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Pressestimmen zum Kachelmann-Urteil: „Der Ruf dieses Mannes blieb gemordet“

Kläger Jörg Kachelmann

395.000 Euro Geldentschädigung wegen „schwerwiegender Persönlichkeitsrechtsverletzung“ in 26 Fällen: Seit gestern wird das Urteil des Oberlandesgerichts im Verfahren Kachelmann gegen Springer und Bild kontrovers diskutiert. Gemessen an der Zahl der Einzelfälle ist die Summe die höchste, die in der Bundesrepublik je einem Kläger zugesprochen wurde. MEEDIA gibt einen Überblick der Pressestimmen.

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Für die Süddeutsche Zeitung schreibt Heribert Prantl: „Von der Unschuldsvermutung blieb in einem Strafprozess selten so wenig übrig wie im Fall Kachelmann. Daran hat sich selbst nach dem rechtskräftigen Freispruch wenig geändert. Der Ruf dieses Mannes blieb gemordet. Schuld daran war nicht nur, aber auch die Art und Weise, wie die Bild-Zeitung den Fall behandelt hat: exzessiv, persönlichkeitszerstörend und existenzvernichtend (…) Angesichts dessen ist das Schmerzensgeld, zu dem nun das Oberlandesgericht Köln den Springer-Verlag verurteilt hat, nicht spektakulär, sondern bescheiden. (…) Es ist nun aber auch billig, nur mit dem Finger auf Bild zu zeigen. Andere Medien haben es hier nicht viel besser gemacht, und leider hat eine überforderte Strafjustiz zur medialen Vorverurteilung beigetragen (…) Das Schmerzensgeld, zu dem die Justiz nun Springer verurteilt, darf von ihren eigenen Fehlern nicht ablenken. (…) Die Summe ist okay.“

Gisela Friedrichsen, Der Spiegel: „Nun hat er den größeren Teil der Gerichtskosten des Rechtsstreits gegen Springer zu tragen, weil er ursprünglich eine weitaus höhere Summe, nämlich zwei Millionen Euro, einklagen wollte. Gemessen an dem Schaden, den sein Ansehen durch die höchst dubiosen Anschuldigungen und den sein Privatleben zur Schau stellenden Gerichtsprozess samt Medienecho genommen hat; gemessen an dem finanziellen Aufwand, den das Justizspektakel ihm abverlangte, keine absurd hohe Summe. Ist Kachelmann also ein Verlierer? Oder ein Gewinner? (…) An Kachelmann haben viele verdient, einige wenige mussten dafür zahlen, am teuersten wurde es für den Wettermoderator selbst. Springer treibt die vom Oberlandesgericht ausgeurteilte Zahlung plus Zinsen sicher nicht in den Ruin. Burda ging auch nicht pleite. Die Pressefreiheit nimmt ebenfalls nicht Schaden, wenn ein Signal gegen Grenzverletzungen gesetzt wird. Und trotzdem: Einen Gewinner gab es im Fall Kachelmann nicht.“

Für kress.de hält Bülend Ürük fest: „Während andere Großverlage sich gerne außergerichtlich mit klagefreudigen Stars einigen, ist Axel Springer den harten Weg marschiert. Denn viel einfacher wäre es gewesen, wenn sie sich auch hinter verschlossenen Türen geeinigt hätten. Doch die Entscheidung Springers, vor das Oberlandesgericht zu ziehen, ist ein wichtiges Zeichen für die gesamte Branche. Gerade in einer Zeit, in der Prominente und weniger Prominente am liebsten jedes Komma in einem Bericht bestimmen möchten. Natürlich gab es unter den über 800 Berichten in den Jahren 2010 und 2011, die in „Bild“ über den Prozess gegen Jörg Kachelmann erschienen, Artikel, die falsch, die fehlerhaft waren. Die müssen in der Redaktion auf jeden Fall aufgearbeitet werden. Es ist ein guter Tag für die Pressefreiheit.“

…mit direkter Reaktion von Stefan Niggemeier auf übermedien.de: „Nun kann man schon über die interessante Formulierung stolpern, dass es die „Entscheidung“ Springers war, vor das Oberlandesgericht ‚zu ziehen‘, wenn es Kachelmann war, der es dorthin durch seine Klage und die Berufung gezerrt hat. Vollends abwegig wird es aber, wenn Ürük angesichts eines Urteils, das, um es noch einmal zu wiederholen, schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzungen in 26 Fällen festgestellt hat, von Prominenten spricht, die ‚am liebsten jedes Komma in einem Bericht bestimmen möchten‘. Das eine in den Kontext mit dem anderen zu bringen, ist nicht nur infam – es ist irre. (…) ‚Es ist ein guter Tag für die Pressefreiheit‘, schreibt Ürük, und er suggeriert allen ernstes, dass Springer da vor Gericht ‚um die Pressefreiheit‘ gekämpft habe. Und nicht darum, möglichst billig damit davonzukommen, die Persönlichkeitsrechte eines Mannes in einer Vielzahl von Fällen verletzt und ihn vorverurteilt zu haben.“

Im Kölner Stadt-Anzeiger kommentiert Peter Berger: „Angesichts des Dauer-Beschusses und ständigen Grenzüberschreitungen in Berichterstattung, bei der sogar privater SMS-Verkehr und entwürdigende Fotos veröffentlicht wurden, die keinerlei direkten Bezug zu Strafverfahren hatten, ist das eine fragwürdige Entscheidung, zumal beim Bundesgerichtshof noch einige Verfahren anstehen, bei denen es um Verletzungen des Persönlichkeitsrechts geht.“

Kurt Sagatz, Tagesspiegel: „Mit Kachelmanns Schadenersatzklagen gegen Bild und Bunte folgt nun die Wiederherstellung seines Ansehens in den Medien. Einen Angeklagten mit nacktem Oberkörper im Gefängnishof zu zeigen, hat mir fairer Berichtserstattung nichts zu tun und private SMS gehören nicht in die Presse. Der Schaden, der durch den Vergewaltigungsvorwurf und Prozess entstand, ist gleichwohl nicht wiedergutzumachen.“

Der Freitag lässt Community-Mietglied Joseph Seidl in einem Blog-Eintrag kommentieren: „Wer die von Kachelmann angegriffenen Schlagzeilen und Behauptungen liest (…), kann kaum von Berichterstattung sprechen. Sie sind in ihrer Zusammenschau die Herstellung einer erdachten Biographie, die ohne Abstriche ein negative Person konstruiert.“

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