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„Talkgast mit meisten Falschaussagen“: Petrys „Pinocchiopresse“-Vorwurf und eine Untersuchung mit Macken

"Pinocchiopresse": Petry greift die Kölner Journalistenschüler an

Die Kölner Journalistenschule wollte überprüfen, wie genau es Deutschlands Spitzenpolitiker mit der Wahrheit nehmen und hat dazu deren Aussagen in den vier großen TV-Talkshows überprüft. Heraus kam: Frauke Petry ist Spitzenreiterin im negativen Sinne. Prompt kritisierte sie handwerkliche Fehler der „Pinocchiopresse“. Tatsächlich weist die Recherche Mängel auf.

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Dass die Schüler der Kölner Journalistenschule mit ihrem Projekt für Furore im rechtspopulistischen Lager sorgen würden, schwante ihnen bereits vor der Veröffentlichung von Faktenzoom.de. Mit ihrer Recherche wollten die Journalisten nachweisen, wie oft Politiker mit ihren Tatsachenbehauptungen in TV-Talkshows richtig oder daneben liegen. Ausgerechnet AfD-Frontfrau Frauke Petry, deren Partei immer wieder von der „Pinocchiopresse“ spricht, überführten sie dabei als Gesprächspartnerin mit den meisten Falschaussagen.

Es war zu erahnen, dass die Bundessprecherin der Alternative für Deutschland die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen würde. Kurz nach Launch der KJS-Recherche meldete sich die Politikerin bei Facebook zu Wort und keilte gegen den journalistischen Nachwuchs. Die Untersuchung sei ein „ein Produkt aus einer schwer zu entwirrenden Mischung aus Dummheit, Anmaßung und Gesinnungsstrebertum“. Petry wirft den Journalisten vor, unsauber gearbeitet und Aussagen, die mit Leichtigkeit zu überprüfen gewesen seien, als „nicht prüfbar“ aussortiert zu haben. Das Ergebnis sei so verfälscht worden.

Um dies zu verstehen, muss man sich mit den Details der Recherche auseinandersetzen, die Faktenzoom öffentlich zugänglich gemacht hat: Die Journalistenschüler haben im Zeitraum Dezember bis März die Tatsachenbehauptungen der meistgeladenen Politiker einer jeden Partei dokumentiert. Konzentriert haben sie sich dabei auf die vier großen Talkshows „Anne Will“, „Menschen bei Maischberger“, „hart aber fair“ und „Maybrit Illner“. 701 Aussagen wurden dabei notiert. Nur die Hälfte davon wurde allerdings überprüft. Wieso? Die KJS erklärt: Der Rest der Äußerungen sei im Rahmen der „Allgemeinbildung“ sowie „ungenaue“ Aussagen gewesen.

Wenn Christian Lindner (FDP) also zum Beispiel sagt, dass Griechenland im Euro verblieb, ist das zwar wahr, aber gleichzeitig allgemein bekannt und wird damit nicht berücksichtigt. (…)
Wenn Armin Laschet (CDU) erklärt, aus welchen Gründen Nordafrikaner nach Deutschland fliehen, ist das eine Aussage, die wir nicht kompetent belegen oder widerlegen können.

Wieso Allgemeinwissen nicht gewertet worden ist, lassen die Journalistenschüler unverständlicherweise völlig offen.

Von den 701 Aussagen entfielen auf Frauke Petry 86, von denen laut KJS 38 geprüft worden seien. Von diesen 38 Aussagen sind letztlich 26,3 Prozent als „überwiegend falsch“ oder „falsch“ eingestuft worden. Wie genau zwischen diesen beiden Kategorien unterschieden worden ist, hat Faktenzoom.de nicht nachprüfbar festgelegt.

