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Jacob Appelbaum und Gina-Lisa Lohfink: Sex als Ware und Waffe im Netz und in den Medien

Sexueller Rufmord im Netz: Hacker Jacob Appelbaum, Gina-Lisa Lohfink
Sexueller Rufmord im Netz: Hacker Jacob Appelbaum, Gina-Lisa Lohfink

Die Missbrauchs-Vorwürfe gegen den prominenten Hacker Jacob Appelbaum und der Vergewaltigungs-Prozess rund um die TV-Persönlichkeit Gina-Lisa Lohfink haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Und doch werfen diese Fälle ein Licht auf den problematischen Umgang der Netz-Öffentlichkeit und der Medien mit der Intimsphäre.

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Jacob Appelbaum ist ein prominenter Hacker und wohl das, was man einen Netz-Aktivisten nennt. Er hat bei der Enthüllungsplattform Wikileaks mitgearbeitet, hat für die Mitarbeit bei den NSA-Enthüllung des Edward Snowden einen Henri Nannen Preis erhalten, war Autor für den Spiegel und gerne gebuchter Keynote-Speaker. Seit einigen Tagen nun lässt sich beobachten, wie der Ruf des Jacob Appelbaum konsequent den Bach runtergeht.

Das Internet-Sicherheits-Projekt Tor, für das er lange Zeit gearbeitet hat, trennte sich von ihm wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung. Fast gleichzeitig tauchte im Netz eine anonyme Pranger-Website auf, auf der zahlreiche Geschichten, rund um angebliche Übergriffe des Jacob Appelbaum geschildert werden. Das US-Webmagazin Gizmodo, das zum gerade pleite gegangenen Netzwerk rund um die Klatsch- und Tratschseite Gawker gehört, veröffentlichte die Schilderungen von drei Augenzeugen, die Appelbaum dabei beobachtet haben wollen, wie er in Hamburg nach einem Hacker-Kongress eine Frau sexuell belästigte. Appelbaums Ex-Freundin, die Programmiererin Leigh Honeywell, veröffentlichte einen Blog-Beitrag mit allerlei intimen Details und Vorwürfen gegen Appelbaum. Es ist, als habe man eine Kiste geöffnet und heraus quillt Unappetitliches. Appelbaum bestreitet strafrechtlich relevante Übergriffe und kündigte an, rechtliche Schritte einzuleiten. Aber das interessiert kaum. Sein Ruf ist mittlerweile schon gründlich und effizient ruiniert. Die Effekte nicht kontrollierbar. Offenbar wurde die Hausfassade seiner Wohnung in Berlin schon mit der Parole „Ein Vergewaltiger wohnt hier“ beschmiert. Wenn man jemanden fertig machen will, sind Sex-Vorwürfe und das Internet eine unschlagbare Kombination.

Weltweit griffen zahlreiche Medien den Fall Appelbaum auf und erzählten minutiös die anonymen Vorwürfe nach. Nicht selten auch mit einer gewissen Spitzfingrigkeit. Man wisse ja nicht was da dran sei und so eine anonyme Prangerseite ist ja eigentlich auch nicht schön. Aber wenn man schon mal dabei ist, wird dann doch detailliert nacherzählt, was da so alles steht. Der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk bot in seiner Sendung Zündfunk sogar noch „die Transperson Natanji“ auf, die erklärte, warum das mit dem anonymen Rufmord in diesem speziellen Fall schon ganz OK ist. Kurzfassung: Was hätten die Opfer denn machen sollen, die meisten Vorwürfe seien ja „strafrechtlich gar kein Problem.“ Aber weil das so viele sagen „denkt“ „Natanji“, dass die Vorwürfe berechtigt sind. Ach so. Na dann.

Dass sich mittlerweile die angeblich von Appelbaum in Hamburg belästigte Frau via Internet und mit einer schriftlichen Aussage zu Wort gemeldet hat und erklärt, es habe gar keine Belästigung stattgefunden und eine ganze Reihe von Aktivistinnen, die behaupten Appelbaum gut zu kennen, diesem ebenfalls öffentlich zur Seite springen (hier ein lesenswerter Text von Don Alphonso bei der FAZ zum Thema), wird von den Medien wenn überhaupt achselzuckend als Update unter die ursprünglichen Sex-Stories gepackt. Nicht selten versehen mit dem Hinweis, man könne die Echtheit solcher entlastender Äußerungen nicht verifizieren.

