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Bild-Politik-Chef Blome: Die Medien jubelten die Flüchtlings-Problematik „keineswegs nur naiv hoch“

So umfassend beschäftigte sich bislang noch keine Zeitung mit der Entstehungsgesichte der Flüchtlingskrise. In einer fünfteiligen Serie rollt die Bild seit dem gestrigen Montag alle Hintergründe sehr detailliert auf. Im Interview mit MEEDIA erzählt Politik-Chef Nikolaus Blome, warum gerade die Bild ein solches journalistisches Mammut-Projekt stemmt und warum die Medien in der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise – im Gegensatz zur Politik – nicht versagt haben.

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Am heutigen Dienstag erschien der zweite Teil der Serie „Wie alles begann“. Darin erzählt unter anderem ein junger Syrer, welche Folgen ein einzelner Tweet des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hatte. Am gestrigen Montag ging es um das Versagen der Politik im Vorfeld der eigentlichen Krise.

Warum kommt die Bild gerade jetzt mit dieser großen Serie?
Es gibt in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich einige Jahrestage, die wir als Aufhänger hätten nutzen können. Tatsächlich recherchieren wir schon sehr lange und intensiv an der Geschichte. In den letzten Tagen hatten wir das Gefühl, dass sich auf der Mittelmeer-Route gerade dasselbe anbahnt wie im vergangenen Frühsommer auf der Balkan-Route. Darum kommen wir Print wie Online jetzt mit unseren fünf Teilen.

Die-Bild-Fluechtlingskriese

Der erste Teil der Bild-Serie

Wie und wo haben sie überall recherchiert?
Wir waren noch einmal lange auf der Balkonroute unterwegs. Wir waren in Wien, Budapest, Brüssel und sehr ausgiebig natürlich im Berliner Regierungsviertel unterwegs. Die großen und kleinen Entscheidungen, die uns interessierten,  sind aber eben nicht alle in Berlin gefallen.

Hat die deutsche Politik denn wirklich versagt oder macht die Berliner Regierung im Vergleich zur restlichen EU nicht doch noch einen guten Job?
Die Bundesregierung hat natürlich für eine gewisse Magnetwirkung gesorgt, indem sie die Grenzen offen gelassen hat für alle Kriegsflüchtlinge, die in Deutschland Asyl wollten. Das halte ich persönlich trotzdem für richtig. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich auch: Die Staaten, die die Balkanroute am Ende blockierten, haben der Kanzlerin die Zeit verschafft, um für die EU das Abkommen mit der Türkei auszuhandeln.

Im ersten Teil der Geschichte erzählen sie, dass die Anfänge der Flüchtlingskrise weit früher als im Sommer 2015 liegen. Ist es ein Ergebnis Ihrer Recherche, dass Merkel zu lange, zu tatenlos zu gesehen hat?
Das hat sie. Aber nicht nur sie. Unsere Geschichte ist eine vom Wegsehen und Ignorieren in vielen europäischen Hauptstädten.

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 11.03.41

Der zweite Teil der Bild-Serie

Welchen Einfluss hat die moderne Kommunikation auf die Geschichte der Flüchtlingskrise?
Flucht geht im 21. Jahrhundert anders vonstatten, als noch vor 20 Jahren. Mit einem einzigen Tweet können sie heute hunderttausende Menschen erreichen und bewegen. Als Innenminister de Maiziere Mitte August kommunizierte, dass man die Prognose der Zahl der Asylsuchenden auf 800.000 erhöhen müsse, kam binnen weniger Stunden in Afghanistan an: Die Deutschen nehmen 800.000 Afghanen auf. Daraufhin sprangen die Zahlen der Asylsuchenden aus Afghanistan sprunghaft nach oben. Gerüchteküche gab es schon immer, aber das ist jetzt Gerüchteküche 4.0. Oder nehmen sie den Tweet des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, dass man syrische Kriegsflüchtlinge pauschal in Deutschland akzeptieren werde. Er ging um den Globus. In unserer Geschichte beschreiben wir, wie ein Flüchtling aus Aleppo in der Türkei von diesem Tweet hört und sich auf den Weg macht.

War dieser Tweet ein Fehler?
Im Nachhinein muss man sagen: Ja. Das sieht man in der Bundesregierung genauso. Sie müssen aber auch bedenken, dass alles in einem Umfeld stattfand, in dem beispielsweise in München die Menschen am Bahnhof standen und klatschten, sobald ein Zug mit Flüchtlingen einfuhr. Ich fand, dass war ein sehr stolzer Moment, voller Euphorie und Hilfsbereitschaft.

Wenn Sie von einem Versagen der Politik sprechen, haben dann auch die Medien versagt?
Nein. Viele Medien haben von Anfang an auch darüber berichtet, was da an Problemen auf das Land zukommen könnte. Gerade Bild ist in der Vergangenheit immer wieder einmal kritisiert worden, weil wir uns vermeintlich zu kritisch mit der Ausländer-Thematik auseinandergesetzt hätten. Der empathische Teil der Berichterstattung hat sicherlich die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung gefördert. Aber mein Eindruck ist nach wie vor, dass damals keineswegs alles nur naiv hochgejubelt wurde.

Hätte man einen solchen großen Wurf, der versucht, einmal die ganze Flüchtlingskrise aufzudröseln, nicht von einem anderen Magazin oder Medienhaus erwarten können?
Wir haben erheblichen Aufwand betrieben, ich glaube, man merkt das beim Lesen. Bild ist wirtschaftlich so gesund, dass wir uns das leisten können und wollen. Ich hoffe zugleich, dass sich noch ganz viele andere Zeitungen und Magazine in dieser Form an dem Thema versuchen werden. Und am Ende schauen wir, wer die packendste und klügste Geschichte erzählt hat.

Verkauft man mit solch einer Titelgeschichte und solch einer Serie Zeitungen oder liegen die wie Blei in den Zeitungsständern?
Online wie Print ist das Interesse sehr groß, so weit wir sehen können. Ist ja auch kein Wunder: Die Flüchtlingsfrage ist nach wie vor das beherrschende Thema, es gibt noch viele offene Fragen und unerzählte Geschichten. Und wenn ein Team von Redakteuren und Reportern bei Bild so eine Serie abliefert, dann kommt sie ins große Schaufenster ganz nach vorn.

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