Partner von:
Anzeige

Kulturwandel: Ist das “Du” in der Arbeitswelt wirklich auf dem Vormarsch?

Dürfen wir Sie duzen?
Dürfen wir Sie duzen?

Du oder Sie? Nicht überall ist die Sache so klar wie bei Ikea - dort wird geduzt, dass sich die Billy-Regale biegen. Nun setzt auch die Supermarktkette Lidl auf die vertrauliche Ansprache und will damit eine neue Ära einleiten.

Anzeige
Anzeige

Schon im Jahr 2012 sagten mehr als ein Fünftel der Angestellten  bei einer Umfrage, sie empfänden das förmliche Sie noch immer als höfliche Anredeform, für den Umgang im Büro sei es aber inzwischen zu steif und nicht mehr zeitgemäß. Das Du sei angemessener. Eigentlich liegt die Geschichte des Du noch viel weiter in der Vergangenheit. Denn schon der 16-jährige Goethe wünschte sich 1765 von seinem Jugendfreund Johann Jakob Riese nichts sehnlicher als das Du. Heute duzen sich die Sozialdemokraten als Zeichen der Solidarität und Unternehmen benutzen es als Zeichen flacher Hierarchien.

You ist nicht gleich Du

Im Englischen werden alle einfach geduzt. Schließlich sagt man immer “you”. Doch ganz richtig ist das nicht. Denn in der englische Sprache duzt man niemanden und siezt auch nicht. Historisch gesehen heißt “you” “Ihr'” und ist die 2. Person Plural. So gesehen siezen sich Sprecher im Englischen eigentlich. Die schon im 17- Jahrhundert ausgestorbene Anrede des “thou” käme dem Du am nächsten. Heute kommt “thou” nur noch im Kirchenenglisch oder bei historischer Literatur wie z.B. Shakespeare vor.

In Amerika werden Respektspersonen wie Bankangestellte, Polizisten, Beamte mit “Sir”, “Madam” oder “Officer” angesprochen. Die Höflichkeitsformen sind gegenüber der deutschen Sprache recht ähnlich, nur dass es bei uns zusätzlich eine klare sprachliche Grenze zwischen dem Duzen und Siezen gibt. Auch in der englischen Sprache sollte im Geschäftsleben die höfliche Ausdrucksform verwendet werden –  außer es handelt sich um Marc Zuckerberg. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass viele Unternehmen ihre Kunden auch auf Plattformen wie Facebook und Twitter duzen. Andere entscheiden sich wiederum dafür, konsequent auf allen Kanälen zu siezen. Das lässt sich insbesondere bei traditionsreichen Unternehmen beobachten. Doch wie sieht es in der Offline-Unternehmerwelt aus?

Ikea, Otto und Lidl

Bereits im März 2016 hat der Vorstand der Otto-Group seinen 53.000 Beschäftigten das Du angeboten. Der Vorstandschef Hans-Otto Schrader sieht darin die Chance für ein noch stärkeres Wir-Gefühl. Flache Hierarchien und der Weg zum Wir ginge nur über das Du, so “Hos” (Spitzname für Hans-Otto Schrader).

Anzeige

Dialoge bei der Otto-Group laufen also nun so, wie Schrader im Interview mit der Wirtschaftswoche erzählt: “Erst letzte Woche kam ein junger Mann vor dem Fahrstuhl auf mich zu und meinte: ‘Hey, ich kann jetzt Hos zu dir sagen.’ Ich sag: ‘Ja klar, und wer bist du?’ ‘René, aus dem Social Media Team.’ Und dann kamen wir ins Gespräch, das früher so nicht zustande gekommen wäre.”

Auch bei Lidl gilt nun ganz offiziell das Du. Klaus Gehrig leitet die Schwarz-Gruppe, zu der der Discounter gehört, und ist Aufsichtsratschef von Lidl und Kaufland. Ab sofort dürfen sich alle untereinander duzen, egal ob Chef oder Kassiererin. “Es gibt keinen Zwang. Aber klar ist auch: Wer sich nicht duzt, isoliert sich. Das sind nicht die Leute, die wir brauchen”, so der Text in einer internen Mail an die Mitarbeiter und der Chef schloss mit den Worten: „Gruß Klaus“.

Beim Onlinehändler Blume 2000 schickten die Chefs ein Video herum, um die Mitarbeiter auf das Du einzuschwören. Schließlich will man zu den innovativen Unternehmen gehören. Ikea macht es seit Jahren vor: Der Möbelkonzern duzt jeden. „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“, fragt Ikea in der Werbung, was nicht alle deutschen Kunden jenseits der 40 toll finden.

Schwierigkeiten für Arbeitnehmer

Angela Merkel gestattet nur fünf Ministern ihrer Partei das Du. Sie käme nie auf die Idee, die Bürgerinnen und Bürger zu duzen.  Auch für viele Arbeitnehmer scheint es im Alltag schwierig zu sein, mit dem Chef auf Augenhöhe zu diskutieren, wenn man sich duzt. Man redet ja nicht mit dem Freund über die Fußballergebnisse – sondern diskutiert mit dem Chef über Arbeitsaufträge oder das Gehalt.

Aber egal, wie man zum Du steht, eine Ansage des Chefs bleibt eine Ansage: “Du machst, was ich sage” klingt schließlich mit einem “Du” nicht unbedingt angenehmer als mit einem Sie.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Die Ikano-Bank (wie Ikea schwedischen Ursprungs) hat vor kurzem ebenfalls ungefragt begonnen, auch die Kunden zu duzen, was ich unhöflich und respektlos finden (ältere Generation). Die Bitte, das zu unterlassen, wurde völlig ignoriert. Also ein Kunde weniger…

  2. Ich habe seinerzeit auch meine Erfahrungen in so einer Firma gemacht wo, das “du” von oben direkt vorgeschrieben war uns es also quasi eine Arbeitsanweisungen war.

    Ich fand das immer affig, damals schon und heute auch noch.

    Im angelsächsischen Raum mag das “Du” ja eine Tradition und auch eine Berechtigung aus der englischen Sprache heraus, (welche nun mal kein “Sie” kennt) haben.

    Außerhalb der USA (inklusive GB) aber wird das “Du” im Geschäftsleben schlicht und ergreifend als unhöflich und respektlos empfunden, denn wir haben nun mal ein “Sie” in unserer Sprache (und das nicht ohne Grund) genau wie andere europäische Länder auch.

    Das gedankenlose und dumme Überstülpen amerikanischer Gepflogenheiten, welche hier sogar das genaue Gegenteil vom eigentlich gewollten bewirken ist kontraproduktiv.

    So war es auch in meiner damaligen Firma: Sowohl die Mitarbeiter, vor allem aber die Chefs, waren nur “pflichtgemäß begeistert”, das hat man vor allem der Teppichetage relativ deutlich angemerkt.

    Wenn sie von einem meilenweit unter ihnen stehenden tatsächlich mal (pflichtgemäß) mit “Du” angesprochen wurden. – Für uns in den unteren Etagen wars (bei bestimmten Personen) allerdings ein Gaudi. 🙂

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Meedia

Meedia