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Ganz anderer Fall: Die deutsche Reality-TV-Person Gina-Lisa Lohfink hat ausgesagt, im Jahr 2012 von zwei Männern in einem Hotelzimmer in Berlin vergewaltigt worden zu sein. Die Männer haben ein Handyvideo von dem Treffen gemacht und es diversen Redaktionen zum Kauf angeboten. Als niemand das Video kaufen wollte, stellten sie es ins Netz, wo es seither bei Porno-Portalen Klicks einsammelte. Lohfink sagt, sie hatte einen „Filmriss“. Auf dem Video sagt sie mehrfach „hört auf“. Das Gericht war der Überzeugung, sie meinte damit die Filmaufnahmen und nicht den Geschlechtsverkehr. Ergebnis: Die Männer erhielten eine Geldstrafe wegen der Verbreitung des Videos, Lohfink einen Strafbefehl wegen Falschbeschuldigung. Den will sie nicht akzeptieren, weshalb die Geschichte seit ein paar Tagen erneut durch den Gerichtssaal und die Medien geistert, inklusive aller intimen, verletzenden Details. Im Fall Lohfink mag es vielen Medien allerdings tatsächlich in guter Absicht darum gehen, eine Reform des Sexualstrafrechts einzufordern. Der Effekt ist aber ähnlich wie bei einer Rufmordkampagne: In Dauerschleife wird die Intimsphäre einer Person verletzt. Hier losgetreten durch die beiden Männer, die das Video ins Netz gestellt haben. Die Geldstrafe für diese perfide Form der Persönlichkeitszerstörung ist in der Tat eher ein Witz.

Man könnte jetzt noch den Fall des Star-Geigers David Garett anführen, dessen Ex-Freundin ihn des Missbrauchs bezichtigt und vorsorglich Aufnahmen und Protokolle von intimen Momenten angefertigt hat, die selbstverständlich über die Medien auch schon ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben.

So unterschiedliche diese Fälle im einzelnen sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Intime Vorgänge, bei denen es in der Regel nur zwei Beteiligte gab, werden ohne Scheu und Scham über das Internet und/oder die Medien an die Öffentlichkeit gezerrt. Und zwar bevor eine Schuldfrage bezüglich der erhobenen Vorwürfe auch nur ansatzweise geklärt ist. Oftmals wird sich eine Schuldfrage womöglich auch gar nicht klären lassen, weil Aussage gegen Aussage steht.

Dass verlassene Liebhaber oder Geliebte auf Rache sinnen, ist nichts ganz Neues. Auch nicht, dass Sex, bzw. Aufnahmen von Sex für Erpressung instrumentalisiert werden, dass Sex als Waffe genutzt wird. Im Englischen gibt es dafür den sehr unschönen Begriff „Revenge-Porn“. Ebenso wie es Soziale Medien beispiellos einfach machen, Hass und Hetze zu verbreiten, ist es auch beispiellos einfach geworden, jemanden sexuell zu denunzieren und zu demütigen. Noch nie war Sex so einfach und umfassend als Waffe einsetzbar wie heute und es wird immer häufiger und skrupelloser davon Gebrauch gemacht.

Für die Medien wiederum ist die sexuelle Demütigung keine Waffe, sondern eher eine Ware mit sich die dringend benötigte Aufmerksamkeit erzielen lässt. Muss wirklich jedes Detail des Intimlebens eines Prominenten ausgebreitet werden? Muss man, wie im Falle Jacob Appelbaum beim BR-Zündfunk geschehen,  auch noch zu Formulierungen greifen, dass „sein Testosteron aus jeder Ritze seines Laptops quillt“? Vermeintlich seriöse oder öffentlich-rechtliche Medien sind hier keinesfalls anständiger als Boulevardmedien.

Medien allgemein beklagen gerne, dass die Verrohung der Sitten im Social Web neue Dimensionen annimmt. Und gleichzeitig befeuern sie diesen Effekt, wie in den Fällen Appelbaum und Garrett, oft selbst, indem unbewiesene, anonyme Anschuldigungen mit großem Eifer ungeprüft weitergetragen werden. Und selbst wenn die Berichterstattung – wie im Falle Lohfink – in guter Absicht erfolgt, wiederholt sie doch die Verletzung der Intimsphäre. Es ist nicht leicht, mit diesem Phänomen umzugehen. Ein wenig mehr Sensibilität und Nachdenken vor der Veröffentlichung wären vielleicht ein erster Schritt.

