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Guardian-Vordenker Alan Rusbridger: Digital-Idol der Journalisten, „Orwellscher Alptraum“ der Controller

Alan Rusbridger galt im digitalen Umbruch lange als charismatische Führungskraft der Branche – zuletzt wurde er für den britischen Guardian zur Belastung

Vom Amt des Chefredakteurs hatte sich Alan Rusbridger schon im vergangenen Herbst nach 20 Jahren als Blattmacher des Guardian zurückgezogen. Jetzt wurde bekannt, das der 62-Jährige nicht wie vorgesehen an die Spitze der Stiftung rücken wird, die die britische Mediengruppe finanziert. Für viele Beobachter gleicht die Zäsur einem Ende mit Schrecken statt einem Schrecken ohne Ende – mit Rusbridger. Der war ein charismatischer Journalist, Blattmacher und digitaler Vordenker, brockte seinem Haus aber auch ein Rekordminus ein.

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Der Guardian genießt international einen hervorragenden Ruf, erntete Respekt bei den Snowden-Enthüllungen, gewann einen Pulitzer-Preis und weltweit viele Leser. Mehr als 100 Millionen Unique Users verzeichnet die Website der Zeitung. Hinter dem publizistischen Erfolg und dem starken Web-Wachstum steht vor allem ein Name: Alan Rusbridger. Mit seinem Credo „Digital first“ sorgte er vor Jahren auch in der deutschen Medienbranche für ein Umdenken. Doch das Verdienst, in der digitalen Transformation First Mover gewesen zu sein, hat auch eine Kehrseite. Rusbridger hat zwar den Trend erkannt, aber versäumt, bei aller Erneuerung auch die kaufmännischen Notwendigkeiten zu berücksichtigen. Dem rasanten digitalen Wachstum stand kein Erlösmodell gegenüber, das die Kosten auch nur annähernd zu kompensieren im Stande wäre.

Auch die Überzeugung von Rusbridger, dass die Refinanzierung früher oder später gelingen würde, wenn erst die Online-Marktmacht aufgebaut ist, hat sich bislang nicht bestätigt. Im Gegenteil: Unter Rusbridger schlitterte das von einer gemeinnützigen Stiftung finanzierte Medienhaus immer tiefer in die roten Zahlen. Allein im vergangenen Jahr, so rechnet die FAZ auf, habe die Guardian-Gruppe umgerechnet fast 75 Millionen Euro Verlust gemacht. Rechnet man die Fehlbeträge aus weiteren Aktivitäten (u.a. beim Schwesterblatt Observer) sowie die Kursverluste an den Börsen hinzu, summiere sich der Fehlbetrag auf mehr als 127 Millionen Euro. Ginge es in diesem Tempo weiter, wäre die ehemals hochvermögende Stiftung spätestens in zehn Jahren nicht mehr in der Lage, weitere Gelder nachzuschießen. Die Lesart der FAZ, Rusbridger sei angesichts der Horror-Zahlen nun „komplett gegangen worden“, dürfte daher der Realität recht nahe kommen. Ein Verbleib im Umfeld des Hauses, womöglich gar als Vorsitzender der Stiftung, sei deshalb für Insider ein „Orwellscher Alptraum“.

Offenbar gehörte der ehemalige Enthüllungsjournalist eher zu denen, die Kosteneffizienz und Stellenabbau ankündigen und predigen, tatsächlich aber die Ausgaben hoch treiben. So soll Rusbridger allein in den letzten drei Jahren seiner Chefredakteurszeit sage und schreibe 480 Stellen neu geschaffen haben. Seine Nachfolgerin Katharine Viner musste daher auf die Notbremse treten und will nun 310 Jobs wieder abbauen und neben Verzicht auf Neubesetzungen auch 250 Mitarbeiter kündigen. Beim Guardian verursacht das eine Unruhe, die bei einer maßvolleren Planung vermeidbar gewesen wäre. Man muss dabei unterstellen, dass dem erfahrenen Medienmacher klar gewesen ist, wie riskant sein Kurs mit Blick auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens sein würde. Für Rusbridger dürften Image und Markenpflege die wesentlichen Triebfedern seiner Expansionsstrategie gewesen sein. Das war gut für den Guardian (und vor allem auch für ihn selbst), zugleich aber zu teuer erkauft. Mit dem Rückbau sind nun andere beschäftigt, vermutlich noch geraume Zeit.

„He leaves big shoes to fill“, hatten Kommentatoren zu seinem Abgang als Chefredakteur noch geschrieben. Nun wird klar: Die Fußabdrücke von Alan Rusbridger haben vor allem tiefe finanzielle Löcher gerissen. Er selbst hat sich mit einem Memo zu Wort gemeldet und beklagt, dass sich das journalistische Umfeld seit seinem Ausscheiden vor einigen Monaten gravierend verändert habe. Es klingt aber auch wie ein wortgewaltiges Ablenkungsmanöver: „Wir betreiben unseren Journalismus heute in einem Orkan der Stärke 12.“

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