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Handelsblatt-Chef Gabor Steingart über Presse-Subventionen: “Verlegerverbände sollten das Jammern einstellen”

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart
Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart

„Wir Zeitungsleute sind auch nicht besser“ als die Landwirte, die nach dem Verfall des Milchpreises jetzt Subventionen verlangen und bekommen. In seinem Morning Briefing liest Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart diesmal Verlagsmanagern und vor allem den Funktionären der Branchen-Verbände die Leviten. Auf Nachfragen von MEEDIA präzisiert Steingart seine Kritik und fordert mehr Engagement der „Verbandsfürsten“ im Kampf gegen Google.

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Auslöser der Debatte ist ein Bericht des Handelsblatts, wonach die Beamten des Bundesfinanzministeriums den ermäßigten Mehrwertsteuersatz, der auch für Presseerzeugnisse gilt, für eine gewaltige Subvention halten würden. Rund 30 Milliarden Euro würden dem Fiskus so entgehen.

In seinem Morning Briefing schreibt der Handelsblatt-Herausgeber dazu:

Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz auf Babywindeln, Hundenahrung und eben auch Presseerzeugnisse beschert dem Staat Steuerausfälle in Höhe von vielen Milliarden Euro, klagt der Finanzminister. Die Verbandsfunktionäre der Verlage wollen trotzdem nicht auf diese Förderung verzichten. Sie nennen es Lesehilfe. Schäuble nennt es Subvention. Sie wollen den Status Quo retten, er seine Kasse. Sein Vorbild ist Ludwig Erhard – ihres offenbar der Milchbauer.

Gegenüber MEEDIA legt Steingart nun nach:

Herr Steingart, aus welchen Gründen lehnen Sie Subventionen ab?
Staatliche Stützungsmaßnahmen führen, erst recht wenn sie auf Dauer gewährt werden, zu Bequemlichkeit. Der Erfolg der Marktwirtschaft beruht darauf, dass sie Kreativität fördert. Dauersubventionen prämieren den Ideenlosen.

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Die verminderte Mehrwertsteuer soll den Verlagen auch helfen, die Krise zu bewältigen. Könnten die Verlage das überhaupt aus eigener Kraft schaffen und wenn ja, wie?
Wir befinden uns in keiner Medienkrise, sondern in einer Transformation. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche und eine zunehmend selbstbewusste Leserschaft fordern die Traditionalisten unseres Gewerbes heraus. Und das ist gut so!  Wer seine Zukunft einzig an das Verkaufen von bedrucktem Papier koppelt, der erlebt in der Tat schwierige Zeiten. Wer aber streitbaren und lebhaften Journalismus in all seinen Darreichungsformen anbietet – Print, digital und live auf der Bühne – der erlebt einen Aufschwung. Krise ist für viele  nur ein anderes Wort für Bequemlichkeit.

Sollten die Verlegerverbände ein Zeichen setzen und beispielsweise auf einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für die Digital-Angebote verzichten?
Sie sollten das Jammern einstellen und der neuen Zeit mit offenen Armen entgegen laufen. Autoren und Verlage brauchen keine Subvention. Was sie benötigen, ist eine Staatlichkeit, die den Wert von geistigem Eigentum erkennt und schützt. Insofern wird der Staat, auch der Verbändestaat nicht arbeitslos. Aber er sollte sich meiner Meinung nicht mit dem Konservieren von Vergangenheit, sondern mit dem Gestalten von Zukunft befassen.

Sie spielen auf Google und die Klage einiger deutscher Verlage gegen dessen Geschäftsmodell an.
Google lebt von der Vermarktung von Texten, Bildern und Grafiken, die andere erstellt haben. Diese anderen sind Autoren, Fotografen, Dichter, Diplomanten, Doktoranten, Künstler und Journalisten, die mit Beträgen nahe null entgolten werden. Google hingegen verdiente in 2015 vor Steuern rund 20 Milliarden US-Dollar. Das ist gegenüber den Kreativen unfair und für die Gesellschaft insgesamt nicht förderlich. Das schreit nach Veränderung, aber viele Verbandsfürsten befinden sich offenbar im Tiefschlaf.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

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Alle Kommentare

  1. Dieser Satz ist schlicht und einfach eine Lüge: “Google lebt von der Vermarktung von Texten, Bildern und Grafiken, die andere erstellt haben.”

