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Mobile Brexit-Redaktion im Londoner “Handelsblatt House”: ein journalistisches Zukunftsmodell?

Brexit-Redaktion im Londoner Stadtteil Hoxton: “Handelsblatt House” als strategisches Experiment
Brexit-Redaktion im Londoner Stadtteil Hoxton: "Handelsblatt House" als strategisches Experiment

Zum EU-Referendum verlegt das Handelsblatt seine Redaktion nach London und berichtet eine Woche lang aus der englischen Hauptstadt: Mit dieser Ankündigung sorgten die Düsseldorfer bei Medienleuten für Aufsehen – aber auch Kopfschütteln. Doch was im Vorfeld von Wettbewerbern mitunter als spesenträchtige Klassenfahrt belächelt wurde, geriet zum Experiment mit Signalcharakter für die ganze Branche.

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Eine flexible journalistische Eingreiftruppe, die aus Experten verschiedener Ressorts sowie Vertriebskanäle gebildet worden war, hatte sich vergangene Woche im Londoner Stadtteil Hoxton zusammengefunden. Mit dabei: Redakteure und Korrespondenten der gedruckten Zeitung, Mitarbeiter von Handelsblatt.com, Global Edition, Social Media-Redakteure, Video-Produzenten sowie Nachwuchsjournalisten des Jugendmediums Orange, kurz gesagt: ein 50-köpfiges Team, das in dieser Zusammensetzung noch nie gearbeitet hatte und für die folgenden Tage für alle redaktionellen Vertriebskanäle des Handelsblatts von der bevorstehenden Abstimmung berichten sollte. In Kasematten unter den Gleisen der Londoner Overground, die sonst als Restaurant und Event-Location genutzt werden, hatte die Zeitung Quartier bezogen und die Räumlichkeiten zum “Handelsblatt House” umfunktioniert – samt einem Podium, das als Plattform für Live-Gespräche sowie als Konzertbühne genutzt wurde. MEEDIA (gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt) hat die Außenstelle des Wirtschaftsmediums besucht und sich einen Eindruck der Recherche vor Ort verschafft.

Als das Beagle, so der Name des Restaurants, bezugsfertig war, lag hinter den Organisatoren einen logistische Meisterleistung. Binnen weniger Wochen musste ein passendes Objekt gefunden und angemietet werden, hinzu kamen Unterbringung für die Redaktion sowie die Bereitstellung der Technik und einer leistungsfähigen und stabilen WLAN-Verbindung. Am Ende lief alles – mehr oder weniger – reibungslos, lediglich bei Live-Schalten auf den Video-Flatscreens musste zuletzt ein Satelliten-Slot gebucht werden, damit der aus Deutschland zugeschaltete Wirtschaftsminister ohne Flimmern zu erkennen war. Von morgens bis zum späten Abend war das Programm im Handelsblatt House eng getaktet. Die Produktion der Zeitung mit dem Andruck am späten Nachmittag stand dabei im Vordergrund, ebenso wurden aber die digitalen Angebote mit Artikeln, Interviews, Kommentaren und Videos beliefert. Die Teilnahme am Brexit-Ausflug war freiwillig, die Arbeit am ungewöhnlichen Redaktionssitz für viele eine neue Erfahrung. Ob langjähriger Autor oder Jungjournalist mit Zahnspange: die äußeren Bedingungen waren für alle die gleichen. Laptop, Notizblock, Aufnahmegerät, ein Holzstuhl sowie ein Teil von einem Kneipentisch – der typische Arbeitsplatz der Handelsblatt-Expedition.

Die Schlagzahl der Redaktionsarbeit war hoch und Team-Play unerlässlich, damit alle Kanäle pünktlich mit aktuellen Inhalten beliefert werden konnten. Vielleicht auch deshalb war die Stimmung gut und die bei Medien oft beschworenen Gräben zwischen unterschiedlichen Print- und Digitalredaktionen nicht spürbar. Zu den Pflichtübungen für jeden gehörten Ausflüge zu den Befürwortern und Gegnern des Brexits – die Redaktion sollte sich durch Reportagen und Interviews mit Betroffenen vor Ort ein Bild aus erster Hand von der Stimmung der Briten verschaffen. Das Ergebnis war eine umfangreichere und vielschichtigere Berichterstattung, als sie andere Medien zum Brexit-Countdown leisteten bzw. leisten konnten. Die Inhalte wurden multimedial, in Infografiken, einem Liveblog sowie einem Meinungsressort (Pro und Contra) aufbereitet. Hinzu kamen die Veranstaltungen, bei denen Finanzexperten, Politiker und Wirtschaftsleute auf der Bühne zu ihrer Einstellung und ihren Einschätzungen mit Blick auf die Abstimmung befragt wurden, darunter Hochkaräter wie JP Morgan-Strategin Stephanie Flanders, Financial Times-Chefredakteur Lionel Barber oder YouGov-CEO Stephan Shakespeare, der nach der Wahl das falsche Ergebnis voraussagte und dessen Institut sich später für die eklatante Fehlprognose rechtfertigen musste.