Gestritten wurde nun zunächst über die Frage, was mit den als „nicht prüfbar“ oder „nicht belegt“ eingestuften Aussagen passiert ist. In einem ersten Vorwurf kritisierte Petry, dass diese Aussagen automatisch als „falsch“ deklariert worden seien. Korrekt ist das nicht. Die Relativ-Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die überprüften Aussagen. Der Rest ist bei der Untersuchung schlicht und ergreifend unter den Tisch gefallen. Das lässt Raum für weitere Konflikte bei der Interpretation der Zahlen. So würde das Ergebnis ins Negative verfälscht, wenn Aussagen zwar von den Schülern als „nicht prüfbar“ eingestuft werden, aber trotzdem wahr (oder „überwiegend wahr“) sein könnten.

Von Petry angeführt wird beispielsweise eine Aussage zur Berichterstattung über die Silvesternacht in Köln, wo es zu massiven Übergriffen auf Frauen gekommen war. In der Sendung von Sandra Maischberger sagte Petry am 27. Januar:

Die Medien haben zunächst zögerlich über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht berichtet.

Für die Journalistenschüler war dies „nicht überprüfbar“.

Diese Entscheidung ist schwer nachvollziehbar: Die Berichterstattung der Medien wurde mehrfach kritisch begleitet, von MEEDIA aber auch von anderen wie beispielsweise der Süddeutschen Zeitung (wie Petry ebenfalls argumentiert). Petry kritisiert: Allein die Beobachtungen seien als ausreichende Sekundärquellen zu sehen und die Aussage damit belegbar.

Auf Nachfrage erläutern die Schüler ihre Entscheidung:

Für uns blieb offen, wen sie mit „die Medien“ meint. Lokale Medien wie der Kölner Stadtanzeiger und die Kölnische Rundschau berichteten schon am Nachmittag des 01.01.2016 über die Übergriffe am Hauptbahnhof. Andere überregionale Medien erst später.

Dass die Medien ihr eigenes Handeln kritisch hinterfragt haben, zeigte beispielsweise eine Stellungnahme des ZDF, in der sich der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen sogar für die Zögerlichkeit entschuldigte. Mehrfach wurde auch dem WDR der Vorwurf gemacht, zu lange untätig gewesen zu sein. Dazu kommentierte Faktenzoom gegenüber MEEDIA:

Auch ein Chefredakteur, der Fehler kritisiert, bildet unserer Meinung damit ein Werturteil. Als Beleg für eine Tatsachenbehauptung reicht uns das nicht aus.

In der Tat ist den Kölner Lokalmedien kein Vorwurf einer verzögerten Berichterstattung zu machen. Allerdings lässt sich doch die Frage stellen, ob diese wenigen Beispiele bundesweit so schwer ins Gewicht fallen können, dass die Petry-Aussage als „nicht überprüfbar“ eingestuft wird. Zumindest hätte stärker abgewogen werden müssen, ob eine Pauschalisierung seitens Petry nicht legitim gewesen ist. Sie hätte auch als „überwiegend wahr“ eingestuft werden können. „Nicht prüfbar“ war sie jedenfalls nicht.

Ein weiteres Manko des Projekts der Journalistenschule: drei Ergebnisse mussten nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet werden. Im Fall Petry wurde eine Aussage als falsch klassifiziert, die – bei ganzheitlicher Betrachtungsweise – allerdings richtig ist. Dabei ging es um die Behauptung:

Die Türkei hat fast 10000 Kilometer Grenze

Die Schüler erachteten diese Aussage als falsch und beriefen sich auf die ca. 2.800 Kilometer lange (Fest-)Landesgrenze. Inklusive der türkischen Gewässer ist die (See-)Grenze allerdings tatsächlich um die 10.000 Kilometer lang. Bei dem Fehler hat es sich vielleicht nur um ein Missverständnis gehandelt, doch bieten solche Fehler eben Angriffsflächen.

An der Journalistenschule verteidigt man sich mit der Transparenz der eigenen Arbeit. Die Kriterien, nach denen entschieden worden ist, seien für jeden nachvollziehbar, heißt es. Die Kritik von Petry habe man zur Kenntnis genommen. „Wir werden auch weiterhin auf sachliche Kritik eingehen und diese prüfen“, heißt es. Petrys öffentliche Reaktion könne man aber nicht unbedingt nachvollziehen.

