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„Mitgestalter statt Beobachter“: Giovanni di Lorenzo kritisiert Medien in der Flüchtlingskrise

Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, Zeit-Titel vom August 2015: "Das war ein Fehler"

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo übt Medienkritik. Im Interview mit turi2.tv am Rande des Jahrestreffens von Netzwerk Recherche sagte der Blattmacher und Talkshow-Moderator, er sei überzeugt, dass die einhellige Pro-Flüchtlinge-Stimmung den Medien nachhaltig geschadet habe: „Das haben uns die Leute übel genommen.“ Auch die Zeit habe mit einem Titel im August 2015 einen Fehler gemacht.

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Mit der undifferenzierten Solidarisierung vieler Medien mit der von der Politik praktizierten Willkommenskultur sei Vertrauen der Leser verloren gegangen: „Da fand das Vorurteil Bestätigung, dass wir mit der Macht, mit den Eliten unter einer Decke stecken und das, was uns verordnet wird, mit unterstützen.“ Letzteres sei zwar „de facto nicht der Fall“ gewesen, „aber den Eindruck konnte man durch die Berichterstattung durchaus gewinnen“.

Rückblickend hätte di Lorenzo sich mehr Pluralität der Medien gewünscht. „Ich glaube, dass wir eine ganze Weile zu sehr dazu tendiert haben, uns zu Mitgestaltern der Flüchtlingskrise zu machen und uns nicht auf die Rolle der Beobachtung konzentriert haben“, sagte er im Interview. Das habe zu einem gewissen Zeitpunkt auch für ihn selbst und Die Zeit gegolten: „In der Frühphase haben wir einen Titel gemacht, der die gebotene Zurückhaltung nicht hat erkennen lassen. Die Zeile war ‚Willkommen!‘, und der Leitartikel hat das noch verstärkt – meine eigenen Worte waren damals ‚Jeder Flüchtling ist eine Bereicherung für das Land‘.“ Der Zeit-Chefredakteur hält es für wichtig, den Lesern „sichtbar zu machen, dass wir in der Redaktion sehr unterschiedlicher Meinung sind“.

Die „Refugees Welcome“-Kampagne der Bild-Zeitung habe ihn überrascht: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eine ganze große Zeitung in Deutschland die Refugees Welcome-Parole übernimmt.“ Schließlich sei das der Slogan der Lampedusa-Bewegung der autonomen Szene gewesen. Nach den Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln habe er registriert, dass sich die Haltung der Medien „ein bisschen verändert“ habe. Dennoch sei für ihn nach wie vor die Frage noch nicht richtig beantwortet, „warum wir damals vier Tage gebraucht haben, um über die skandalösen Vorfälle zu berichten“. Offenbar habe es bei vielen Medienmachern die Haltung geben „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“.

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