  2. Mit robots.txt kann jeder sperren wen er nicht gelistet haben will.
    So wie im Telefonbuch auch nicht alle Nummern stehen.
    Man könnte als investigativer Blogger, D21, Piraten oder auch als Journalist mal beim Bundestag oder Länderparlamenten schauen ob die robots.txt benutzen. Die IT-Verwaltung erklärt den Zweck sicher kurz und knapp auf Anfrage schriftlich und damit kann man jeden Abgeordneten in der Sprechstunde besuchen.

    Sind Supermärkte, Tankstellen-Zeitschriften-Regale schlecht, weil man dort die Titelseiten lesen kann oder bei Bahnhofsbuchhandlungen auch noch viele verschiedene Verlage vereinigt sind und nicht immer nur die Zeitschriften von nur einem Verlag oder nur einem Vertrieb ?

    Wie ich schon vor Jahren schrieb und neulich wieder irgendwo zu lesen war als “Lokalberichte laufen gut” und man auch an Lokal-Radios und überraschend vielen Lokal-Sendern auf Astra19Ost erkennt: Warren Buffet hat bei lokaleren Lokalzeitungen wohl bessere Zahlen als bei größeren Regionen. Die Bundespolitik sucht man sich dann aus indem man eine linke oder rechte Zeitung oder liberale (“Kein Mindestlohn” “Entlassung sofort” “1-Euro-Jobs müssen wiederkommen” “kein Obamacare”) Zeitschriften in politischer Windrichtung/Färbung der Eigentümerfamilie kaufte.

    Die alten Leute werden jedes Jahr vielleicht 1.25% weniger und die neuen Generationen, welche Verlinkung nicht als Diebstahl sieht, etwa 1% mehr. Da ist schnell klar das Print ausstirbt wenn man sich falsch informiert fühlt.
    Ein guter Journalist sät wirksam den Keim des Zweifels und der Rest wächst dann und zeigt sich überall…
    Bei Fußball sieht man das ständig: Ein Spiel kann man mal verlieren. Mehrere Hintereinander nicht. Und wer aus dem Elfenbeinturm trotz Alters-Weitsichtigkeit oder halt Erfahrung und Weitblick nicht mehr sieht was an der Basis stattfindet, braucht sich um den Untergang nicht wundern…

    “Es gibt keinen Klimawandel. Das haben sich die Grünen ausgedacht.” sollte man angesichts der aktuellen Wetterlage mal wieder öffentlich durch damalige Politiker-Aufnahmen zitieren und ins Licht holen damit man sieht, wer das Land besser nicht regieren sollte.

    Wäre ich Journalist hätte ich mich über Online sofort gefreut weil ich dort die Artikel vollumfänglicher und vollständiger anbieten kann als im platzbegrenzten Print oder Zeitbegrenzten TV oder zeitbegrenzten Radio.
    Wer a la Cuisine kochen darf freut sich ja auch mehr als wenn man Kantinen-Einheits-Schüsseln mit 100 Nudeln oder Zeitungs-Artikeln mit 100 Worten füllen muss.
    Das man vieles wiederverwendet und z.B. aufklappbar macht, schadet den Online-Artikeln ja nicht. Stattdessen ist ein Großteil nur copy-paste von Agenturmeldungen. Wer “ausgeblendete Artikel anzeigen” bei News-Google aufklappt, erkennt das auch ohne Germanistik-Studium vermutlich schnell an Wort-Kombinationen oder in vielen Artikeln verwendeten selteneren Worten.
    Sollte nicht eigentlich die Agentur alle Klicks bekommen anstelle der Repeater ? Bei Print früher war das nicht aufgefallen und auch genau der Zweck der Agentur-Meldungen über nicht-lokale Themen welche man nicht selber bearbeiten will. Wer mal Pressespiegel für Großkonzerne ausschneiden musste, kennt den Effekt aber vielleicht und könnte es berichten.

