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Presserat weist Vorwürfe von Bild.de-Chef Reichelt zurück: „Geht in eine gesinnungspolitische Richtung“

Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt (l.), Presserat-Geschäftsführer Lutz Tillmanns

Bild Digital-Chefredakteur Julian Reichelt hat den Deutschen Presserat wegen der Missbilligung eines Bild.de Artikels öffentlich scharf kritisiert und dem Gremium vorgeworfen, sich zum „Handlanger der Kreml-Propaganda zu machen“. Gegenüber MEEDIA weist Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Presserats, die Vorwürfe Reichelts zurück: „Was Herr Reichelt da schreibt, geht doch sehr in eine gesinnungspolitische Richtung.“

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Den Presserat „in eine pro-russische Ecke zu stellen, geht weit am Ziel vorbei“, so Tillmanns zu MEEDIA. Grund für den Streit ist eine Missbilligung, die der Presserat für den Artikel „Nach der Einigung von München – Putin und Assad bomben weiter!“ vom 12 Februar 2016 ausgesprochen hat. Im Artikel schildert der Bild-Reporter Julian Röpke, wie Bomben-Angriffe der syrischen und russischen Luftwaffe zahlreiche zivile Opfer fordern, obwohl zuvor eine Einigung zwischen den am Syrien-Konflikt beteiligten Staaten erzielt wurde, dass binnen einer Woche Kampfhandlungen zu reduzieren sind.

Ein Beschwerdeführer hatte beim Presserat moniert, Bild würde in dem Text behaupte, dass es eine Feuerpause gebe, die gebrochen wurde. Das stimme aber nicht. Zwar behauptet der Bild-Text dies nicht explizit, der Presserat war aber der Auffassung, dass ein „durchschnittlich verständiger Leser“ diesen Eindruck gewinnen kann und sprach eine Missbilligung wegen mangelnder journalistischer Sorgfalt aus.

Reichelt geißelt die Entscheidung und Begründung des Presserats in einem Schreiben, das er auf Twitter veröffentlichte, als „inhaltlich grotesk und moralisch obszön“. Außerdem sei die beanstandete Bild.de-Berichterstattung „in Fakten und Interpretation absolut wahrheitsgetreu“. Vom Presserat forderte er eine Entschuldigung und Rücknahme der Entscheidung. „Wenn Herr Reichelt meint, dass diese Missbilligung ungerechtfertigt erfolgt ist, steht es ihm frei, ein Wiederaufnahmeverfahren anzustreben“, so Tillmanns.

Der Geschäftsführer des Presserats sagte zu den Vorwürfen Reichelts zu MEEDIA: „Der Presserat hat auf eine Beschwerde hin eine Prüfung vorgenommen und eine einstimmige Entscheidung getroffen. Es geht hier nur um die handwerkliche Verfahrensweise der Redaktion. Und die haben wir in diesem Fall für fahrlässige fehlerhaft gehalten. Für einen normalen, nicht vorinformierten Leser muss der Bild.de-Bericht gewirkt haben, als sei es ein Bruch der Feuerpause. Wir machen uns selbstverständlich nicht zum Büttel eines Beschwerdeführers.“

Gegen diese Einschätzung spricht, dass das deutschsprachige Kreml-Propagandamedium Russia Today (RT) aus der öffentlich gewordenen Missbilligung mit einem agitatorischen Beitrag bereits Kapital schlägt. In dem vor Häme und persönlicher Diffamierung gegen den Bild.de-Chef strotzenden Artikel werden Reichelt wegen seiner Kritik an der Presseratsentscheidung u.a. „abwegige Halluzinationen“ unterstellt. Der Presserat sollte sich fragen, ob da nicht die Falschen einer umstrittenen Entscheidung Applaus spenden.

(swi)

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