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Alle Kommentare

  1. “Ebenso wie es Soziale Medien beispiellos einfach machen, Hass und Hetze zu verbreiten, …”

    Ja, das stimmt und genau das haben ca. 60 Prozent der Bevölkerung ja gerade im letzten Jahr auch zur Genüge erleben müssen.

    Jeder Kritiker oder Gegner der Asylpolitik der Regierung Merkel wird diffamiert und pauschal in die ultrarechte oder sogar gleich ganz in die Nazi-Ecke gestellt. Bei jeder Diskussion darüber ist die Nazikeule auf Seiten der ach so “guten Menschen” immer dabei.

    Ich finde es deshalb auch richtig und mutig, das Herr Winterbauer das hier mal so offen an – und ausspricht… 🙂

    Zur Sache selber:

    Soziale Medien lassen sich (bisher) nur unzureichend bis garnicht kontrollieren, denn “leider” hat eine Demokratie nun mal Gesetze, die genau so etwas nämlich mit voller Absicht verhindern sollen.

    Aber Heiko Maas von der SPD arbeitet ja daran das zu ändern und möglichst alles über Bord zu werfen, was Meinungsfreiheit und damit eine Demokratie ausmacht.

    Er nimmt sich Extrem-Beispiele heraus, die schon immer justiziabel waren und für die man keinerlei neue Gesetze bräuchte.

    Um nämlich einen Vorwand zu haben seine (!) Gesetze einzuführen, die dann so dehnbar formuliert sind, das sie am Ende als reine Zensur wirken – und so ziemlich gegen jeden angewendet werden könnten, der auch nur eine abweichende Meinung hat.

    Das zu den sozialen Netzwerken und nun zur Presse:

    Die Presse an sich hat eine hehre und schöne Funktion aber die Journalisten haben in erster Linie Zahlen und Ziele zu erreichen, so wie in jeder anderen Firma auch. Daran wird alles gemessen, auch das Gehalt oder Prämien und Zulagen.

    Man muss also Klicks, Verkaufs- und noch ein dutzend andere Eckwerte erfüllen und das kann man nicht erreichen, wenn man in gewissen Sachen zu zimperlich ist.

    Dies trifft immer mehr auch auf bisher als seriös geltende Presseerzeugnisse zu, weil sich der Wettbewerb nun mal extrem verschärft hat und die Einnahmen überall sinken, schon seit Jahren.

    Irgendwann ist aber das Ende der finanziellen Fahnenstange auch bei diesen mal erreicht (oder zumindest in Sicht) und man verwendet halt auch dort Themen, die *nachweislich* Geld bringen. – Sex sells.

    Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich begrüße das nicht und ich finde so etwas auch nicht gut – aber es ist nun mal die Realität.

    “Es ist nicht leicht, mit diesem Phänomen umzugehen. Ein wenig mehr Sensibilität und Nachdenken vor der Veröffentlichung wären vielleicht ein erster Schritt.”

    Ok, dieser Appell von Herrn Winterbauer ist sicher gut gemeint und er schadet ja auch nicht. – Aber nützen wird er eben vermutlich auch nichts, aus obigen Gründen.

  2. Jeder der ihr Sex Video mit den beiden Männern gesehen hat, weis das sie diese falsch der Vergewaltigung beschuldigt hat!

    Ich fordere den Gesetzgeber auf, solche Frauen die absichtlich das Leben eines Mannes HÄRTER zu bestrafen als eine durch einen Vergewaltiger ausgeführte Straftat.

    Warum? Weil bei unverdienter Verurteilung ein unschuldiges Menschenleben zerstört wird und es ein Hohn für alle Frauen ist die tatsächlich Opfer wurden.

