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Netzwerk Recherche diskutiert Umgang mit AfD und Populisten: „Da hilft nur vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten“

Diskutierten beim Netzwerk Recherche: Stefan Niggemeier, Anja Reschke, Armin Wolf

Wenn die re:publica das Klassentreffen der Bloggerszene ist, dann ist die Jahrestagung des Netzwerk Recherche wohl das Klassentreffen von Deutschlands Top-Investigativen. Für zwei Tage vernetzen sich auf dem Gelände des NDR keine Verlagsmanager, Jung-Unternehmer oder Web-Erklärer, wie sonst gerne bei hippen Konferenzen, sondern ganz altmodische Journalisten: Also Chefredakteure, Medienmacher und Reporter, die noch schreiben und recherchieren. Top-Thema in diesem Jahr: der Lügenpresse-Vorwurf, Einmischung von PR und der richtige Umgang mit Populisten.

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Zum Auftakt diskutierte in einer großen Runde erst einmal eine illustre Schar an Top-Meinungsmachern. Sie beschäftigten sich mit der Frage: „Wie gehen wir mit Populisten um?“. Mit dabei waren Stefan Niggemeier, Anja Reschke, der österreichische TV-Journalist Armin Wolf, Jakob Augstein und die neue rbb-Intendantin Patricia Schlesinger.

Natürlich arbeitete man sich erst einmal gebührend am Tweet von Beatrix von Storch ab und diskutierte, ob es überhaupt sinnvoll ist, über das – mittlerweile gelöschte Posting – zu berichten.

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Armin Wolf, der ja bereits jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit der FPÖ gesammelt hat, ist davon überzeugt, dass man über Populisten und ihre Tweets berichten sollte.“ Schmunzelnd merkte er jedoch auch an: „Kein vernünftiger FPÖ-Politiker würde einen solchen Tweet absetzen. Das war ein Anfängerfehler. Ein solcher Tweet hat nur das Potential für fünf bis sieben Prozent.“

Stefan Niggemeier meint dagegen, dass es in solchen Fällen wichtig ist, als Journalist nicht selbst in Empörung zu verfallen. Also über den Tweet berichten, sich aber nicht darüber aufregen. Das müssten die Leser schon selbst. Grundsätzlich gilt für ihn: „Es lohnt sich, sachlich zu sein.“

Auch Augstein spricht sich für eine umfassende Berichterstattung über Populisten und ihre teils grenzwertigen und irrelevanten Aktionen aus. „Populisten wie die AfD legen den Finger aber nur in Wunden, die uns eh schon wehtun“. Fast schon böse klang dagegen, was der Verleger des Freitag über Talkshow-Debatten mit Frauke Petry zu sagen hatte. „Die Debatte mit einer Frau, die unanständig ist, ist im Fernsehen nicht zu gewinnen. Und Frauke Petry ist unanständig“

Das Problem liegt für Wolf in der totalen Narrenfreiheit, die sich dieser neue Politiker-Typus herausnehme. „Populisten müssen sich nicht an Regeln halte. Bestes Beispiel dafür ist Donald Trump. Der ist viel schlimmer als die AfD.“ Der TV-Journalist meint beobachtet zu haben, dass sich der US-Präsidentschafts-Kandidat einfach gar nicht mehr an Fakten und Wahrheiten hält. „Im Grunde sind wir in einer postfaktischen Demokratie angekommen“.

Dem können Journalisten nur Altbewährtes entgegensetzten: „Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass nur eines hilft: vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten.“ Ein Negativbeispiel lieferte der ÖRF-Journalist auch gleich noch mit. So erinnerte er an ein altes – offenbar völlig unvorbereitetes – Interview mit Jörg Haider bei „Talk im Turm“. „Das war ein Debakel für Erich Böhme“.

Aus Österreich berichtete Wolf, dass die FPÖ gar nicht mehr auf die klassischen Medien und die öffentlich-rechtlichen Sender angewiesen sei. „Die haben über YouTube ein funktionierendes Fernseh-Netzwerk und erreichen via Facebook Millionen. Viele ihrer Sympathisanten konsumieren die etablierten Medien gar nicht mehr.“

So wandert die politische Debatte immer mehr in die Sozialen Netzwerke ab. Dort gelten anderer Regeln und eröffnen der PR – vor allem auch der Krisen-PR – ganz neue Möglichkeiten. Von einen passenden Fall erzählte Jürgen Döschner vom WDR. Auf einem anderem Panel berichtete er anhand eigener Erfahrungen mit dem Energieriesen RWE, wie Unternehmern mittlerweile gesteuerte Shitstorms einsetzten, um kritische Berichterstattung zu torpedieren.

Ein erstes positives Schlusswort fand Stefan Niggemeier allerdings, gleich beim ersten Panel der zweitägigen Veranstaltung: „Ich hoffe, dass am Ende immer einfacher Journalismus hilft.“

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