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Der Spiegel und das leidige I-Wort: Schuld sind immer die anderen

Extrablatt vom Nachrichtenmagazin Nummer eins zur Bundestagswahl: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
Extrablatt vom Nachrichtenmagazin Nummer eins zur Bundestagswahl: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Das muntere "Sich-Gegenseitig-Schuld-In-Die-Schuhe-Schieben“ beim Spiegel geht in die nächste Runde. Nachdem die Sprecherin der Mitarbeiter KG, Susanne Amann, zuletzt die Chefredaktion und Geschäftsführung hart kritisiert hatte, kontert Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im aktuellen Medium Magazin, klagt über die zu lahme Redaktion – und lobt sich selbst. Dabei ist seine eigene Bilanz ernüchternd.

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Ach, Spiegel. In der Analyse, was im eigenen Haus so alles schief läuft, sind sie mittlerweile ganz schön stark und unerbittlich geworden. Da war der so genannte „Innovationsreport“, der im wesentlichen eine gnadenlose Bestandsaufnahme der Defizite des Hauses war. Zuletzt wurde eine Rede von Susanne Amann, Vize-Ressortleiterin Wirtschaft und Sprecherin der Mitarbeiter KG, öffentlich, in der sie vor allem die Chefredaktion und Geschäftsführung mit Kritik überzog. Die schonungslose Ansprache vor den “stillen Gesellschaftern” inklusive etlicher interner Zahlen wurde später noch per E-Mail an einen Massenverteiler geschickt. Gerade so, als ob man beim Wundenlecken und Kassandra-Rufen bitte nicht unter sich bleiben wollte. Prompt wurde das Skript in voller Länge an Medienjournalisten durchgestochen. Der öffentliche Eindruck: Blattmacher und Geschäftsführer sind als Krisenmanager Underperformer. Jetzt schlägt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer via Interview im Medium Magazin zurück und schanzt seiner Redaktion den Schwarzen Peter zu. Der Spiegel und das leidige “I”-Wort (=Innovation): Im Auflisten von eigenen Fehlern und Versäumnissen sind sie an der Ericusspitze mittlerweile gut geworden. Bloß an schlüssigen Reformkonzepten und vor allem deren Umsetzung hapert es.

Beispiel Redaktionsbesprechungen. Brinkbäumer sagt im Medium Magazin: “Manchmal würde ich mir die Konferenzen noch lebhafter wünschen, mit mehr Widerspruch. Wir sitzen so hierarchisch da: Chefredaktion und Ressortleiter am inneren großen Tisch, die schweigende Redaktion außen herum.” Dass der Verantwortliche den Ablauf einer Besprechung so kritisiert, ist originell. Wer, wenn nicht er selbst wäre der Richtige, solche festgefahrenen Rituale zu durchbrechen und für eine Atmosphäre zu sorgen, in der Widerspruch erkennbar erwünscht ist. Dies nur zu sagen – „Widerspruch ist erwünscht“ – reicht eben nicht. Dies auch noch öffentlich und nicht in interner Manöverkritik zu tun, dürften nicht wenige Betroffene als Stillosigkeit empfinden. Mitarbeiter haben ein feines Gespür dafür, wann es angebracht ist, offen zu widersprechen und wann man besser die Klappe hält. Offenbar entscheiden sich beim Spiegel viele für die zweite Option. Dies zu ändern ist Aufgabe der Chefs und nicht die der Mitarbeiter. Dass Brinkbäumer seine Mannschaft via Mediendienst-Interview “basht”, ist auch ein Zeichen für die Entfremdung zwischen dem glücklos agierenden Chefredakteur und der Redaktion.

Brinkbäumer stimmt zudem die sattsam bekannte Klage an, wonach der Spiegel „zu bürokratisch“ sei, so dass „Ideen versanden“. Er fordert wie schon ganz oft ein ominöses „höheres Innovationstempo“. Wichtig: Keine Spiegel-Selbstkasteiung kommt ohne das zur puren Phrase geronnene Wörtchen „Innovation“ daher. Dabei ist der Laden noch nicht einmal innovativ genug, sich eigene Namen für neue Projekte auszudenken. Siehe den Newsletter „Morning Briefing“ (von Gabor Steingart übernommen) oder Spiegel Plus (von Bild Plus übernommen).

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Dann kommt das Gespräch auf das Dauerbrenner-Thema Mitarbeiter KG. Selbstverständlich bezeichnet es Brinkbäumer, der selbst Mitglied der KG ist, als “eine Ungerechtigkeit zwischen Mutterhaus und Tochterfirma, die das Mannschaftsspiel erschwert“, dass Onliner und TV-Kollegen nicht Mitglied der KG sind. Er würde das sofort ändern, „doch rechtliche Fragen können komplex sein.” Ja, das können sie wohl. Darum packt man das latent unangenehme Thema wohl auch lieber gar nicht erst an. Man hat ja auch so viele andere Baustellen gerade. Dabei wäre doch ein branchenweit wahrgenommenes Interview eine gute Gelegenheit gewesen, eine Initiative zur Öffnung der KG-Privilegien für alle Mitarbeiter zu starten und den Mehrheitsgesellschafter entsprechend unter Zugzwang zu setzen.

