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Stanislawski scheitert am Touchpad, Phrasen-Gedribbel von Rolfes und Kehl: das verpatzte Debüt der Experten-B-Elf des ZDF

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Angeregte Diskussion im ZDF-EM-Studio

Alle zwei Jahre wieder: Es ist Fußball-EM oder WM, und die Öffentlichen-Rechtlichen zerren ehemalige Fußballstars oder -trainer als sogenannte „Experten“ vor die Kamera. Nicht immer geht das gut, wie die Neuaufstellung beim ZDF beweist. Ex-St-Pauli-Trainer Holger Stanislawski, der frühere Dortmunder Kapitän Sebastian Kehl und Ex-Nationalspieler Simon Rolfes (Leverkusen) verpatzen ihr Debüt.

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Es ist die viel zitierte Qual der Wahl: Zur EM und WM gehört die Verpflichtung von einstigen Fußball-Stars als Experten wie die einstündige Analyse-Pause zwischen den Spielen – irgendwie muss die Zeit ja überbrückt werden.

Am besten mit bekannten Gesichtern: Günter Netzer im dynamischen Duo mit Gerhard Delling in der ARD und die einst legendäre Dreierkette aus Jürgen Klopp, Urs Meier und Johannes B. Kerner prägten die Fußball-Großereignisse in den Nullerjahren.

Nach dem Ausscheiden der Kult-Kommentatoren Netzer und Klopp ist ARD und ZDF die Grundauffrischung mit den Ex-Bayern-Stars Mehmet Scholl und Oliver Kahn ziemlich reibungslos geglückt – beide kommentieren nun schon das vierte Großturnier für die Öffentlich-Rechtlichen. Und das Schweizer Schiedsrichterurgestein Urs Meier leitet seit nunmehr elf Jahren fürs ZDF durch die Regelkunde.

ZDF-Neuverpflichtungen Simon Rolfes, Sebastian Kehl und Holger Stanislawski

Doch in Mainz wollte man offenkundig zudem die Brücke zur nächsten Generation schlagen – und verpflichtete anlässlich der Fußball-EM in Frankreich gleich drei neue Namen, die sich schon zur aktiven Zeit nie wirklich ins kollektive Gedächtnis von Fußball-Deutschland eingebrannt haben. Die Mittelfeldrecken Simon Rolfes (Bayer Leverkusen) und Sebastian Kehl (Borussia Dortmund) stammen aus der gleichen Generation wie Michael Ballack, bringen es zusammen aber gerade mal auf 57 Einsätze im DFB-Trikot.

Unter ‚ferner liefen’ rangiert noch Holger Stanislawski, der als langjähriger St.Pauli-Spieler und -Trainer in der Hansestadt zwar Kultstatus besitzt, in seinen beiden kurzen Trainergastspielen in Hoffenheim und Köln im Rest der Republik jedoch furios scheiterte – drei Jahre ist das jetzt her. Seitdem ist Stanislawski Mitbesitzer und Geschäftsführer eines Rewe-Marktes im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Winterhude.

Ex-St.-Pauli-Trainer Stanislawski macht kein gutes Bild als Touchpad-Analytiker

Was sich das ZDF dabei gedacht hat, den schnoddrigen Hamburger zum Taktikfuchs der Videoanalyse zu befördern, ist nach den ersten beiden unglücklichen Auftritten am Freitag und Samstag nicht wirklich klar. Stanislawski ist am Touchpad, das eine gewisse mediale Präsenz erfordert, hoffnungslos überfordert.

Der Touchpad-Analytiker ist eine Erfindung von US-Wahlsendungen, der dem Zuschauer in wenigen Minuten anhand von Infografiken einen gewissen Insight vermitteln soll  – CNN-Journalist John King („The Magic Wall“) hat das Berufsbild salonfähig gemacht. Jedes Wort muss sitzen und zum Visuellen passen, eine gewisse Fingerfertigkeit ist Voraussetzung, ansonsten verliert man sich schnell in den bunten Bildern und Info-Häppchen.