  3. „Google lebt von der Vermarktung von Texten, Bildern und Grafiken, die andere erstellt haben. … Das ist gegenüber den Kreativen unfair … “
    Das ist Quatsch!
    Wir sind sehr froh, dass Google Leser auf unser kleines Fachportal schickt. Für uns ohne weiteren Aufwand bzw. Kosten. Das finde ich durchaus fair.

    Und genau, mit robot.txt kann sich jede Webseite für Google sperren.

  4. 30 Millionen (lt. Meedia) oder 30 Milliarden (lt. Handelsblatt)? Ich bin verwirrt.

    Für mich steht stets die Güte eines ganzen Artikels in Frage, wenn nicht einmal eine Zahl unfallfrei abgeschrieben werden kann (was hier sicher der einzige Fehler ist)

  5. Ich habe schon viele Zeilen und Bücher aus der Feder von Gabor Steingart gelesen und war von seiner Weitsicht angetan. Hier aber kommt mir der Handelsblatt-Herausgeber ziemlich eindimensional und vor allem unangemessen neoliberal vor.
    Wenn man mit Steuern steuern kann, dann doch bitte gerade bei Kultur und Bildung! Sicherlich lässt sich streiten, ob es sinnvoll ist, einen Fastfood-Bürger unterschiedlich zu besteuern – je nachdem, ob im Schnell-Restaurant oder auf der Straße gegessen. Über die Rolle aufgeklärter Bürger lässt sich schon deutlich schwerer ein Diskurs anzetteln. Der mündige und informierte Mensch sollte uns das Geld wert sein. Oder?

    Wir erleben bereits jetzt – ja ich jammere – den Niedergang eines ausgewogenen Journalismus. Eines Handwerks, das zumindest meist auf Objektivität und gesetzt hatte. Sie, Gabor Steingart, lassen uns wissen: „Wer aber streitbaren und lebhaften Journalismus in all seinen Darreichungsformen anbietet – Print, digital und live auf der Bühne – der erlebt einen Aufschwung.“ Mit heutigen Blick beispielsweise auf den Spiegel und seiner neuen Sparrunde – inklusive Entlassungen und Kürzungen bei den Freien – kann ich nur sagen: Dann sind wohl alle zu doof, die Regeln des Marktes zu begreifen. Welcher Nachrichten- und Content-Produzent erfreut sich denn an Überschüssen aus diesem Kerngeschäft. Die meisten sind froh, wenn noch eine Cross-Finanzierung aus Preisvergleichs- und Verkaufsportalen klappt. Klar gibt es erfolgreiche Medienanbieter. Schauen Sie sich doch den Auftritt von… – na greifen wir einfach mal eine die Portalseite eines E-Mail-Anbieters heraus. Dort findet sich eine user-gerechte bunte Mischung des „neuen“ Journalismus. Aufklärung, Wissen und sozialer Frieden sind hier sicher in guten Händen. Eine Steuerungsfunktion des Staates ist also vollkommen überflüssig! Es reicht, wenn sich der Wissensstandort Deutschland mit Diätwundern und fragwürdigen Kuriositäten der Schönen und Reichen beschäftigt und das alles versteckt in einem Teppich aus Werbung.