Den Vorwurf, selbst entscheidungsschwach zu sein, weist Brinkbäumer wenig überraschend zurück: “Ich entscheide an jedem Tag viele, viele Dinge mehr als meine Vorgänger, schon weil sich die Anzahl der wichtigen Aufgaben für alle Chefredakteure vervielfältigt hat, aber auch weil ich gern entscheide.” Offensichtlich hat er dabei nicht das treffsicherste Händchen, zumindest wenn es um seine Kernkompetenz, das Blattmachen, geht. Seit seinem Antritt als Spiegel-Chefredakteur im ersten Quartal 2015 hat das Magazin laut IVW 10,1% an verkaufter Auflage eingebüßt: Von 882.673 Exemplaren ging es im ersten Quartal 2016 auf 793.087 herab. Besonders bitter: Das Minus im Einzelverkauf (Kioske, Supermärkte & Co.) liegt bei dramatischen 18,4%. Auch bei den Abos ging es um 6,7% herab – rund 27.200 Abos gingen in einem Jahr verloren. Zum Vergleich: Zwischen den ersten Quartalen 2014 und 2015 legte Der Spiegel im Gesamtverkauf sogar um 0,7% zu, zwischen den ersten Quartalen 2013 und 2014 gab es auch nur ein Minus von 0,8%. Ein Blattmacher, dem in einem Jahr jeder fünfte Kiosk-Käufer abhanden gekommen ist, sollte sich überlegen, wie er über seine Vorgänger spricht.

Doch das scheint Brinkbäumer nicht anzufechten. Er versichert: Schuld, wenn es nicht vorangeht, seien andere, die seine vielen, vielen Entscheidungen nicht schnell genug umsetzen. Und außerdem fehlten dem Spiegel Leute in IT und Produktmanagement, um Angebote wie die geplante App-Tageszeitung Spiegel Daily schnell umzusetzen, lamentiert er. Keine guten Leute, stattdessen lahme und maulfaule Mitarbeiter und diese schlimmen Strukturen – Klaus Brinkbäumer hat es wirklich nicht leicht. Aber all das fällt vermutlich auch nicht in seine Verantwortung. Er ist ja nur der Chefredakteur.

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Alle Kommentare

    1. Der Letter heißt komplett “Die Lage – Morning Briefing”. Auf der Webseite wurde er immer als “Morning Briefing” angeteast. “Die Lage” ist übrigens von der “Morgenlage” des Tagesspiegels inspiriert.

      1. @Lina:

        Na ja, man kann jetzt von einem Beklauten ja nicht auch noch erwarten, daß er Gründe sucht (und findet) um dem Stehler zu entlasten und aus “mein” ein “sein” zu machen.

        Das wäre nun echt ein bissel viel verlangt. – Zu viel. 🙂

  1. Der Journalismus zieht narzisstische Persönlichkeiten an. Diese arbeiten sich hoch und neigen meist dazu, ihresgleichen einzustellen. Und das ist dann die Folge davon.

    Der Spiegel sollte am besten Susanne Amann zur Chefredakteurin machen. Dann passiert vielleicht ja tatsächlich mal was.

    1. Beim Spiegel ist es mittlerweile egal wen die noch anstellen – die sind eh erledigt!

      Das haben einige aber wohl immer noch nicht verstanden.

  2. Herrlich: Bertelsmann wartet nur auf ein super-günstiges Übernahmeangebot. Na, dann haben es die traurigen Rest-Spiegelianer und Speigelianerinnen auch nicht besser verdient. Wie sagte doch unlängst einer, der das Abfindungsangebot annahm: Ich will dem weiteren Niedergang des Hauses nicht länger im Wege stehen. Herr Alois Augstein, alias Brinkbäumer/ Doerry, wachen Sie endlich auf ! Aber nicht einmal das können Sie. Journalist müßte man eben sein , und nicht Beamten-Söhnchen.

  3. Beim SPIEGEL haben sie noch nicht begriffen…, dass sie inzwischen kein Alleinstellungsmerkmal mehr haben, wie die S- Klasse zu seiner Zeit, wo es heute den 7er und den A8 gibt…!!!
    Und genau so ist dass Herrschaftsgebaren einiger dort, außer uns gibt es nur noch Gott…!!!
    Wer hält da eigentlich den Kompass in den Händen…, es scheint einer, jeder und doch keiner…!!!

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