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„Es fehlen Ideen und eine Strategie“: die gnadenlose Abrechnung der Mitarbeiter KG mit den Spiegel-Chefs

Susanne Amann, Sprecherin der Mitarbeiter KG, Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: harte Kritik an der Führung

Beim Spiegel geht es mal wieder rund. Die Sprecherin der Mitarbeiter KG, die stellvertretende Wirtschaftsressortleiterin Susanne Amann, hat in einer Rede vor den stillen Gesellschaftern gnadenlos mit der Chefredaktion und Geschäftsführung des Spiegel abgerechnet. In der Rede, die von Horizont dokumentiert wurde, wirft sie der Führung des Hauses vor, keine Ideen und keine klare Strategie für Wachstum zu besitzen.

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Die Namen des Spiegel-Führungspersonals werden in der Rede Amanns (man kann sie in voller Länge hier bei Horizont lesen) keine genannt, es ist aber klar, auf wen die Kritik zielt: in erster Linie auf Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und Geschäftsführer Thomas Hass. Während die Spar-Bemühungen des Verlages gelobt werden, wird an den Wachstumsprojekten des Spiegel kein gutes Haar gelassen. Einige Zitate aus der Rede:

  • „Die neuen Print-Derivate generieren eher bescheidene Umsätze, im Idealfall vergleichsweise kleine positive Deckungsbeiträge.“
  • „Nicht jeder Versuch, etwas Neues zu starten, (ist) erfolgreich. Beispiel: NRW-Teil. Scheitern ist nicht schlimm. Aber es braucht dann, gerade in unserer jetzigen Situation, einen erneuten Anlauf mit anderen Ideen. Die aber vermissen wir.“
  • „Sind die Fortschritte im Print-Bereich schon bescheiden, gilt das im Digitalen um so mehr. Aus der Erfahrung anderer Verlagshäuser wissen wir, dass schnelle und hohe Erlöse aus Paid Content auf SPIEGEL ONLINE wenig realistisch sind.“
  • „Natürlich gibt es einzelne Projekte wie etwa Daily oder SPIEGEL International. Doch in beiden Fällen fehlen verlässliche Prognosen und eine klare Kostenstruktur.“
  • „Es gibt darüber hinaus Projekte wie Bento, bei denen allerdings nicht abzusehen ist, ob sie langfristig wirtschaftlich erfolgreich sind.“
  • „Natürlich gibt es einzelne Projekte wie etwa Daily oder SPIEGEL International. Doch in beiden Fällen fehlen verlässliche Prognosen und eine klare Kostenstruktur.“
  • „Alarmierend ist: Trotz eines nachrichtenstarken Jahres ist die verkaufte Auflage weiter deutlich gesunken. Sie lag im Schnitt nur noch bei 833T Exemplaren (inkl. digital). Auch der beschleunigte Rückgang bei den Abos macht uns große Sorgen. Es wird immer schwieriger, Leser zu halten und neue zu gewinnen.“

In Summe muss man sagen, dass Susanne Amann als Sprecherin der Mitarbeiter KG praktisch das komplette Wachstums-Programm des Spiegel hingerichtet hat.

Neue Print-Ableger: Funktionieren nicht oder bringen kaum Erlöse.

Paid Content bei Spiegel Online: Schnelle und hohe Erlöse sind wenig realistisch.

App-Zeitung Spiegel Daily: Prognose und Kostenstruktur fehlen (und das ist noch geschmeichelt)

Bento: Nicht absehbar, ob langfristig wirtschaftlich erfolgreich.

Fast noch schlimmer: Auch das Kern-Produkt, der gedruckte Spiegel, findet keine Gnade. Trotz starker Nachrichtenlage sinken Auflage und Anzeigenerlöse weiter. Amann: „Wir erwarten deshalb, dass sich die Chefredaktion noch intensiver mit der Frage beschäftigt, was unsere Leser eigentlich von uns erwarten. Welche Formen und Inhalte die richtigen sind. Wie wir neue Leser gewinnen. Und warum uns so viele Leser verlassen haben. Diese Debatte muss dringend geführt werden.“

Offensichtlich wird diese Debatte beim Spiegel nach Ansicht der Mitarbeiter KG immer noch nicht geführt. Trotz schonungslosem Innovations-Report, trotz haufenweise Selbst-Erkenntnis, trotz neuer Chefredaktion und neuer Geschäftsführung. Trotz „Agenda 2018“

Die Rede enthielt außerdem einige interessante Daten und Fakten aus dem Spiegel-Reich:

  • Die Geschäftsführung geht davon aus, dass 30 bis 40 Personen gekündigt werden müssen.
  • Der Spiegel Verlag hat 2015 ein Ergebnis von 29 Mio. Euro erwirtschaftet, 4,6 Mio. Plus gegenüber Vorjahr. Rechnet man allerdings die Kosten für Sparmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen (alleine dafür 21 Mio. Euro!) ein, bleiben als Gewinn nur 1,8 Mio. Euro hängen.
  • Bei Spiegel Online ist der Umsatz 2015 um gut 6 Prozent gewachsen, nachdem er 2014 leicht rückläufig war. Mobile und Bewegtbild legen zu, allerdings wird mit Mobil-Werbung weniger Verdient als mit Desktop-Werbung. Am Ende steht ein Überschuss von 3,7 Mio. Euro.
  • Spiegel TV und die Manager-Magazin-Gruppe entwickeln sich stabil. Die MM-Gruppe erwirtschaftete einen Überschuss von 1,7 Mio. Euro.

Lobend erwähnt wurde von der KG-Sprecherin „die gute Arbeit der Redaktion“ um MM-Chefredakteur Steffen Klusmann. Die Namen Klaus Brinkbäumer und Thomas Hass fallen in der Rede kein einziges Mal.

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