    Herr Steingart, Sie können jetzt sagen, das interessiert die Menschen eben. Google-Analytics bestätigt es doch. Und ich sage: Ja, und genau deshalb ist der ermäßigte Steuersatz wichtig. Qualität zu produzieren, Schwieriges einfach zu erklären ist eben teurer als der gesamte belanglose Unterhaltungs-Schrott. Und genau deshalb muss man die fördern, die mit objektiver Information das friedliche gesellschaftliche Zusammenleben stärken. Wenn die Steuerbegünstigung dazu führt, dass sich mehr Deutsche mit unserer Gesellschaft befassen und die richtigen Schlüsse ziehen, verzichte ich als Bürger gern auf dieses „entgangene“ Geld.

    Der eine oder andere strebt mitunter beispielsweise auch nach Selbst-Justiz und der Staat wird zumindest versuchen sein Machtmonopol zu erhalten. Es soll auch Bürger geben, die zum Steuerbetrug neigen, oder aber mit 100 Kilometern in der Stunde an Schulen vorbeirauschen oder aber dem, der mehr hat auf den Kopf hauen. Was machen wir mit diesen? Keine Regeln? Keine Steuerung? Gated Communities? Das Auseinanderreißen einer Gesellschaft? Ich weiß, ich spitze zu. Aber der Subventionsvorwurf ist ebenfalls eine Übertreibung.

    Und um noch etwas weiter zu jammern, Herr Steingart: Manchmal wäre ich froh, wir – die freien Autoren und Journalisten – wären Milchbauern und hätten irgendwo nur den Ansatz einer Lobby. Bei uns gibt es aber keine Interessenvertretung, die darum kämpft, das Siechtum abzufedern. Diese Berufsgruppe ist finanziell gesehen im freien Fall und das seit etwa zwei Jahrzehnten. Leider geben die Verlage und Medien-Häuser den Druck nach unten weiter – mit inakzeptablen Knebelverträgen, welche die eigentlichen Urheber komplett rechtlos stellen. Deshalb sollten Sie Ihren Seitenhieb auf Google überdenken.
    Vermutlich geht es den Führungsetagen – auch in Ihrem Haus – besser. Angemessene Gehälter seien den Schreiberlingen gegönnt, die in den 90-er Jahren einen Festvertrag ergattert haben. Seitdem sieht es aber fast flächendeckend Böse aus – ob in Anstellung in tieferen Chargen oder als freier Journalist.

    Wenn wir nicht wollen, dass dieser Beruf „nur“ noch als Hobby der „Chefarzt-Gattin“ oder von tendenziell voreingenommenen Gesinnungstätern betrieben wird, dann muss etwas passieren. Was, das entzieht sich leider auch meine Fantasie. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgebe. Ich möchte nicht beleidigen. Sicherlich gibt es ganz fantastisch begabte Chefarzt-Gattinnen. Ich will damit nur sagen, hier müssen Profis ran und die müssen damit auch ihren Lebensunterhalt verdienen können.

    Der Aufforderung das Jammern zu lassen und nach neuen Wegen zu suchen, sind tausende Autoren, Journalisten und Medienhäuser weltweit gefolgt. Leider bislang ohne nennenswerte Erfolge. Also stimmt in diesem Falle irgendetwas nicht mit dem Loblied auf den Kapitalismus und die Kraft des Marktes. Die Aussage des „prove of market“ wäre: Lasst das mit dem Qualitätsjournalismus sein. Es sind zu wenige, die dafür Geld ausgeben möchten. Dann schließen wir doch gleich noch ein paar Konzerthäuser, Theater, Museen, Kindergärten und Schulen. Hurra, dann rechnet sich das schon.

    Vor einigen Tagen hat mich ein 18-Jähriger gefragt, ob er Journalist werden soll. Ich liebte diesen Beruf und war von seiner Bedeutung überzeugt. Nach 20 Jahren der Medienkrise war meine Antwort. Tu es nicht, wenn Du nicht prekär enden möchtest. Für die nächste Zeit sehe ich hier keine Zukunft. Die Hoffnung aber möchte ich nicht dauerhaft aufgeben. Und das fällt mir schwer.

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