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Keine Flitzer, keine politischen Plakate, keine Gewalt: wie die UEFA die TV-Bilder kontrolliert

Nur mit einer Extra-Kamera konnte die ARD die Gewalt im Stadion in Marseille filmen
Nur mit einer Extra-Kamera konnte die ARD die Gewalt im Stadion in Marseille filmen

Am Ende der EM-Partie zwischen Russland und England eskalierte am Samstag die Gewalt auf den Rängen des Stade Vélodrome in Marseille. Die Zuschauer an den TV-Geräten sahen davon nichts, weil die UEFA die Schlägereien auf der Tribüne über die internationale Bildregie ausblendete. Die daraus resultierende Debatte ist nicht neu. Sie brandet alle zwei bzw. vier Jahre wieder auf. Am einfachsten wäre es gewesen, wenn das ZDF die Szenen selbst gefilmt hätte. Das erlaubt die UEFA. Aber das wollten die Mainzer offenbar nicht.

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Es erinnert ein wenig an den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier”. Bei jedem Fußball-Großereignis wird die veranstaltende Organisation, ob nun FIFA oder UEFA, dafür kritisiert, dass sie alle negativen Vorkommnisse in den Stadien für den normalen Fernsehzuschauer einfach ausblendet.

Ob nun Flitzer, bengalische Feuer, politische Plakate oder rüde Tribünen-Schlägereien. Alle Bilder, die das Produkt Fußball beschädigten könnten, werden von den Verbänden systematisch aus dem internationalen Bildsignal rausgehalten.

So ging es gegen Ende der Partei zwischen Russland und England in einigen Blöcken des Stadions in Marseille richtig brutal zur Sache. Im Fernsehen war davon aber nichts zu sehen. Lediglich ein Tribünenabschnitt, der bereits zum Abpfiff wie leergefegt war, fiel einigen TV-Zuschauern auf. Die TV-Kameras konzentrierten sich zu diesem Zeitpunkt alle auf das Geschehen auf dem Spielfeld. Es waren jubelnde Russen zu sehen, die den späten 1:1-Ausgleich feierten und traurige Engländer.

Wenn ZDF-Reporter Oliver Schmidt nicht detailliert von der Pressetribüne aus berichtet hätte, was er mit dem bloßem Auge sieht. Nämlich prügelnde Fans, fliehende Familien und überforderte Sicherheitskräfte, dann hätten die meisten deutschen Zuschauer davon nichts mitbekommen. Über die Randale vor dem Spiel, ob nun auf dem Stadionvorplatz oder am Hafen, hatten alle Nachrichten davor und danach groß berichtet.

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Verantwortlich für das Aussperren der Negativ-Bilder aus dem Stadion ist die UEFA. Der Verband macht dies aber nicht heimlich, sondern folgt dabei seit Jahren dem selben Prozedere und der selben Argumentation: “Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind”, teilten die Funktionäre am Sonntag mit. Denn die Fußball-Manager fürchten sich vor Nachahmungseffekten. Deshalb blenden sie lieber die Realität aus und zeigen keine Flitzer, keine Gewalt und keiner Böller.

Bereits bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz vor acht Jahren gab es diese Debatte. Seitdem ist es den übertragenden Sender erlaubt, mit eigenen Kameras das Geschehen außerhalb des Platzes zu zeigen. Das tat das ZDF am Samstag nicht. Einzig Oliver Schmidt erklärte den Zuschauer, was er sieht.

Theoretisch ist es den TV-Partnern erlaub, mit bis zu zehn eigenen Kameras vor Ort zu filmen. In Marseille hatten die Mainzer ein Extra-Team im Stadion. Dessen Aufgabe waren allerdings Interviews und Einschätzungen nach dem Spiel einzufangen. Tatsächlich war die ARD jedoch auch mit einer Kamera im Stade Vélodrome. Diese Aufnahmen veröffentlichte nun Das Erste exklusiv. Allerdings erst viele Stunden nach den Ausschreitungen.

Wie es auch geht, zeigt übrigens die Deutsche Fußball Liga. Auch die DFL produziert das Bild-Signal in Eigenregie. Trotzdem ist es der deutsche TV-Zuschauer gewöhnt, auch stets die Fans auf den Tribünen zu sehen, die es mit dem bengalischen Feuer übertreiben. Auch andere Ausschreitungen werden hierzulande selbstverständlich gezeigt.

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Alle Kommentare

  1. Es sollte sich nicht die Frage stellen, ob dies alles gezeigt werden muss. Denn eigentlich sind jene Bilder die wir empfangen, zensiert. Zensur ist immer etwas, was einen üblen Beigeschmack erzeugt. Mittels der Zensur schafft man im Grunde eine eigene Realität, die nicht dem entspricht, was Vorort stattfindet.

    Deutlich war dies wieder zu erkennen, als die Fanausschreitungen im Englandspiel samt Flitzer nicht gezeigt wurden. Ein Reporter des ZDF schilderte die Ereignisse, da sie bildlich nicht zu sehen waren. Damit beschädigt sich die UEFA selbst. Sie entzieht sich einer Authentizität, die zum Sport gehört. Zu dieser gehören alle Vorfälle ob negativ oder positiv. Zumal die Zensur noch offensichtlicher wird, wenn die Sendung sprachlich zu einem Radioreport wird. Es wirkt dann nur mehr peinlich, nicht das zu sehen, was alle Menschen im Stadion ja ohnehin sehen.

    Sport ist ein emotionales Ereignis, ein künstlich erzeugtes Bild einer Begegnung bringt nichts, sie nimmt der Sportübertragung ihren Wert. Natürlich sind Ausschreitungen, sprich negative Bilder nicht gerade etwas was der Sport braucht, es gehört aber zu einer Berichterstattung dazu dies auch zu zeigen. Der Imageschaden für den Fußball lässt sich nicht durch Zensur der eigenproduzierten Bilder verhindern. Es mutet eher beängstigend dumm an, wie die Bilder von Fußballgroßereignissen immer mehr und mehr gefiltert in die Wohnstuben gelangen. Homogenität ist etwas, was für Sportübertragungen extrem schädlich ist. Durch Zensur will man Homogenität der Bilder erreichen; man will wenn überhaupt, dann saubere Emotionen zeigen. Genauso sauber haben die Stadien zu sein, mit ihren immergleichen blauen Überzug und der personalisierten Bandenwerbung. Die Kommerzialisierung schreitet weiter und weiter. Fragt sich nur, was sie auch den Sport selbst empfindlicher trifft als ohnehin schon.

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