Ohne Maß und Mitte – warum das verbale Foulspiel des Mehmet Scholl so sehr irritiert

Mehmet Scholl

Für ein Aufregerle in Fußball-Deutschland sorgte der ARD-Analyst Mehmet Scholl nach dem gewonnenen Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Samstag gegen Italien. Scholl meckerte nach dem Spiel an der Taktik des deutschen Trainerstabs. Warum nur polarisiert Scholl so sehr, wenn er sich denn mal aufrafft, hart zu kritisieren? Ein Erklärungsversuch.

von Stefan Winterbauer

Es soll hier gar nicht darum gehen, ob Scholl mit seiner Kritik an der Dreierkette beim Deutschland – Italien Spiel recht hatte oder nicht. Auch andere TV-Kommentatoren und Analysten kommentieren hart und polarisierend aber nur bei Scholl gibt es einen kollektiven Aufschrei, wenn er denn mal harte Worte wählt.

Das war bei der EM 2012 so, als er über den Stürmer Mario Gomez sagte: „Er hat ein Tor geschossen, das war’s aber auch.“ Und anschließend darüber philosophierte, er habe zeitweise Angst gehabt, Gomez hätte sich wundgelegen und man hätte ihn wenden müssen. Das Echo war damals mindestens so groß wie diesmal, als Scholl nach dem durch Elfmeterschießen gewonnenen Spiel den Trainer-Berater Siegenthaler ins Visier nahm: „Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen…“, so Scholl wild gestikulierend nach dem gewonnenen Spiel.

Damals wie heute reagierte der Deutsche Fußball Bund verärgert, bezeichnete Scholls Einlassungen als „unmöglich“. Dass der ZDF-Experte Oliver Kahn derart aneckt, ist nicht bekannt. Auch Fußball-Analyse-Monster Günther Netzer hielt seinerzeit nie mit harter und härtester Kritik an der deutschen Mannschaft und/oder Trainern hinter dem Berg – es gab aber keinen Aufstand gegen seine Äußerungen.

Warum also bei Scholl? Ist es nicht sein Job, Kritik, auch harte Kritik, zu üben und einen eigenen Kopf zu haben? Die Antwort fällt nicht ganz leicht.

Natürlich ist es der Job eines TV-Analysten, das Spiel, die Mannschaft und den Trainerstab zu kritisieren. Das Problem bei Mehmet Scholl ist nur, dass seine Groß-Kritiken gleichsam wie aus heiterem Himmel zu kommen scheinen. Vor dem Spiel hielt sich Scholl mit drastischer Kritik noch zurück. Nach dem Spiel war er hoch emotionalisiert offenbar der Meinung, dass er es vorher besser gewusst hätte. Scholl kritisiert extrem hart in einer Situation, in der es für die deutsche Mannschaft prinzipiell gut gelaufen war. Das Spiel gegen Italien wurde letztlich gewonnen. Mit Schwierigkeiten zwar, aber dass es gegen Italien schwer werden würde, war nun ja auch nicht sehr verwunderlich. Und 2012 ging Scholl Mario Gomez ebenfalls sehr hart an, obwohl der als Stürmer geliefert, also ein Tor geschossen, hatte.

Hinzu kommt, dass in beiden Fällen Scholls Kritik unsachlich, beleidigend und hoch emotional verpackt ist. Die Formulierungen „wundgelegen“ und der polemische Ratschlag an „den Herrn Siegenthaler“ zielen nicht auf den Kopf, sondern in die Magengrube. Wenn man so will ein verbales Foulspiel. Das wäre einem Günther Netzer, nie über die Lippen gekommen. Zumal dessen Sachkenntnis auch über Zweifel erhaben war. Eine Rolle mag auch spielen, dass Scholl und DFB-Manager Oliver Bierhoff 1996 beide in der Nationalmanschaft Europameister wurden und es da womöglich gewisse Binnen-Rivalitäten gegeben haben mag.

Ein weiterer Faktor ist, dass solche Verbalausbrüche so selten vorkommen, dass sie automatisch Ereignischarakter haben. Wäre er stets auf 180 und würde andauernd die Verbalkeule schwingen, hätte man sich womöglich daran gewöhnt. Der Scholli-Stil ist es aber eher, bereits Gesagtes eher uninspiriert zu wiederholen oder auf Plattitüden herumzureiten („Italien ist ein unangenehmer Gegner.“). Umso mehr sticht es dann heraus und irritiert es, wenn er aus dem Immergleichen ausbricht und einen Versuch der Großkritik unternimmt, dabei aber weder Maß noch Mitte kennt.

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