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„Sprung ins Ungewisse“: Wie die Leitartikler der Medien den Brexit kommentieren

„Die europäische Variante des Weltuntergangs wird Wirklichkeit“: Mit drastischen Worten kommentiert Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart den Sieg der Brexit-Befürworter. Fast alle deutschen Leitartikel lehnen die Entscheidung der Briten ab. So meint Stefan Kornelius in der SZ: „Das ist eine Antwort aus dem falschen Jahrhundert“. Die Pressestimmen im Überblick.

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Gabor Steingart, Handelsblatt-Herausgeber, in seinem Morning Briefing (per E-Mail): „Die europäische Variante des Weltuntergangs wird Wirklichkeit: Großbritannien hat mehrheitlich beschlossen, sich selbst zu schaden. (…) Die Unabhängigkeit dürfte Großbritannien mit einer Stagnation bezahlen. (…) Die Verlierer sehen allerdings auch aus wie Sie und ich. Die Europäische Union verliert knapp 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft, 13 Prozent ihrer Arbeitnehmer, 10 Prozent ihrer Soldaten. Und auch 31 Prozent der Marktkapitalisierung am Aktienmarkt gehören mit einem Federstrich nicht mehr zum Club. Dem EU-Haushalt ist über Nacht der nach Deutschland und Frankreich drittgrößte Nettozahler abhandengekommen.

Mit dem heutigen EU-Europa – das ist die Botschaft dieser historischen Brexit-Entscheidung – ist offenbar kein Staat zu machen. Jedenfalls keiner, der geliebt und geachtet – und gewählt – wird. Wenn man sich im Raumschiff Brüssel einen Restsinn für Wirklichkeit bewahrt hat, müssten heute die Alarmanlagen schrillen. Es wird Zeit für die Erkenntnis, die viele tapfere Vorkämpfer des europäischen Projekts als Zumutung empfinden werden: Nirgends ist man weiter weg von Europa als in Brüssel. (…) Die EU der Institutionen und Bürokratien, der Hinterzimmer und der schwer durchschaubaren Prozeduren verkörpert nicht die demokratisch verfassten Vereinigten Staaten von Europa, von denen wir einst geträumt haben. Brüssel ist zur Chiffre administrativer Arroganz geworden, nicht nur in Großbritannien.“

Nikolaus Blome, Bild: „Die schlichte Wahrheit ist: Wenn die EU etwas nutzen soll, hat sie einen Preis – den aber nicht mehr jedes Land zu zahlen bereit scheint, ganz gleich, ob es unter dem Strich ja doch gewinnt. Der britische Bruch mit dieser nüchternen Abwägung markiert den Beginn der vermutlich tiefsten Krise seit Gründung der EU. Denn die EU ist aus Vernunft und Verstand gebaut, nicht aus Gefühlen.“

Stefan Kornelius, Süddeutsche Zeitung: „Die Briten haben sich für den Rückzug entschieden statt für offensive Veränderung. Das ist eine Antwort aus dem falschen Jahrhundert – der Brexit bringt die innere Balance der Union ins Wanken. Wieder einmal hat sich also gezeigt, dass gerade beim Thema Europa ein Funke reicht, um ein flammendes Inferno auszulösen. Nein, die Briten haben wahrlich nicht über irgendwelche Richtlinien oder Kommissionsbefugnisse abgestimmt, sie haben über ihre ureigenen Ängste in einer globalisierten Welt votiert und sich dafür entschieden, mit diesen Ängsten lieber alleine fertigwerden zu wollen.“

Michael Thumann, Die Zeit: „Großbritannien und die USA waren Vorbilder demokratischer Coolness. Nun sind sie in die Falle der Identitätspolitik gegangen. Es siegt die schreiende Unvernunft. (…) Was Großbritannien verloren gegangen ist, ist die nationale Contenance. Man hat sich in die Hysterie über die „EU-Diktatur“ hineingesteigert, bis irgendwann die Abgeordnete Jo Cox verletzt am Boden lag. Dieser politische Mord war zugleich die Beerdigung des coolen, gelassenen Britanniens. Stattdessen auf der Bühne: Briten in Panik. (…) Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: „Wer sind wir?“ und „Was wird aus uns?“ Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus.“

Klaus-Dieter Frankenberger, Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die ‚kleinen Leute‘ haben mit ihrem Votum die Zukunft Großbritanniens und Europas verändert. Genau diese Menschen muss Brüssel jetzt zurückgewinnen. Das geht nur durch mehr Demokratie. (…) Gepaart mit einem ungeheuren Verdruss auf das Establishment, dem viele Wähler nicht mehr vertrauen, hat die Anti-Europa-Stimmung den Sieg davon getragen. (…) das Mehrheitsvotum im Vereinigten Königreich muss jetzt dazu führen, dass, nach einer Phase der Besinnung, das in Angriff genommen wird, was tatsächlich in der EU im Argen wird. Der Verlust von Wählerakzeptanz kann nicht länger einfach ignoriert oder verdrängt werden.“

Beat Bumbacher, Neue Zürcher Zeitung: „Das Mehrheitsvotum im Vereinigten Königreich muss jetzt dazu führen, dass, nach einer Phase der Besinnung, das in Angriff genommen wird, was tatsächlich in der EU im Argen wird. Der Verlust von Wählerakzeptanz kann nicht länger einfach ignoriert oder verdrängt werden.“

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