    1. In der Tat wäre dies eine genau richtige Verschärfung des Strafrechts: Falsche Beschuldigungen genauso bestrafen wie die angebliche Straftat, Weiterverbreitung von Lügen und Falschmeldungen ebenso.
      Im Artikel wird nur David Garrett erwähnt, in den Kommentaren noch Herr Kachelmann. Die Liste Betroffener ließe sich beliebig fortsetzen, z.B. Kobe Bryant (US-Basketballstar, Freispruch, aber Verlust von Werbeverträgen etc. >10Mio USD), Colin Farrell (Video), Ottfried Fischer(Video), Karl Dall und Udo Jürgens (Denunziation durch die gleiche, psychisch gestörte Stalkerin), Erin Andrews(US-Sportreporterin),…
      Journalisten sollten keine wilden Gerüchte verbreiten, wie auch vor Gericht sollte immer die Unschuldsvermutung gelten. Insbesondere in aufsehenerregenden Fällen sehe ich dies heute nicht, z.B. Beate Zschäpe scheint komplett vorverurteilt obwohl es sehr wenige konkrete Beweise für irgend etwas gibt. Gestohlenes Material ist immer mit äußerster Vorsicht zu handhaben. Ich halte auch den Ankauf und Nutzung der Steuerdaten-CDs durch den Staat für falsch (Hehlerei).
      Ich verstehe auch den Fall der Berliner Deutschrussin nicht, die als 13jährige einvernehmlichen Sex mit 2 Erwachsenen gehabt haben soll, obwohl sie mit 13 (Dreizehn!) gemäß Strafrecht gar kein Einverständnis geben kann! Andererseits kann ich es auch überhaupt nicht nachvollziehen, wenn eine “Professionelle” “Vergewaltigung” schreit…

  3. Die “Menschenrechte” werden, wie eine Monstranz durch die Gegend getragen und jeder muss seinen Kotau machen, will er nicht als Nazi gelten. Nur der normale menschliche Anstand ist verloren gegangen. Die hier geschilderten Vorfälle gehören alle unter die Rubrik “Das tut man nicht”. Dennoch bei der Verurteilung wegen Falschbeschuldigung im Falle Lohfink ist wohl einiges mehr zu hinterfragen. War sie vielleicht sogar Rechtsbeugung, da der Vorfall nicht erfunden war, sondern tatsächlich stattgefunden hat? Von schwerwiegenden Täuschungen ist jedenfalls nichts berichtet worden. Ob nun die Beweislage ausreicht oder nicht, kann doch ein Opfer (zumindest der Verletzung der Persönlichkeitsrechte vorsichtig formuliert) nicht feststellen. Da das Gericht nicht feststellen konnte, was mit “hört auf” wirklich gemeint war, kann es wohl kaum behaupten, dass hier eine Falschaussage vorläge. Im Zweifel für den Angeklagten muss dann für alle gelten. Wie es scheint, verläuft sich die deutsche Justiz immer öfter im Labyrinth der “Political Correctness” und verlernt zusehends den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen.

  4. Dazu hätte Sebastian Edathy sicher auch viel zu sagen, sein Verfahren wurde ja mangels Straftat eingestellt (gegen Geldauflage), auf den bei ihm gefundenen Nackt-Bildern handelte es sich nicht zweifelsfrei um unter 14-jährige, was aber keinen mehr interessierte. Der hannoveraner Staatsanwalt, der schon Christian Wulff verfolgte, lies trotzdem die Wohnung des SPD-Abgeordneten durchsuchen und klagte dann einfach mal an.

    Und Grossstädter zuckten damals mit den Schultern, dass Christian von Bötticher mit einer 16 jährigen liiert war, aber die Medien waren für die Story über einen “Perversen” dankbar.

  5. Sorry, aber das private, intime ist politisch.
    Gerade ein Aktivist wie Appelbaum muss eben auch einen moralisch einwandfreien Lebenswandel habe, alles andere wäre inkonsequent.

    Das viele Dinge momentan leider nicht bestraft werden können ließe sich durch eine entsprechende Verschärfung des Strafrechts leicht ändern.
    Gerade eine Umkehrung der Beweislast wie sie z.B. im Steuerrecht angedacht ist könnte die Verurteilung von Männern denen Sexualstraftaten vorgeworfen werden beschleunigen.
    Man muss sich auch fragen ob die Unschuldsvermutung noch wirklich zeitgemäß ist, oder ob sich nicht nur weißen, mittelalten Männern dient. Nadine Lantzsch hatte dazu schon ein paar gute Gedankengänge.

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