Vor der Veröffentlichung hatten alle Parteien zum gleichen Zeitpunkt fünf Tage Zeit, auf die Rechercheergebnisse und Bewertungen zu reagieren. Die AFD ist auf insgesamt fünf Behauptungen eingegangen, alle anderen blieben unbeantwortet. Alle Stellungnahmen haben wir geprüft und Korrekturen, die sich als richtig erwiesen, in unsere Dokumente vor der Veröffentlichung eingearbeitet.

Im Vorfeld habe die AfD das Projekt sogar noch gelobt, beteuern die Journalistenschüler: „Die Pressestelle der AfD (…) schrieb, Faktenzoom könne für mehr Transparenz sorgen und bewirken, dass Politiker aller Couleur mehr darauf achten, welche Inhalte sie verbreiten.“

Tatsächlich erweckt das Verhalten Petrys den Eindruck, als sei die Politikerin – die die Ergebnisse der Recherche ja bereits kannte – hier kalkuliert vorgegangen. So erschien ihr Posting sehr kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Faktenchecks. Hätte Petry erst nach Veröffentlichung die 86 Aussagen gesichtet, wäre eine Reaktion wohl erst später möglich gewesen. Bis auf den diskussionswürdigen Aspekt zur Kölner Silvesternacht nennt Petry aber auch keine weiteren Fakten, die Recherchefehler der KJS-Journalisten belegen.

Nun ist Petry nicht dafür verantwortlich, den Rechercheuren die Arbeit abzunehmen und – nur weil sie vielleicht nicht fleißig genug waren – ihre Faktenlage zu präsentieren. Allerdings kritisiert sie hier besonders harsch Recherchen, denen sie auch im Nachhinein nichts Konkretes entgegenzusetzen hat.

Gegenüber MEEDIA verteidigt Schulleiter Ulric Papendick die Recherche. „Frau Petry musste ihre Kritik in einem zweiten Posting revidieren. Sie hat unseren Schülern vorgeworfen, Fakten als falsch kategorisiert zu haben, die gar nicht in die Bewertung eingeflossen sind.“ Darüber hinaus pflege die Schule mit ihrem Projekt eine besondere Form der Transparenz und habe nicht nur Rechercheentscheidungen nachvollziehbar gemacht, sondern sei auch mit Fehlern offen umgegangen. „Dass bei über 700 Aussagen mal ein Fehler passiert, halte ich nicht für vermeidbar“, so Papendick weiter. Die „nicht prüfbaren“ Aussagen hätte man aus Mangel an Argumenten auch als „falsch“ werten können.

Dass die Jungjournalisten neben Petrys Ergebnissen – die auch in der nachgebesserten Version weiterhin negative Spitzenreiterin bleibt – auch das Ergebnis von Grünen-Politikerin Katrin Göhring-Eckhardt korrigieren mussten, steht dem Projekt dann allerdings nicht so gut.

Update:

Harsche Kritik gibt es nicht nur von Petry, sondern auch von anderen Seiten. Der Journalist Norbert Häring hat sich die von der KJS als „falsch“ deklarierten Aussagen vorgenommen und ebenfalls geprüft. Sein Ergebnis: Söder äußerte sich zugespitzt, aber in den meisten Fällen korrekt. Für lediglich eine Aussage fand Häring keine Bestätigung.

Auch Stefan Niggemeier geht bei Übermedien auf den Faktenzoom ein und kritisiert vor allem das Handwerk. Der gesamte Check sei voller „Ungereimtheiten“. So seien eigentliche Zitate von der Redaktion umgedichtet worden. Diese seien zwar zur Autorisierung vorgelegt worden. Allerdings hätte sich kein Poltiker – Frauke Petry beispielsweise hat es auch nicht – die Mühe machen müssen, veröffentlichte Aussagen freizugeben.

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