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„Ich will mir keine ‚herrschende Meinung‘ aufzwingen lassen“ – PR-Experte Hasso Mansfeld über das Spannungsfeld Lobbyismus und Medien

Hasso Mansfeld

Wenn Greenpeace der Süddeutschen Zeitung TTIP-Papiere überlässt oder die Deutsche Umwelthilfe Testergebnisse mit dem Spiegel zusammen veröffentlicht, arbeiten Medien mit Lobby-Organisationen Hand in Hand. Machen sich Medien dabei zu Gehilfen für Lobby-Interessen? Wie weit darf bzw. sollte eine Zusammenarbeit gehen und was haben Ökos eigentlich gegen Bio-Lebensmittel im Discounter? Ein MEEDIA-Gespräch mit dem PR-Experten Hasso Mansfeld.

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Ist es Ihrer Meinung nach ein normaler Vorgang, wenn eine Organisation wie Greenpeace Medien Material zur Verfügung stellt, wie jüngst die TTIP-Dokumente, die Greenpeace an die Süddeutsche Zeitung gegeben hat?

Grundsätzlich muss man sich fragen, ob solche Dokumente legal erworben wurden oder illegal. Darüber hinaus hat jeder dasselbe Recht, seine Perspektive zu vertreten. Wogegen ich mich aber wehre ist, dass die Meinung von Greenpeace und anderer NGOs als besonders interessenunabhängig oder per se als gut wahrgenommen wird. Von den Medien wird oftmals nicht genügend darauf geachtet, dass diese Organisationen natürlich auch ein Partikularinteresse haben. Wenn in Japan ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt und der Herr Sailer vom Öko-Institut (Michael Sailer, Sprecher des Öko-Instituts und von 1999 bis 2014 Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, Anm.d.Red.) als unabhängiger Atom-Experte auftritt, dann fehlen da schlicht Informationen, damit man sich eine fundierte Meinung bilden und die Aussagen einordnen kann. Greenpeace und andere Umweltorganisationen haben jedes Recht, Dinge, die ihnen nicht in den Kram passen, zu skandalisieren. Ich wehre mich aber dagegen, dass das etwas anderes ist, als wenn ein anderer Lobby-Verband so etwas macht.

Geht es bei dem, was Greenpeace & Co. machen nicht auch um eine gesellschaftliche Verantwortung, die angemahnt wird?

Gesellschaftliche Verantwortung? Das ist doch moderner Ablasshandel. Dieser Erpressungsversuch geht so: Man stellt in den Raum, dass es eine „License to Operate“ gibt, die man durch eine Übernahme von sozialer Verantwortung der Gesellschaft „abkauft“. Ich glaube, das eigentliche politische Ziel von NGOs wie Greenpeace oder Campact ist es, die gesamte Art und Weise, wie Landwirtschaft betrieben wird, zu verändern. Und zwar mit dem langfristigen Ziel, dass es weniger Menschen auf der Welt gibt. Dass ist der Kampf zwischen Aufklärung und Gegen-Aufklärung, Voltaire gegen Rosseau.

Dadurch, dass NGOs Medien mit Informationen versorgen, werden die Medien damit automatisch Partei?

Dagegen müssen sich Medien abgrenzen. Es darf kein Kombattantentum entstehen. In dem Zusammenhang müsste man eben auch das Interesse von Greenpeace darstellen. 2011 habe ich mich wirklich aufgeregt, als die Pläne der Atomindustrie bezüglich Lobby und Öffentlichkeitsarbeit von der taz öffentlich gemacht wurden. Das war ein Arbeitspapier einer großen PR-Agentur, das damals seinen Weg in die taz fand. Der Titel der Story in der Zeitung lautete: „Die Geheimpapiere der Atomlobby“. Aber was hat diese Agentur gemacht, die da angebliche „Geheimpapiere“ erstellte: Die hat sehr professionell überlegt, welche Inhalte transportiert werden sollen, mit welchen Leuten geredet wird. Dann hat man eine Liste mit Personen und deren Einstellung zur Atomkraft gemacht. Ganz normales Geschäft. Glauben sie etwa, Greenpeace hat keine solche Liste? Natürlich wissen die auch, welche öffentlichen Personen oder Entscheidungsträger oder Multiplikatoren für oder gegen Atomkraft eingestellt sind. Jedes Unternehmen, jeder Branchenverband, jede NGO hat ein Recht, die eigene Position öffentlich darzustellen. Das, was da mit Bezug auf die Atom-Industrie skandalisiert wurde, war und ist eine Selbstverständlichkeit.

