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„Mensch Gottschalk“ bei RTL: die überlange retro Fernseh-Wundertüte

Thomas Gottschalk

Die Vorzeichen standen eher schlecht für Thomas Gottschalks x-tes „Comeback“ nach dem „Wetten dass..?“-Aus. Würde „Mensch Gottschalk“ nun eine Wundertüte, ein „Wetten dass..?“ ohne Wetten ein „Gottschalk Live“ XXL oder ein Jahresrückblick Anfang Juni sein? Es war von alldem ein bisschen aber komischerweise war das alles gar nicht mal schlecht. Nur halt wieder mal viel zu lang.

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Statt Eurovisionshymne gab es das dctp-Logo am Anfang von „Mensch Gottschalk – das bewegt Deutschland.“ Die Produktionsfirma ist zusammen mit Spiegel TV verantwortlich für die Mammut-Sendung, die sich von 20.15 Uhr bis 0 Uhr erstreckte.

Und da haben wir auch schon das größte Problem von „Mensch Gottschalk“: die allzu ausufernde Länge. Zwischen ein und zwei Stunden lang wäre die altmodische Mixtur aus Promis, ernsten Themen und Gottschalk-Geplauder sogar angenehm verdaulich zu genießen gewesen. Leider folgt RTL auch dem herrschenden Diktat zur endlosen Show, wie schon bei dem nur für extrem Konditionsstarke erträglichen „Let’s dance“-Finale (vier Stunden!) und eigentlich mittlerweile jeder x-beliebigen „Ultimativen Chartshow“.

Das Kalkül der Sender ist klar: Wenn man schon eine aufwändige Show macht, kann man auch gleich den ganzen Abend damit programmmäßig zupflastern. Unter Kostengesichtspunkten ökonomisch, für die Zuschauer teils schwer erträglich.

Besonders ein Format wie „Mensch Gottschalk“ leidet unter der Überlänge. Wenn Thomas Gottschalk verkündet, dass nach der Werbepause auch noch der Großcousin von Donald Trump kommt, ein Pfälzer, da waren schon Daimler-Chef Dieter Zetsche samt Niki Lauda und Zukunfts-Mercedes da, hat Gottschalk schon unpeinlich mit den Pet Shop Boys geplaudert, die Groß-Themen Krebs, Flüchtlinge, Europakrise (zu Martin Schulz: „Putin, wie is’n der so?“ Schulz: „Sie sind netter.“) und Terror abgehakt, hat sich von den Ehrlich Brothers Tricks zeigen lassen, eine Parade von EM-Fußballkindern abgenommen usw. Sogar den Jauch hat er zwischendurch angerufen („Der guckt wahrscheinlich gerade Anne Will.“). Eigentlich Stoff für mindestens drei Shows und es folgten ja noch eineinhalb Stunden! U.a. mit dem Siegerpaar aus „Let’s dance“, einem veganen Metzger, Nena, Samuel Koch und dem EM-Song von Marc Forster. Ach ja, Hunde, die „irgendwas können“, kamen kurz vor Schluss auch noch vor. So eine Art Saalwette.

Die Produktion und Gottschalk schafften dabei das Kunststück mehr oder weniger alles zu sein, was Kritiker im Vorfeld schon ahnten und es trotzdem gut zu machen. Ja, es wirkte teilweise wie „Wetten dass..?“ ohne Wetten, wie ein Jahresrückblick im Juni oder wie ein aufgeblasenes „stern TV“. Manchmal sogar wie ein Nachhall von Gottschalks alter 19.30 Uhr-Show „Na sowas!“, die damals mit nur 45 Minuten pro Ausgabe auskam. Komischerweise funktionierte dieses Prinzip Wundertüte. Gottschalk hielt den Laden zusammen, fühlte sich sichtlich wohler als noch im ARD-Vorabendkorsett oder an der Seite des Unsympathen Dieter Bohlen beim „Supertalent“. Und wenn es Gottschalk gut geht, gefällt in der Regel auch das Ergebnis.

Den genialsten Kniff lieferten Gottschalk und seine Produzenten ganz am Anfang noch vor dem Vorspann. Plötzlich war Gottschalk da, plauderte mit dem Publikum, gab den Warm-upper. Das kann er immer noch wie kein Zweiter: Kontakt zum Publikum aufbauen und halten. „Es wird sich ziehen“, bemerkte Gottschalk in den ersten Sekunden schon mit prophetischer Selbsterkenntnis.

Es hat sich dann wirklich gezogen aber es gibt Schlimmeres im deutschen Fernsehen. Wenn RTL (und andere) sich wieder dazu durchringen könnte, Shows unter drei Stunden Laufzeit ins Abendprogramm zu nehmen, wäre „Mensch Gottschalk“ sogar ziemlich gut. „Mensch Gottschalk“ war jedenfalls der beste Fernsehgottschalk seit „Wetten dass..?“

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