctiv-Mann Markus Grill: „Was die Pharmafirmen machen, ist für mich eine Pseudo-Transparenz“

Markus Grill vom Recherchezentrum Correctiv

Das Recherchezentrum Correctiv hat gemeinsam mit Spiegel Online die Namen von rund 20.000 Ärzten, die Geldzuwendungen von der Pharmaindustrie bekommen haben, erstmals in einer Datenbank veröffentlicht. Das Datenjournalistische Projekt ist ein wichtiger Durchbruch hin zu mehr Transparenz im Gesundheitswesen aber gleichzeitig auch nur ein erster Schritt. MEEDIA sprach mit Markus Grill von Correctiv über die journalistische Aufarbeitung und Bedeutung des Projekts.

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Woher stammen die Daten zu den Honoraren von rund 20.000 Ärzten, die Correctiv heute veröffentlicht hat?

Markus Grill: Ende Juni haben 54 großen Pharmaunternehmen erstmals ihre Zahlungen an Ärzte und medizinische Einrichtungen veröffentlicht. Insgesamt erhielten 71.000 Ärzte in vergangenen Jahr Geld von der Industrie, rund 20.500 davon haben den Pharmafirmen erlaubt, ihren Namen und die Zahlungen zu veröffentlichen.

Welche journalistische Leistung hat Correctiv bei der Aufarbeitung der Daten erbracht? 

Es war an erster Stelle eine datenjournalistische Arbeit: Jedes der 54 Pharmaunternehmen hat die Zahlungen auf seiner Website versteckt veröffentlicht. Die Daten sind in PDFs, viele waren nicht computerlesbar, die Ärzte selbst häufig nach Vornamen sortiert, die Orte ohne Postleitzahlen. Die ganze Anmutung ist so: Als Pharmafirma veröffentlichen wir das zwar, wir wollen aber nicht, dass das jemand liest und auch noch auswertet. Deshalb ist das für mich eine Pseudo-Transparenz. Mit unserer Datenbank auf correctiv.org haben wir nun erstmals die Möglichkeit geschaffen, dass man auch gezielt nach Namen von Ärzten, Orten und Postleitzahlen suchen kann. 

Die Ärzte mussten ihre Zustimmung zur Veröffentlichung der Daten geben. Denken Sie nicht, dass wirklich schwarze Schafe da nun eben nicht dabei sind?

Das ist möglich. Aber Geldzahlungen sind nicht nur bei „schwarzen Schafen“ ein Problem. Der Mediziner Klaus Lieb von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft nennt diese Interessenskonflikte den „blinden Fleck“ der Medizin. Das heißt, Ärzte sind überzeugt, dass sie zwar Geld von der Pharmaindustrie annehmen, aber dennoch unbeeinflussbar sind. Das ist aber eine Illusion. Mehrere Studien haben inzwischen gezeigt, dass Ärzte, die auf pharmagesponserte Fortbildungen gehen, im Schnitt nicht nur mehr Medikamente, sondern auch die teureren verordnen. Das Ziel aus der Beschäftigung mit dem Thema müsste sein, dass wir zu einer pharmaunabhängigen Ärztefortbildung kommen müssen.  

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass eben jene Ärzte, die mit der Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden sind, an eine Art Pranger gestellt werden?

Wir schreiben mehrfach, dass diese Ärzte, die nun der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt haben, sich zumindest in Sachen Transparenz vorbildlich verhalten haben. Aber es wäre gut, wenn man von jedem Arzt wüsste, ob er Geld bekommen hat – oder auch nur, ob er die Zustimmung zur Veröffentlichung der Daten verweigert hat.

Wenn ich nun den Namen meines Hausarztes in der Liste finde und sehe, dass der Geld von einem Pharma-Unternehmen bekommen hat, was sagt mir dass? Ist mein Hausarzt dann automatisch korrupt?

Nein, das bedeutet nicht, dass er korrupt ist, sondern dass er Geld von der Industrie angenommen hat. Und dass das ein Interessenskonflikt ist, über den es sich lohnt, nachzudenken. Allein die Tatsache, dass diese Zahlungen öffentlich werden können, sorgt meines Erachtens für einen anderen Umgang mit diesen Zahlungen. 

Noch mehr Geld als durch Vortragshonorare und ähnliches fließt durch die so genannten Anwendungsbeobachtungen, die von Correctiv auch schon stark kritisiert wurden. Bei den Anwendungsbeobachtungen ist völlig unbekannt, welche Ärzte wieviel Geld von Pharma-Unternehmen bekommen. Sehen Sie eine Chance, dass sich das ändern? Wie könnte sich das ändern?

Wenn die Pharmafirmen ein echtes Interessen an Transparenz haben, würde ich erwarten, dass sie die Zahlungen für diese Studien offenlegen. Denn hier gibt es keine angeblichen Geschäftsgeheimnisse mehr zu schützen. Jede Anwendungsbeobachtungen muss sowieso den Behörden gemeldet werden, der Name des Präparats ist bekannt, die Zahl der geplanten Ärzte, die Höhe des Honorars pro Patient. Einzig verborgen ist noch der Name des Arztes. Gerade angesichts der Tatsache, dass nahezu alle unabhängigen Wissenschaftler diese „Studien“ eher für Marketing als für Forschung halten, ist es unverständlich, dass gerade darüber die Industrie so ein Geheimnis macht.

Die Fragen an Markus Grill wurden via Mail gestellt.

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