Bei der Spiegel-Titelstory über Abgaswerte bei Opel-Fahrzeugen hat die Redaktion auf Messergebnisse und Recherchen der Deutschen Umwelthilfe zurückgegriffen. Für den Leser war nicht mehr unbedingt erkennbar, wer als Absender der Informationen auftritt: Die Redaktion oder eine Lobby-Gruppe, die hier gleichsam als eine Art unabhängige, technische Prüf-Instanz eingeführt wurde.

Man muss von dem Medium erwarten, dass sie sich von solchen Interessen abgrenzen. Auch und gerade, wenn man mit ihnen zusammenarbeitet oder deren Ergebnisse und Informationen nutzt. Um investigativ tätig zu sein, braucht man zwar auch Nähe. Am Ende muss sich der Journalist und das Medium aber professionell gegenüber dem Objekt der Berichterstattung und in solchen Fällen auch der Quelle abgrenzen. Das Medium darf keine eigene Agenda verfolgen und die Agenda des Informanten nicht verschleiern. Das ist ein wichtiger Punkt auch bei der Berichterstattung über die AfD. Es ist nicht Aufgabe der Medien irgendjemanden „besonders“ zu entlarven. Es gilt, die CDU, die FDP, die Grünen, die Linken und die AfD alle gleichermaßen zu entlarven, bzw. über sie zu berichten.

Ein oft gehörter Vorwurf gegen Medien lautet, dass es eine Art „linkes Meinungskartell“ gibt …

Hinter den Medien stehen immer Menschen. Der überwiegende Teil der Journalisten fühlt sich den traditionellen Parteien nahe, also den Grünen, der Sozialdemokratie oder auch der CDU. Das hat viel mit Sozialisation zu tun aber auch damit, dass es Partei- und Gewerkschaftsstiftungen gibt, die Stipendien vergeben und Weiter- und Fortbildung betreiben.

Aber gibt es diesen „Linksdrall“ der Medien ihrer Beobachtung nach?

Es ist wohl menschlich, eher der Position eines Umweltschützers glauben schenken zu wollen als der eines Waffen-Lobbyisten. Auch wenn es vielleicht gute und nachvollziehbare Gründe gibt, für eine Waffenproduktion im eigenen Land zu argumentieren: Wenn wir der Meinung sind, dass unsere Demokratie wehrhaft sein muss, dann brauchen wir Waffen. Wo sollen die herkommen? Die muss ja jemand herstellen oder sollen wir die von Russland kaufen? Aber es ist leider ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, dass Geldverdienen an sich diffamiert wird. Das sehen Sie schon an der Rhetorik, wenn beispielsweise von einem „Milliarden-Geschäft“ die Rede ist. Es ist doch eigentlich gut. Wenn ein Milliarden-Geschäft in Deutschland getätigt und versteuert wird. Das ist die Grundlage des Gemeinwohls. Ich meine, Unternehmen haben keinerlei soziale Verantwortung. Der moralische Wert der Unternehmen entsteht einzig aus den Ergebnissen, welche sie produzieren: Waren, Dienstleistungen, Beschäftigung und Steuerzahlungen. Und natürlich hat ein Unternehmen das Recht die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Es muss es nur transparent machen.

Finden Sie tatsächlich, dass der Begriff „Milliarden-Geschäft“ negativ belegt ist?