Die zeitweise Verlegung des Redaktionssitzes im Rahmen von “London Calling” war keine spontane Idee oder ein singuläres Projekt, sondern sie entspricht der strategischen Ausrichtung, für die Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart den Begriff “Journalismus-Live” geprägt hat. Chefredakteur Sven Afhüppe erklärte das Konzept im MEEDIA-Interview so: “Für uns heißt dies, dass wir so oft wie möglich das behagliche Redaktionsbüro verlassen und dort sind, wo die wirtschaftlich und politisch relevanten Ereignisse stattfinden. Vor diesem Hintergrund war es nur logisch, dass das Handelsblatt über die historische Woche des britischen Referendums nicht aus Düsseldorf, Frankfurt oder Berlin berichtet, sondern direkt aus Großbritannien.” Dabei ging es nicht nur darum, aktuelle Inhalte für Print und Online am Ort des Geschehens zu produzieren, sondern eine Art Journalismus zum Anfassen zu praktizieren. “Journalismus-Live bedeutet für uns mehr als das Erstellen von besonderen Texten für die gedruckte Zeitung und die digitalen Kanälen”, so Afhüppe in London, “abends laden wir unsere Leserinnen und Leser zu Diskussionsrunden mit besonderen Gästen ein. Journalismus-Live bringt nicht nur Texte und Bilder zusammen, sondern Menschen mit Menschen. Es geht um Information und Inspiration, um den Austausch von klugen Ideen.”

So war das Beagle in der vergangenen Woche auch ein Anlaufpunkt für Handelsblatt-Abonnenten, die die Gelegenheit nutzten, mit der Redaktion auf Tuchfühlung zu gehen. Für Herausgeber Steingart ist der direkte Kontakt zwischen Journalisten, Experten und Lesern die naheliegende Antwort auf den digitalen Over-Flow. Mit dem Vorort-Terminen und Veranstaltungen des gerade gegründeten Wirtschaftsclubs soll die “Kundenbindung” vertieft werden. Steingarts Ziel ist ein riesiges Wirtschafts-Netzwerk mit hohem individuellen Nutzwert und ebenso hohem gesellschaftlichen Einfluss. Bei der Ausweitung der Offline-Präsenz ist die Auslagerung der Redaktionsarbeit an Brennpunkte des Weltgeschehens ein für den Handelsblatt-Chef ein wichtiger Baustein. Der Brexit-Ausflug könnte dabei nur der Auftakt weiterer Aktionen sein.

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Das Arbeiten in London hat den Redakteuren offenbar auch Einsichten vermittelt, die ohne die Recherche vor Ort und Interviews mit Anhängern der Brexit- wie der Bremain-Fraktion im ganzen Land kaum möglich gewesen wären. Ergebnis war eine differenziertere Berichterstattung als in anderen deutschen Medien, die die Brexit-Anhänger häufig pauschal als tumbes Wahlvolk hinstellten, das Populisten auf den Leim gegangen ist. Steingart selbst, der mit seinem werktäglichen E-Mail-Newsletter Morning Briefing bereits mehr als 600.000 Abonnenten hat, war am frühen Freitag nach der überraschenden Brexit-Mehrheit mit seinem Kommentar den Leitartiklern anderer Qualitätsmedien nicht nur zeitlich einen Schritt voraus, indem er im Votum der Briten auch ein Zeichen des Versagens der EU diagnostizierte: “Mit dem heutigen EU-Europa – das ist die Botschaft dieser historischen Brexit-Entscheidung – ist offenbar kein Staat zu machen. Jedenfalls keiner, der geliebt und geachtet – und gewählt – wird. Wenn man sich im Raumschiff Brüssel einen Restsinn für Wirklichkeit bewahrt hat, müssten heute die Alarmanlagen schrillen. Es wird Zeit für die Erkenntnis, die viele tapfere Vorkämpfer des europäischen Projekts als Zumutung empfinden werden: Nirgends ist man weiter weg von Europa als in Brüssel.” Der EU-Kommission bescheinigte Steingart “höfisches Gehabe” und “administrative Arroganz”. Fazit: “Die Unnachgiebigkeit der EU, die auf jede Integrationsleistung der Bürger mit einer neuerlichen Integrationsanforderung reagiert, ist gestern abgewählt worden.”

Für das Handelsblatt war das Experiment mit der mobilen Redaktion zum Brexit-Referendum ein Aufmerksamkeitserfolg, der branchenweite Beachtung fand. Nicht nur, aber sicherlich auch deshalb, weil am Ende der “Worst Case” eintrat und Großbritannien entgegen nahezu aller Vorhersagen für den EU-Ausstieg stimmte. Eine Redaktion, die in historischen Momenten am Ort des Geschehens ist und unmittelbar berichtet – das war schon früher eine markenprägende Erfolgsgeschichte: etwa 1989 für das damals junge Spiegel TV beim Mauerfall oder für CNN an weltpolitischen Krisenherden der 90er Jahre. Und so gesehen kann das Konzept flexibler und mobiler Redaktionen für die im Transformationsprozess begriffenen Zeitungs- und Zeitschriftenhäuser durchaus ein zukunftsweisendes Erfolgsmodell sein.

 

MEEDIA ist ein Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt.

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Alle Kommentare

  1. “Journalismus live” – Gabor Steingart macht`s den Medien vor ! Gratulation !

    Christian G. Christiansen, Berlin

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