“Dementsprechend ist es letztlich so… ich sage mal…”

Bei Holger Stanislawski hörten sich die Analysen zu angehaltenen Spielsituationen so an:

„Wir haben die französische Mannschaft so gesehen, dass ähm, ja – ganz einfach als Mannschaft haben sie viel zu wenig agiert. (…) Dementsprechend ist es letztlich so, dass wir, diese individuelle Klasse, die sie eigentlich sonst haben, sehen wir hier letztendlich in diesem Bereich… Und das, ähm, wird sich sicherlich in den nächsten Partien steigern müssen, damit sie dann auch, ähm, ja, sage ich mal, ihre Klasse als Mannschaft besser beweisen können.“

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„Er wird alleingelassen. Pogba wird völlig alleingelassen“, erklärte Stanislawski in der Nachbetrachtung des Eröffnungsspiels immer wieder. Das gilt für den 46-Jährigen, der dann noch mit einstudierten Kalauern (“Der Schiedsrichter macht genau einen Pfiff richtig: Das ist der Anpfiff”) zu punkten versucht, am Ende vor dem Touchscreen selbst. Es gibt Spielerinterviews nach dem Schlusspfiff, die mehr inhaltliche Substanz besitzen als die Video-Analysen des früheren Bundesliga-Trainers.

Sebastian Kehl und Simon Rolfes: Großes Phrasen-Wettdreschen

Sebastian Kehl, in seinen sechs Jahren als Dortmund-Kapitän bislang immer für ein klares Wort bekannt, kann analytische Tiefe unterdessen ebenfalls bislang nicht an den Moderationstisch bringen. „Insgesamt gab es Chancen auf beiden Seiten. Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel. Am Ende wurde es durch eine Einzelaktion entschieden. Obgleich wir auch eins, zwei Schiedsrichteraktionen hatten, die wir heute noch diskutieren werden“, drischt Kehl Floskeln, die austauschbar sind wie sein Dressman-Look.

Und Simon Rolfes? Der frühere Mittfeldstratege von Bayer Leverkusen überbietet sich mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die sich neuerdings Jugendsprache angeeignet hat („Der Rasen kann was“, „Läuft“), in der Disziplin des Phrasendreschens.

Am Rande des Abschlusstrainings erklärt Rolfes: „Löw hat die Ruhe des Weltmeisters“; „Spieler-Interviews gehören eben dazu. Sie verkürzen die Mittagspause“; „beim Abschlusstraining kann man mal den einen oder anderen Schuh ausprobieren“. Und zum geschlossenen Dach: „Wenn es regnet, würde es Spuren hinterlassen, und das will ja keiner“

Keine Frage: Es war bislang nur das Auftakt-Wochenende der Europameisterschaft. Und doch sieht es an den ersten beiden Tagen ziemlich danach aus, als hätte sich das ZDF mit der neuen Kommentatoren-B-Elf ins Abseits gestellt.

Aberz um Glück haben die Mainzer mit Oliver Kahn ja noch einen Torwart-Titanen am Kommentatorenstisch sitzen, der von der ersten Minute an in EM-Form ist – und als einer der wenigen Fouls erkennt, die sonst keinem auffallen. Weitermachen, immer weitermachen!

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Alle Kommentare

  1. Polemik ist eine feine Sache, aber die Tatsachen sollten doch auch zumindest ein klitzeklein wenig Beachtung finden.

    Stanislawki hat einen Punktschnitt als Trainer von 1,42. Er ist mit St. Pauli von der dritten in die erste Liga durchmarschiert und auch Köln wollte ihn unbedingt halten. Als Hoffenheim ihn entließ, ging es anschließend bergab in der Tabelle. Sich darüber lustig zu machen, dass er seitdem einer bezahlten Tätigkeit nachgeht, statt über den Golfplatz zu flanieren, ist deplatziert.

    Sich dann noch darüber zu echauffieren dass zwei Menschen “nur” 57 Mal für die Nationalmannschaft aufgelaufen sind, ist dann nur noch unfassbar dumm. Wie oft hat der begnadete Fernsehplauderer Klopp denn für die Nationalmannschaft gespielt? Podolski und Matthäus wären also die besseren Fernseh-Experten?

    Anderen Ahnungslosigkeit vorwerfen, gleichzeitig aber selbst erschreckende Ahnungslosigkeit zeigen…

  2. Wohl wahr, Herr Trulsen, Wenn Meedia das Terrain des Verkündens von Einschaltquoten verlässt und versucht, analytisch zu werden, sind die Texte selten von Kompetenz durchdrungen.

  3. Bei Stanislawski mögen Nervosität und fehlende Eloquenz entschuldbare Faktoren für seinen wirklich sehr unangenehmen Sprachgebrauch (Satzbau, Füllwörter) sein (ich kann das Gestammel wirklich kaum ertragen), aber dass er inhaltlich nichts Werthaltiges beisteuern kann, ist dann doch schon verhängnisvoll für einen “Analysten”.

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