Ja, absolut. Das oberste Unternehmensziel ist einzig und allein die Gewinnmaximierung, allerdings im Wettbewerb und im Rahmen der bestehenden Gesetze: die betriebswirtschaftliche, system-immanente Gewinn-Orientierung. Aber wenn der Begriff „Milliarden-Geschäft“ fällt, ist es nicht weit bis zur „Profit-Maximierung“ und danach kommt schon relativ schnell die  „Profit-Gier“. Mit solchen Kampfbegriffen wird Politik gemacht. Auf der anderen Seite steht dann der Altruist, der im Sinne des „Wahren, Schönen und Guten“ agiert. Das „Wahre, Schöne und Gute“ gibt es aber nicht. Es gibt immer ein Geben und Nehmen. Und: zu jeder Überzeugung gibt es immer eine Gegen-Überzeugung. Das kann man heutzutage sehr schön bei Facebook lernen, das muss man akzeptieren. Niemand macht etwas ohne Grund und wenn jemand einen solchen isolierten Altruismus praktizieren würde, dann müsste man den einsperren, weil er eine Gefahr für die Gesellschaft wäre. Und was Kampf-Begriffe betrifft: Nehmen Sie eine Schlagzeile wie „Das Geschäft mit dem Hunger“ zu einem Artikel bei dem es um Agrarkonzerne geht. Die andere Perspektive ist doch, dass die Agrarunternehmen einen konstruktiven Beitrag zur Welternährung liefern und dafür natürlich auch entlohnt werden müssen, da sie ja ansonsten keine Motivation hätte das Geschäft zu betreiben. Es gibt immer mindestens zwei Seiten. Das wird leider oft ausgeblendet.

Sie meinen, auch jemand, der im allgemein akzeptierten Sinne „Gutes tut“, also etwa spendet oder sich sozial betätigt, möchte vielleicht Anerkennung erfahren oder sich gut dabei fühlen, verfolgt also auch „egoistische“ Ziele …

Klar tut er das. Wer sich etwa in demonstrativer Bescheidenheit übt, erwartet eine anerkennende Reaktion der Gesellschaft. Es ist eben einfacher und man erhält mehr Applaus, wenn man sich auf die Ebene von Greenpeace begibt als auf die des Waffenherstellers. Mir ist es wichtig, dass es immer eine Debatte mit Argumenten und Gegen-Argumenten gibt. Ich will mir keine „herrschende Meinung“ aufzwingen lassen. Als Selbstständiger kann ich mir zum Glück aussuchen, für wen ich arbeite, das kann ein Angestellter nicht unbedingt. Ich kann sagen: Ja, den Finanzdienstleister vertrete ich aber die Windkraft-Lobby auf keinen Fall.

Was haben Sie gegen Windkraft?

Ich gehe gerne in den Wald und mein Erholungsraum wird da zerstört. Und zwar von den Leuten, die mir jahrzehntelang erzählt haben, welche Wertschätzung man ebendiesem Raum entgegenbringen muss. Je mehr wir von den Windrädern aufstellen, desto teurer wird das Ganze. Windkraft kann nur funktionieren, weil der Wettbewerb ausgeblendet wird. Es wird festgesetzt, was dafür bezahlt werden muss und der Strom wird auch noch vorrangig ins Netz eingespeist. Das gesamte System wird rund um diese fehlende Wettbewerbsfähigkeit aufgebaut. Da bin ich prinzipiell dagegen. Das Ganze hat auch noch einen ästhetischen Hintergrund: Überall werden diese Dinger hingebaut. Und nachts blinken einem dann noch diesen roten, dämonischen Lichter entgegen. Aber im ernst: Ich bin dagegen, dass Ideologie die Wirtschaftspolitik beherrscht. Dafür ist die Windkraft leider ein aussagekräftige Beispiel.

Bei der medialen Kampagne gegen das Pflanzenschutzmittel Glyphosat – haben da Ideologien und Medien Ihrer Meinung nach auch Hand in Hand gearbeitet?

Ja, das liegt daran, dass man sagt, etwas ist „wahrscheinlich krebserregend“. Das wird aber nicht als wissenschaftliche Kategorie der WHO verstanden, sondern publizistisch genutzt und ausgeschlachtet. Glyphosat wird von den NGOs nicht deshalb bekämpft, weil es krebserregend ist, sondern weil es wirtschaftlich erfolgreich ist. Warum ist es wirtschaftlich erfolgreich? Weil es sich auf dem Markt durchgesetzt hat! Der Landwirt ist doch kein Depp, der will ein Herbizid haben, das eine geringe toxische Mobilität gegenüber Tieren aufweist. Wenn der seine Pflanzen damit behandelt, will er sicherstellen, dass er seine Tiere nicht vergiftet. Glyphosat hat sich durchgesetzt, weil es das beste Herbizid ist, das wir kennen: hochwirksam, kostengünstig und für Tiere nicht giftig. Aber in der Berichterstattung werden dann Begriffe benutzt wie „der Pflanzenkiller“. Unkraut oder – politisch korrekt ausgedrückt – Acker-Beikräuter kann man entweder elegant chemisch „killen“ oder man kann sie umpflügen oder ausreißen. Das ist aber genauso ein Töten dieser Pflanzen. Letzteres wird aber von Ideologen und auch Medien dann gerne romantisiert als Bild einer „ursprünglichen“ Landwirtschaft. Tot ist die Pflanze dann so oder so. Schon Jesus sagte: „Das Weizenkorn muss sterben, damit es viele Früchte bringt.“

Da sind wir wieder bei Ihrer These, dass die NGOs einen Paradigmenwechsel bei der Landwirtschaft herbeiführen wollen.

Es geht hier um ein ideologisches Gesamtziel der NGOs. Die sind schlicht gegen die Art und Weise, wie industrielle Landwirtschaft betrieben wird. Je mehr Menschen es auf der Welt gibt, desto mehr Ressourcen werden verbraucht. Die Rechnung ist einfach: Die Öko-NGOs wollen weniger Menschen haben und mehr Natur. Im Rosseau’schen Sinne also eine regulierte Freiheit. Und zwar so reguliert, wie sie das wollen. Ich habe mal vor Jahren am ersten Konzept für ökologisches Obst und Gemüse in deutschen Supermärkten mitgewirkt. Die Öko-Szene hat wie wild dagegen gewettert. Weil es eben für den konventionellen Lebensmitteleinzelhandel  war und damit für alle verfügbar. Damit war das für diese Leute, die sich sich durch den Verzehr von Bio-Lebensmitteln als bessere Menschen inszenieren wollen, nicht mehr exklusiv genug. Es geht hier auch um eine weltanschauliche Abgrenzung gegenüber anderen, darum  als besserer Mensch dazustehen. 

Heute gibt es Bio in jedem Discounter. Haben Sie also gewonnen?

Die Öko-Lobby ist nach wie vor bestrebt, den Wettbewerb klein zu halten. Es geht natürlich auch um wirtschaftliche Interessen, denn man hat hat sich sehr bequem in einem Nischenmarkt eingerichtet. Wenn man bei größerer Nachfrage ein begrenztes Angebot hat, ist das für die Produzenten von großem Vorteil. Diese Partikularinteressen sind aber mit starken weltanschaulichen Aspekten verknüpft. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder hat das Recht, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Aber ich finde es problematisch, wenn das zur Ideologie erhoben wird und dann auch noch zur einzig wahren und gültigen. Wenn wir das Wort Wahrheit komplett aus unserem Wortschatz streichen würden, gäbe es weniger Kriege und Auseinandersetzungen. Wenn man dem anderen einfach zugesteht, dass jeder seine persönliche Wahrheit hat. Toleranz kann nur durch die Negierung von absoluter Wahrheit entstehen. 

Kritiker werfen den so genannten „Mainstreammedien“ gerne vor, selbst solche „absoluten Wahrheiten“ zu verbreiten. Ein Vorwurf in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Berichterstattung immer kommentierender wurde.

Das hat viel mit dem Auftritt der FTD (Financial Times Deutschland) zu tun. Damals ging das los Meinung und Nachricht zu vermischen. Die Bilder auf der Titelseite der FTD waren häufig kommentierend. Zu einer Titelgeschichte über Hedgefonds hat man eine rote Warnlampe gezeigt. Was hat so etwas da zu suchen? Da hieß es, das sei eben die moderne Art Zeitung zu machen, man trenne jetzt nicht mehr. Ich glaube schon, dass an einer Trennung festzuhalten ist. Man muss sich als Medium nämlich auch gegenüber sich selbst abgrenzen. Die von ihnen angesprochene Kritik sollte man daher meines Erachtens ernst nehmen.

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Für MEEDIA ist er in unregelmäßigen Abständen als Gastautor tätig.

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